ApothekerPlus, 23.05.2008

Betriebe für die Prävention gewinnen

FitFactory nennt sich die Netzwerkidee des agilen Gründers und Apothekers Dr. Christian Gerninghaus (43). Sein Anliegen: Nicht nur von Prävention reden, sondern sie bei der wachsenden Zahl chronisch Kranker auch umsetzen. Der Weg dorthin ist außergewöhnlich. Dr. Gerninghaus geht in die Betriebe - direkt zu den Mitarbeitern.

Von Antje Siehl

Der Inhaber der Sonnen-Apotheke in Schlitz, Dr. Christian Gerninghaus, entwickelte die Idee für die FitFactory

Fotos: Gerninghaus

Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg eben zum Propheten kommen", so beschreibt Gerninghaus den Grundstein für seine Idee. Die Propheten sind in diesem Fall die Menschen, der Berg der Arzt oder Apotheker. Denn die Deutschen sind noch immer ignorant, wenn es um Vorsorge geht.

Christian Gerninghaus weiß, wovon er spricht: Seit 1999 bietet er in Hessen und auch bundesweit Fortbildungen für chronisch Kranke im Auftrag von Kammern und Verbänden an, vor allem zu den Themen koronare Herzerkrankung und Stoffwechselerkrankungen. "Wenn die Zahl der Chroniker in diesem Maße weiter steigt, bricht das bestehende beitragsfinanzierte Gesundheitssystem in wenigen Jahren zusammen. Die Betroffenen müssen daher lernen, selbst Verantwortung zu übernehmen. Dabei wollen wir sie unterstützen."

Neue Wege in der Prävention beschreiten

Apotheker und Ärzte können allerdings nur mit denjenigen sprechen, die zu ihnen kommen. Zudem hat Gerninghaus, selbst Inhaber einer Apotheke im nordhessischen Schlitz, feststellen müssen, dass Apotheken als potenzielle Partner für das Thema Prävention kaum wahrgenommen werden. Wie kommt also der Berg zum Propheten, das heißt, wie erreicht er auch die "Vorsorge-Muffel"?

Da meldete sich der Netzwerker und Geschäftsmann in Gerninghaus zu Wort und entschied, mit seiner FitFactory den Weg zu den Menschen über die Betriebe zu gehen. Damit schlägt er zwei Fliegen mit einer Klappe: Einerseits erreicht er eine Vielzahl von Menschen unabhängig von deren Gesundheitsverhalten und andererseits kann er den Arbeitgebern ein Präventions- und Motivationstool an die Hand geben. Denn wer heute seine Mitarbeiter bis zum 67. Lebensjahr beschäftigen muss, hat ein Interesse daran, dass diese Mitarbeiter gesund und damit leistungsfähig bleiben.

Der Gesundheitscheck beinhaltet die Bestimmung von Blutwerten und Blutdruck sowie des Body-Mass-Index.

Im März 2007 gründete der Apotheker die FitFactory und startete ein Pilotprojekt, an dem zehn hessische Betriebe mit 400 Mitarbeitern teilnahmen. "Bei der Akquise haben wir offene Türen bei den Firmen eingerannt. Die Geschäftsführung war in fast allen Fällen sofort auf unserer Seite."

In dem für den Arbeitgeber anonymisierten Check (der freiwillig ist und stärker von Arbeitnehmerinnen als von Arbeitnehmern genutzt wird) ermittelt der Apotheker Blutfett-, Blutglukose- und Blutdruckwerte sowie den Body-Mass-Index (BMI) bzw. den Bauchumfang des Mitarbeiters. Die Kosten pro Check liegen bei 25,00 Euro. Anhand der Ergebnisse wird das individuelle Gesundheitsrisiko des Teilnehmers festgestellt. Der Apotheker gibt außerdem noch Tipps zur Risikominimierung, zum Beispiel zu den Themen Gewicht, Rauchen und Bewegung. Ganz wichtig: Er weist bei kritischen Werten natürlich darauf hin, einen Arzt aufzusuchen. Von der FitFactory profitieren also letztlich auch die Ärzte vor Ort.

Das Feedback der Teilnehmer ist im Übrigen durchweg positiv. Während der Arbeitszeit ist ein kurzer Check einfach und bequem. Und noch viel wichtiger: der Arbeitgeber zeigt ein großes Interesse daran! Das wiederum führt zu positivem Feedback an die Geschäftsleitung und alle profitieren, sowohl in Sachen Gesundheit als auch Motivation.

