Apotheker plus, 05.09.2008

Apotheker als Memoirenschreiber

Das Autobiographie-Genre boomt. Ob Politiker, Fußballer oder Schlagerstar - das Interesse an ihren Geschichten ist enorm. Und wie steht es um den traditionsreichen, aber eher unspektakulären Beruf des Pharmazeuten?

Von Klaus Brath

Gibt es überhaupt Lebensbeschreibungen, die von Apothekern selbst stammen? Und ob! Professor Christoph Friedrich, Direktor des Instituts für Geschichte der Pharmazie an der Universität Marburg hat sie für sein Buch "Apotheker erinnern sich" zusammengetragen.

Viele Lebenserinnerungen werden erstmals publik

"Es war schwierig, an die Texte heranzukommen", sagt Friedrich, "dieser Band versammelt vornehmlich unbekannte Lebenserinnerungen, von denen einige bisher nirgendwo abgedruckt wurden." Vom frühen 18. Jahrhundert über die NS-Zeit bis hin zum beginnenden 21. Jahrhundert reicht die zeitliche Spanne der Dokumente. Porträtiert werden etwa der Feldapotheker Johann Wilhelm Neubauer, Chronist im Spanischen Erbfolgekrieg, der Pharmazie-Aussteiger und Romancier Theodor Fontane oder der Zwickauer Oberpharmazierat Bendix Büttner, der sich für sein Manuskript mit 91 Jahren noch in die Geheimnisse der Computertechnik eingearbeitet hat. Friedrich hat die insgesamt 15 auszugsweisen Erinnerungsberichte jeweils eingeleitet und kommentiert.

Es sind ganz persönliche Bekenntnisse, die die ungeheuren geschichtlichen Veränderungen ebenso widerspiegeln wie die rasante Weiterentwicklung im pharmazeutischen Berufsalltag. Nicht selten klingen dabei harsche Töne an. Zum Beispiel über die Ausbildungsbedingungen: "Die Rohheit meines Lehrherrn Nissaeus, eines ganz ungebildeten Mannes, widerte mich an", bekennt etwa der Hamburger Apotheker Theodor Hasche noch im 19. Jahrhundert.

Die Schwierigkeiten, in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts als Frau in der Pharmazie Fuß zu fassen, schildert Margarete Lammers: "Ich glaube, in 50 Apotheken bin ich gewesen, aber keiner wollte ein weibliches Wesen, die wollten alle nur Männer haben." Und Dieter Terborg, mit Jahrgang 1936 der jüngste Verfasser, beklagt zum Ende des 20. Jahrhunderts, wie schnell nach der Wende "das westliche Niveau" Einzug hielt: "Für mich war es unerträglich, dass heute in den Apotheken nicht mehr von Patienten, sondern von Kunden gesprochen wird. … Alles wird auf den Nenner ‚Geld‘ gebracht."

Nicht minder interessant sind die Urteile zum Verhältnis von Arzt und Apotheker. Theodor Hasche (1799-1876) etwa beschreibt anschaulich das geringe Ansehen des Apothekerberufs in den Augen der damaligen Krankenhausärzte, Dieter Terborg lobt hingegen die "sehr gute Zusammenarbeit zwischen beiden Heilberufen" in der ehemaligen DDR, besonders in seiner Zeit als Leiter der Berolina-Apotheke. Wie sehr das Verhältnis stets auch von Ambivalenz und Abhängigkeit geprägt war, offenbart auch Margarete Lammers. "Wir konnten eigentlich ganz gut miteinander", schreibt sie über einen niedergelassenen Arzt, der Tag und Nacht unterwegs war - und schildert genüsslich, wie der "Polterkopp" gewöhnlich nachts im Einsatz war: "dann landete er im Schlafanzug beim Patienten, egal, wo das war."

Emotionale Einblicke in das Leben eines Apothekers

Friedrichs Geschenkband streift auch immer wieder andere pharmaziespezifische Themen: Apothekengründungen oder das Verhältnis zwischen Apotheker und Patient, Eigenherstellung oder Schwierigkeiten der Arzneimittelversorgung etwa bei Hochwasser oder bei einem Großbrand - stets handelt es sich um ganz persönliche, emotionale Einblicke in das Leben eines Apothekers.

Er habe bei seiner Arbeit viele markante Eindrücke sammeln können, so Friedrich. Besonders nahe gegangen seien ihm die erschütternden Berichte aus dem 2. Weltkrieg wie das Schicksal von Dr. Walter Greis. Dieser schildert, wie er bei einem Bombenangriff seine Frau verlor und versuchte, nach dem Einmarsch der Roten Armee den vielen anderen Verzweifelten zu helfen: als Apotheker, aber auch als "Arzt und Seelsorger."

Buchtipp

Ingesamt 15 Erinnerungsberichte hat Christoph Friedrich (Hrsg.) gesammelt in: Apotheker erinnern sich. Autobiographien aus drei Jahrhunderten, Govi-Verlag 2007, 167 Seiten, 28 Euro, ISBN 978-3-7741-1072-4

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