Apotheker plus, 12.12.2008

"Gegen den Puup im Gehirn"

Heilliköre, Medizinalschnäpse und Magenbitter wurden ursprünglich von klösterlichen Apothekern gemischt und destilliert. Viele Apotheken stellen noch immer mehr oder weniger Hochprozentiges her. Jetzt vor Weihnachten haben die Kräuterliköre und -schnäpse Hochkonjunktur.

Von Ursula Armstrong

Viele Flaschen stehen in der Vorweihnachtszeit im Schaufenster der Süd-Apotheke in Bad Oeynhausen: "Windkrampf Tropfen", "Orangennebel", "Sültemeyers Quelle", ein Magenbitter sowie Pomeranzen-, Gewürz- und Kümmel-Likör. Alles werde nach eigener Rezeptur hergestellt, versichert Apotheker Dr. Eckart Ahlenstiel. Und alle Getränke seien gesundheitsfördernd.

Der "Windkrampf Tropfen" zum Beispiel ist ein Gewürzlikör, der sekretionsfördernd auf den Magen und, wie der Apotheker es formuliert, "gegen den Puup im Gehirn" wirke und zudem lecker schmecke. Seit 30 Jahren wird der "Windkrampf Tropfen" in der Apotheke hergestellt. Zu den Inhaltsstoffen verrät Ahlenstiel nur, dass der Likör Pomeranzenschalen, Ingwer und Kalmuswurzel enthält. Der Name sei ursprünglich ein Spaß gewesen. Aber da er lustig ist und außerdem auf die Wirkung dieses speziellen Likörs anspielt, ist er geblieben.

Wermutwein als Universalheilmittel

Wein, Schnaps und Likör sind alte Heilmittel. Mit Kräutern versetzter und gekochter Wein wurde in den mittelalterlichen Klöstern gegen allerlei Krankheiten eingesetzt. So empfahl etwa Hildegard von Bingen (1098 bis 1179), bei Schmerzen in Herz, Milz oder in der Seite Wein zu trinken, in dem vorher Petersilie, Essig und Honig gekocht waren, berichtet Anita Heßmann-Kosaris in ihrem Buch über "Heilschnäpse, Heilweine & Heilliköre". Und Wermutwein galt lange Zeit als Universalheilmittel.

Branntwein, also gebrannten, destillierten Wein, gab es zunächst nur in Klöstern und Apotheken. So sollte sichergestellt werden, dass Schnaps nicht zum Genussmittel verkam, sondern Arznei blieb. Denn Schnaps, mit oder ohne Kräuterauszüge, wurde vielfach als Heilmittel eingesetzt, selbst gegen die Pest.

Wer schließlich den Likör, bei dem Kräuterschnaps mit Honig oder Zuckersirup versetzt wird, erfunden hat, ist unklar. Nach Heßmann-Kosaris hätten Apotheker und Mönche auf diese Weise den Kranken ihre abscheulich schmeckende Medizin versüßen wollen.

Die Tradition der Heilliköre und -schnäpse wird heute noch in vielen Apotheken fortgesetzt. Für deren Herstellung darf allerdings nur der voll versteuerte Alkohol verwendet werden. Grundsätzlich bringt Alkohol die freigesetzten Pflanzenstoffe in eine Form, in der sie vom Organismus besonders leicht resorbiert werden können. Dem verdanken diese Liköre, Bitter und Schnäpse die ihnen nachgesagte Heilwirkung.

Rezepturen sind Geheimnis jeden Apothekers

Im Alkohol können Kräuter wie Basilikum, Rosmarin oder Zitronenmelisse oder Gewürze, etwa Wacholderbeeren, Anis, Kardamom, Kümmel oder Ingwer, angesetzt werden. Das hängt nicht nur vom persönlichen Geschmack ab, sondern auch von der Heilwirkung, die mit dem Likör oder Schnaps erzeugt werden soll. Johanniskrautschnaps zum Beispiel soll bei depressiven Verstimmungen und bei nervöser Unruhe, Melissengeist bei Einschlafstörungen und Pomeranzenlikör bei Appetitlosigkeit helfen.

Entlastung bei Verdauungsstörungen, Blähungen und leichten Magen-Darm-Krämpfen - das ist die Domäne der Magenbitter, von denen es eine Menge auf dem Markt gibt. Da ihm die handelsüblichen Magenbitter jedoch nicht geschmeckt haben, hat sich der Apotheker Ernst-Wilhelm Pollner aus Großheide vor 17 Jahren selbst ans Mischen gemacht. Wochenlang hat er im Labor seiner Friesen-Apotheke experimentiert, bis ihm der Schnaps wirklich geschmeckt hat. Das Ergebnis ist der "Grootheider Bittern", den der Apotheker seither mit Erfolg in ganz Deutschland vertreibt. "Der Bittern wird noch immer vom ersten Tropfen an in der Apotheke hergestellt", betont Pollner. Die Rezeptur des bekömmlichen und leckeren Magenbitters ist aber ein Geheimnis. Nur so viel gibt der Apotheker preis: Er enthält Sternanis und Enzian als Bitterstoffe. Auch in der Friesen-Apotheke ist der selbst hergestellte Hochprozentige ein Renner zu Weihnachten. Hier gibt es den Magenbitter dann sogar in Extra-Flaschen - in Form eines Tannenbaums.

Likör-Rezepte

Kurfürstlicher Magenbitter
(mindestens 50%) 90 g unreife Pomeranzenfrüchte, 35 g Pomeranzenschale, 3,6 g Nelken, 5,5 g Zimt, 4,5 g Kardamom und 9 g Ingwer werden mit 600 ml 60%igem Spiritus angesetzt. Nach 10 Tagen wird filtriert und dem Filtrat 200 g Zucker zugesetzt.

Schlehen-Likör 45%
100 g ganz reife Schlehen (ab Mitte November) werden mit 1/2 Liter 90%igem Alkohol angesetzt, nach 1-2 Wochen abfiltriert und die Flüssigkeit mit 100 g Kandiszucker in 500 g Wasser gemischt. Quelle: Alte Sonnen-Apotheke in Haselünne (Emsland)

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