Krankenkassen, Ärzte und Kliniken kommen an Bord

Gerninghaus war von Anfang an klar, den Präventionsgedanken müssen die Krankenkassen und Verbände breit in ihre Mitgliedschaft hinein transportieren. Gerade die Krankenkassen haben ein ökonomisches Interesse an erfolgreicher Prävention. Da erscheint es nur sinnvoll, dass diese die Gebühren für den Check oder einen Teil davon tragen. Das hat gleichzeitig den Vorteil, dass mehr Unternehmen teilnehmen, sofern die Kosten für sie niedrig bleiben. Gerninghaus konnte für sein Pilotprojekt die Barmer Ersatzkasse gewinnen, die in der Anfangsphase die Gebühren übernahm.

Die Krankenkassen profitieren durch die FitFactory sogar in mehrfacher Hinsicht: Durch die Prävention senken sie langfristig die Kosten, durch die von ihnen gesponserten Präventionschecks verbessert sich ihr Image und letztlich können sie die gesammelten Daten auswerten. Beispielsweise lassen sich anhand der Ergebnisse bestimmte Risikogruppen erkennen und daraufhin weitere Präventionsaktionen durchführen.

Ziel der FitFactory ist es nun, weitere Krankenkassen und auch andere Verbände, die ein Interesse an gesunden Mitgliedern haben, einzubeziehen wie Industrie- und Handelskammern, Gewerkschaften und Handwerkskammern.

"Die Mühlen bei den Krankenkassen und Verbänden mahlen langsam. Mein Konzept liegt der Geschäftsführung der ABDA vor, eine Anfrage läuft also. Wenn ich dort nicht weiter komme, gehe ich im nächsten Schritt auf die Apotheken-Kooperationen zu." LINDA hat zum Beispiel einen Vertrag mit der Techniker Krankenkasse, dies wäre einer von vielen möglichen Wegen, die Gerninghaus im Blick hat.

Erste Erfolge kann der Initiator schon verbuchen, das Netzwerk beginnt sich fortzusetzen: Eine private Klinik mit Spezialisierung auf Gefäßerkrankungen ist bereits auf ihn zugekommen sowie einige Firmen, die ihre Mitarbeiter durch die FitFactory betreuen lassen möchten. Auch Ärzte und Institute möchte er einbeziehen, wenn der Bezug zu den klassischen Volkskrankheiten oder chronischen Erkrankungen da ist. Mit dem Nationalen Aktionsforum Diabetes mellitus in München sowie mit der Assmann-Stiftung für Prävention in Münster, die den PROCAM-Test (Ermittlung des absoluten Risikos, einen Herzinfarkt innerhalb der nächsten zehn Jahre zu erleiden) entwickelt hat, hat er bereits Kontakt aufgenommen.

Maßgeschneidertes Angebot für Apotheker

Um die FitFactory bundesweit in Apothekenkreisen etablieren zu können, bietet Gerninghaus eine Nutzungslizenz an. Apotheker, die die Lizenz der FitFactory erworben haben, gehen in die Firmen und führen zwei Mal pro Jahr 15-minütige Gesundheitschecks durch. Lizenznehmer kann jeder Apotheker werden, der sich auf den Gebieten Diabetes und koronare Herzerkrankungen auskennt und an entsprechenden Fachschulungen teilnimmt. In der Lizenzgebühr sind ausführliche Unterlagen enthalten. Zudem müssen die Lizenznehmer an Ringversuchen des Zentrallaboratoriums Deutscher Apotheker teilnehmen und die Leitlinien der Bundesapothekerkammer zur Bestimmung physiologischer Werte befolgen.

Ein Netzwerk entwächst den Kinderschuhen

Noch ist die FitFactory eine "One-Man-Show" und Christian Gerninghaus hat erkannt, dass innerhalb so kurzer Zeit keine Berge zu versetzen sind. Dennoch soll die FitFactory im nächsten Schritt ihren regionalen Charakter ablegen und nun nach Abschluss des Pilotprojekts bundesweit bekannt gemacht werden.

Die persönlichen Beziehungen von Gerninghaus sind vielfältig und es macht ihm Spaß, an Prävention interessierte Menschen zusammen zu führen. Als Netzwerker und Geschäftsmann fühlt er sich sichtlich wohl. Und was sagt der Heilberufler in ihm? "Als Apotheker möchte ich meine Position festigen und mich eindeutig von Discount-Apotheken abheben. Ich will Heilberufler sein und bleiben und sehe in der FitFactory ein gutes Mittel, diese Funktion zu stärken und gleichzeitig meinen geschäftlichen Ideen, Interessen und Fähigkeiten nachzugehen."

AUF EINEN BLICK

Das Netzwerk FitFactory

  • Gründung im März 2007, um den Präventionsgedanken in die Unternehmen zu tragen.
  • Pilotprojekt mit der Barmer Ersatzkasse und zehn Firmen mit rund 400 Mitarbeitern.
  • 15-minütiger Gesundheitscheck: Bestimmung von Blutfetten, Blutglukose, Blutdruck und BMI bzw. Bauchumfang.
  • Ziel ist die bundesweite Verbreitung.

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