ApothekerPlus, 23.05.2008

Umweltbewusste Arznei-Entsorgung

Nur jeder dritte Bundesbürger bringt seine Altarznei stets in Apotheken. Oft landen die Reste im Hausmüll oder gar in der Toilette. Im start-Projekt wurden die Optionen für einen umweltbewussten Umgang mit Arzneien ausgelotet.

Von Ruth Ney

 Umweltbewusste Arznei-Entsorgung

Für Human-Arzneimittel werden pro Jahr über 30 000 Tonnen Wirkstoffe verwendet. Was Patienten davon nicht verbrauchen, werfen sie oft in den Hausmüll.

Foto: Imago

Nach einer repräsentativen Umfrage des Frankfurter Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) entsorgen 16 Prozent der Deutschen Tabletten, Kapseln und andere feste Zubereitungen häufig oder gelegentlich über die Toilette; bei flüssigen Altmedikamenten sind dies sogar 43 Prozent. Und da Arzneistoffe und deren Metaboliten in Kläranlagen kaum entfernt und nur schwer abgebaut werden, gelangen sie in den Wasserkreislauf - ebenso wie die ausgeschiedenen Wirkstoffe einer Pharmakotherapie.

Rückstände von Humanpharmaka werden mittlerweile verbreitet in Gewässern und teilweise im Trinkwasser nachgewiesen. Eine akute Gefährdung für Menschen gehe davon momentan wohl nicht aus, dafür seien die Konzentrationen zu gering, so Dr. Florian Keil vom ISOE. Unklar seien aber die langfristigen Folgen.

"In der Bevölkerung besteht nach wie vor Unklarheit über die sachgemäße Entsorgung von Altarzneien, da es keine einheitlichen Richtlinien gibt", sagte Keil zu ApothekerPlus. In Rheinland-Pfalz etwa wurde dieses Problem jüngst erkannt. Dort ist Anfang des Jahres ein gemeinsam von Umweltministerium und Landesapotheker- und Landesärztekammer erarbeitetes Faltblatt "Altmedikamente entsorgen" herausgegeben worden, um das Bewusstsein für eine sichere Arznei-Entsorgung zu schärfen.

Möglichkeiten, den Umgang mit Arzneien umweltbewusster zu gestalten, wurden auch im start-Projekt (Strategien zum Umgang mit Arzneimittelwirkstoffen im Trinkwasser) ausgelotet. In dem gerade abgeschlossenen Projekt unter Keils Leitung wurden konkrete Vorschläge erarbeitet, wie Industrie, Gesundheitswesen und Entsorgungswesen Umweltbelastungen reduzieren könnten.

"Für die Pharmaindustrie könnte das bedeuten, bereits bei der Arzneistoffentwicklung Umwelteigenschaften zu berücksichtigen", so Keil. Dem stehe aber die Sorge entgegen, damit Innovationen auszubremsen. Wie eine umweltverträgliche Verordnung aussehen kann, mache Schweden vor.

Dort haben Ärzte eine Liste, nach der sie Wirkstoffe nach ihrer Umweltverträglichkeit - Lebensdauer der Stoffe, Bioakkumulation und ökologische Toxizität - auswählen können, wie Keil erläuterte. Auch bei der Abwasserentsorgung seien Verbesserungen, etwa durch Aktivkohlefiltration, möglich. "Solitäre Maßnahmen helfen allerdings nicht viel", so Keils Fazit. "Nur wenn alle drei Akteure zusammenarbeiten und das Problembewusstsein für Arzneistoffe in der Umwelt wächst, kann langfristig etwas verändert werden."

Weitere Infos www.start-project.de

Faltblatt Arznei-Entsorgung (pdf) unter www.mufv.rlp.de/index.php?id=4630

[27.05.2008, 19:49:47]
Wilfried Soddemann 
Giftcocktail Trinkwasser
NRW-Minister Uhlenberg kämpft mit der Festsetzung von Schadstoffgrenzwerten für den langfristigen Erhalt des Giftcocktails im Trinkwasser aus der Ruhr, der zwar nicht akute, wohl aber chronische Krankheiten verursachen kann:

Grenzwerte im Trinkwasser für PFT, Tosu, Medikamentenrückstände pp. schreiben den Giftcocktail auf Dauer fest, nur die Dosis wird möglicherweise reduziert.

Der vorläufig für tolerabel gehaltene PFT-Trinkwasserwert ist schon durch die Belastung anderer Lebensmittel überschritten, so dass für das Trinkwasser der Null-Grenzwert gelten muss. Alles andere ist blanker Zynismus. Siehe Stellungnahme des Bundesinstitutes für Risikobewertung BfR in Berlin:

„Als Point of Departure kann daher ein NOAEL von 100 µg/kg Körpergewicht pro Tag angesehen werden. Entsprechend dem üblichen Vorgehen bei der Risikobewertung sollte ein Interspezies- und Intraspezies-Faktor von jeweils 10 angewandt werden (es liegen keine konkreten Daten vor, die eine Reduktion der genannten Faktoren rechtfertigen würden). Somit würde sich für die Langzeit-Aufnahme ein TDI von 1 µg/kg Körpergewicht pro Tag ergeben. Dies sieht auch der letzte Entwurf der FSA vor (http://www.food.gov.uk/multimedia/pdfs/tox-2006-17.pdf). Ein solcher Wert erscheint jedoch nicht besonders konservativ, da in dem Interspezies-Faktor von 10 die oben genannten kinetischen Unterschiede zwischen Ratte und Mensch sicher unzureichend berücksichtigt sind. Die zusätzliche Anwendung eines Faktors von 10 zur Berücksichtigung dieser Unterschiede erscheint daher sinnvoll. Ein solches Vorgehen wurde auch von der Trinkwasser-Kommission (Stellungnahme vom 21.06.2006) gewählt. Somit ergibt sich ein vorläufiger TDI-Wert von 0,1 µg/kg Körpergewicht pro Tag, was einer Menge von 6 µg täglich für einen 60 kg schweren Erwachsenen entspricht.

