Apotheker plus, 17.10.2008

Von Mönchen und Apothekern

Jahrhundertlang waren die Klöster für die medizinische Versorgung zuständig. Einen Eindruck davon bekommt man heute noch etwa in der alten Benediktinerabtei in Seligenstadt. Dort gibt es nicht nur einen Heilkräuter- garten, sondern auch eine historische Klosterapotheke.

Von Ursula Armstrong

Von Mönchen und Apothekern

Im Klostergarten in Seligenstadt - angelegt nach Plänen aus der Barockzeit - wachsen außer Heilkräutern auch Blumen, Gemüse und kleine Obstbäume.

Foto: ug

Mönchspfeffer, Kapuzinerkresse, Benediktenkraut - schon die Namen von manchen alten Heilpflanzen deuten auf eine enge Verbindung zu Mönchen. Im Mittelalter waren die Klöster fast allein für die medizinische Versorgung zuständig. Denn die Mönche waren des Lesens und des Schreibens kundig und konnten so das heilkundliche Wissen aus der Antike bewahren. Außerdem gehörte die Krankenpflege zu den Aufgaben der Mönche. So schrieb Benedikt von Nursia (um 480 bis 547), der als "Vater des abendländischen Mönchstums" gilt, in seiner umfangreichen Regel, die das Leben in den Klöstern ordnete: "Die Sorge für die Kranken steht vor und über allen anderen Pflichten."

Der Heilkräutergarten lag neben Spital und Arzthaus

Die Klostermedizin setzte vor allem auf Heilpflanzen. Deshalb gehörte zu den Klostergärten der Benediktiner, Zisterzienser, Prämonstratenser oder Kapuziner auch ein Herbularius, ein Heilkräutergarten. Im Plan eines idealen Klosters, der um 830 wahrscheinlich auf der Bodenseeinsel Reichenau gezeichnet wurde, und an dem sich viele Klöster über Jahrhunderte orientierten, liegt der Heilkräutergarten direkt neben dem Spital und dem Haus des Arztes.

Ein Heilkräutergarten wie in alter Zeit ist in der ehemaligen Benediktinerabtei in Seligenstadt in der Nähe von Frankfurt am Main zu besichtigen. Hier ist 1999 der Apothekergarten wiederhergestellt worden. Dabei hat man sich an einem Stich von 1712 orientiert. Auf einer Fläche von 600 Quadratmetern wachsen 200 Pflanzenarten, geordnet nach Indikationsgebieten. Das entspricht zwar nicht den mittelalterlichen Vorstellungen, ist aber für heutige Besucher leichter nachzuvollziehen. Natürlich wachsen hier auch die klassischen Kräuter der Klostermedizin wie der Gartensalbei (Salvia officinalis), die Weinraute (Ruta graveolens) oder der Heilziest (Betonica officinalis). Aber es gibt hier auch erst später entdeckte Heilpflanzen wie die Kermesbeere (Phytolacca americana).

Einige Pflanzen tauchen mehrfach auf, etwa die Tollkirsche (Atropa belladonna): Sie wächst im Beet "Magen und Darm", da sie gegen Übelkeit und Erbrechen eingesetzt wurde, und im Beet "Atemwegserkrankungen", denn sie erleichtert bei Asthma und Reizhusten das Atmen. Da Belladonna schließlich ein großes homöopathisches Mittel ist, das sich vor allem bei hohem Fieber bewährt hat, kommt die Tollkirsche auch in der Abteilung "Homöopathie" vor.

Klosterapotheke unterstützte Versorgung der Bevölkerung

Auch auf dem restlichen Klosterareal begegnet man immer wieder Heilpflanzen. Der wunderschöne Garten ist der Anlage des Klosters in der Barockzeit nachempfunden. In den geschwungenen Rabatten wachsen Blumen und auch Gemüse. Dazwischen stehen kleine Obstbäume mit seltenen Apfel- und Birnensorten.

Da das Benediktinerkloster Seligenstadt auch für die medizinische Versorgung der Bevölkerung zuständig war, wurde schließlich eine Klosterapotheke eröffnet. Den Auftrag dazu gab Abt Peter IV., der das Kloster von 1715 bis 1730 führte. Er litt selbst stark an Gicht und war wohl deshalb besonders an Medizin interessiert. Leiter der Klosterapotheke war stets ein Apotheker von außen.

Im Sommer 2002 wurde im Kloster Seligenstadt an der historischen Stelle, gleich neben dem Apothekergarten, wieder eine alte Apotheke eingerichtet. In Laden, Offizin, Labor und Vorratsraum wähnt man sich in die Zeit des Barock zurückversetzt. In Führungen wird erklärt, dass der erste Apothekenraum eigentlich nur Wartezimmer war. Zubereitet wurden die Arzneien in der Offizin und von hier durch ein Fenster in der Tür verkauft. Musste es schnell gehen, wurde Kunden die Medizin auch mal mit dem Löffel direkt durch das Fenster verabreicht. Im Labor wurde nicht nur Medizinisches hergestellt, sondern auch Schokolade und Tinte. Die alten Gegenstände in der Seligenstädter Klosterapotheke sind teilweise Leihgaben vom Deutschen Apothekenmuseum in Heidelberg.

Mit der Säkularisierung des Klosters kam 1806 auch das Aus für die Klosterapotheke. Kurz entschlossen eröffnete der damalige Apotheker des Klosters ein paar Häuser weiter eine "Stadtapotheke". Dort ist sie noch heute, und sie wird noch immer von den Nachfahren des letzten Klosterapothekers betrieben.

Infos zur Benediktinerabtei Seligenstadt unter www.schloesser-hessen.de

Klostergärten

35 deutsche Klostergärten von der Ostseeküste bis zum Bodensee stellt Olaf Schulz in seinem neuen Bildband "Deutschlands schönste Klostergärten" vor, der im BLV Buchverlag in München erschienen ist. Von jedem dieser ganz unterschiedlichen Gärten beschreibt er die Geschichte, Anlage und Gestaltung sowie natürlich die Pflanzen. Ausführlich geht der Autor auch auf die Klostermedizin ein.

BLV Buchverlag, München, 160 Seiten, Euro 29,90, ISBN 978-3-8354-0226-3.

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