Dieser Wert wird durch den Verzehr von 300 g Fisch mit einer Belastung von 0,02 µg/g ausgeschöpft. Da sich Menschen kaum täglich von dieser Menge ernähren werden, erscheinen die gemessenen Konzentrationen unterhalb von 0,02 µg PFOS pro g Fisch als tolerabel. Im Gegensatz dazu sind die Befunde einzuschätzen, die in einer anderen Teichanlage gemessen wurden. Hier fanden sich Konzentrationen, die um den Faktor 20 bis 60 höher liegen. Das BfR empfiehlt deshalb, bis zum Vorliegen belastbarer Daten für eine abschließende Risikobewertung, Fischfleisch mit derartigen Gehalten vorerst als nicht verkehrsfähig einzustufen.

Nicht berücksichtigt ist hierbei, dass die allgemeine Hintergrund-Exposition über die Nahrung schon den Bereich des oben genannten TDI erreicht. Aus Deutschland liegen hierzu zwar keine Daten vor, jedoch veröffentlichte jüngst die FSA eine Expositionsstudie (FSA 2006), die in Großbritannien für PFOS eine durchschnittliche Aufnahme über die Nahrung bei Erwachsenen von 0,13 µg/kg Körpergewicht pro Tag ermittelte (high level exposure: 0,22 µg/kg Körpergewicht pro Tag). Erstaunlicherweise erwies sich bei dieser Untersuchung, bei der zahlreiche Lebensmittel analysiert wurden, der Beitrag von Fisch als relativ gering.“

Das Trinkwasser in Deutschland enthält weit verbreitet einen Giftcocktail von Spurenschadstoffen und Bakterien, Parasiten, Viren und wohl auch Prionen, die z.B. Demenz auslösen. Deshalb muss in Deutschland das Trinkwasser mit der Nanofiltration für 5 €/Monat für eine 4-köpfige Familie aufbereitet werden. Dann werden auch die Bakterien, Parasiten, Viren und Prionen aus dem Trinkwasser gefiltert.

Beim Schutz des Trinkwassers, unserem Lebensmittel Nummer eins, gilt der Besorgnisgrundsatz, das bedeutet, umfassende Vorsorge ist sogar gesetzlich geboten!

Der Bereich der Wassergewinnungsanlage (WG) Löhnen der Stadtwerke Dinslaken GmbH ist durch den Steinkohleabbau des Bergwerks Walsum der DSK AG betroffen. Da das Wassergewinnungsgebiet in der Rheinschleife in einer Entfernung von ca. 1,5 km bis 4,0 km zum Rhein liegt, wird zukünftig der Rheinwasseranteil am Rohwasser der WG Löhnen stetig bis auf den Anteil von 45 % ansteigen.

Das NRW-Umweltministerium, Minister Uhlenberg, sicherte den Erhalt der derzeitigen Trinkwasserbeschaffenheit der WG Löhnen zu. Eine geeignete Wasseraufbereitung soll sicherstellen, dass ein Großteil der infiltrierten Spurenstoffe („Giftcocktail“), die durch Zustrom von Rheinwasser in den Grundwasserleiter des Einzugsgebietes der Wassergewinnung Löhnen gelangen, wieder entfernt wird.

Für das Trinkwasser umfassend zuständiger Gesundheits- und Verbraucherschutzminister Eckard Uhlenberg (CDU) am 13. Juli 2005 im Landtag NRW:

„Die Trinkwasserqualität des Wasserwerkes Löhnen wird dadurch gesichert, dass zur Eliminierung des Einflusses des zunehmenden Anteils von Rheinuferfiltrat am Rohwasser eine weitergehende Aufbereitung mittels Nanofiltration beziehungsweise vergleichbare Technik gebaut und betrieben wird.“

Unter der Nebenbestimmung 2.1.8 der wasserrechtlichen Erlaubnis der Bezirksregierung Arnsberg vom 15.07.2005 wurden zur Sicherung der derzeitigen Trinkwasserqualität im Wasserwerk Löhnen die Errichtung und der Betrieb einer geeigneten Wasseraufbereitungsanlage (Nanofiltration oder ein technisches Verfahren mit vergleichbarer Eliminationswirkung) angeordnet …

In Arnsberg wird jetzt eine Ultrafiltration mit nachgeschalteter Aktivkohlefiltration gebaut - nicht ohne Grund.

Warum machen die anderen Wasserwerke an der Ruhr nicht das Gleiche?

Auch ich fordere uneingeschränkt den Gewässerschutz. Solange jedoch Grenzwerte für Spurenschadstoffe im Ab- und Trinkwasser festgelegt und auch ausgeschöpft werden, bleibt es bei dem Giftcocktail im Trinkwasser, wenn auch in geringerer Dosis. Und die Ausscheidungen von Menschen, wildlebenden und Nutztieren mit ihren Krankheitserregern (Bakterien, Parasiten und Viren) wird der Gewässerschutz auch nicht verhindern können.

Deshalb brauchen wir beides: rigorosen Gewässerschutz UND nachhaltige Trinkwasseraufbereitung.

Wilfried Soddemann
Bauassessor Dipl.-Ing.
soddemann-aachen@t-online.de
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