Apotheker plus, 10.07.2009

Mit Kalzium ins Weltall starten

Kalziumpräparate wurden schon in vorchristlicher Zeit verordnet - meist zur Blutstillung. Die Erkenntnis, dass sie auch bei Osteoporose helfen, hat sie inzwischen sogar bis in den Weltraum gebracht.

Das Sortieren der Kalzium-Ampullen waren 1954 reine Frauensache.

Foto: Sandoz

Von Werner Stingl

Die klinische Anwendung von Kalzium und verschiedenen Verbindungen hat eine Jahrtausende lange Tradition. Historische Aufzeichnungen belegen, dass Kalzium bereits in vorchristlicher Zeit in China und Japan als blutstillendes Mittel eingesetzt worden ist. Auch der 1493 im schweizerischen Egg bei Einsiedeln geborene und 1541 in Salzburg verstorbene Arzt, Alchemist und Philosoph Paracelsus wusste offensichtlich über blutstillende Eigenschaften des Kalziums Bescheid und verordnete - schriftlich überliefert - ein Präparat aus kalkhaltigen Korallen gern bei Uterusblutungen.

Ein wichtiger Wegbereiter für Kalzium in die moderne Medizin war der englische Pathologe Almroth Wright (1861-1947). Der Lehrer des Penicillin-Entdeckers Alexander Fleming stellte 1896 fest, dass sich Nesselsucht-Symptome durch Calciumchlorid lindern lassen. Und im gleichen Jahr riet der Londoner Dermatologe Thomas Savill (1857-1910) zu Juckreiz stillendem Kalzium gegen allergische Hauterkrankungen, wie der Historiker Walter Dettwiler von der Novartis AG aus Basel auf einer Veranstaltung im Deutschen Museum in München berichtete.

Die meisten Kalziumsalze schmecken scheußlich

Geadelt durch solche Medizin-Koryphäen, eroberte Kalzium in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts ein immer breiteres Indikationsspektrum, etwa Allergien, verschiedenste Hauterkrankungen, systemische Entzündungsprozesse und unterschiedliche Infektionserkrankungen, etwa Tuberkulose. Einer guten Compliance der ehedem gebräuchlichen Kalziumsalze stand allerdings die schlechte Verträglichkeit entgegen. Oral eingenommen, schreckten damals verfügbare Verbindungen, vor allem das Calciumchlorid, durch ihren üblen, bitterkratzigen Geschmack und schwere iatrogene Verdauungsstörungen ab. Intravenöse Applikation führten bereits bei geringen Verspritzungen zu Gewebeverletzungen, betonte Dettwiler bei der Veranstaltung anlässlich des 80-jährigen Jubiläums von Calcium-Sandoz® .

Die Wende brachte hier die von dem Basler Unternehmen Sandoz entwickelte und 1929 in den Markt eingeführte Kalziumverbindung Calciumlactogluconat. Das Doppelsalz aus Glucon- und Milchsäure war gut löslich, geschmacklos und sowohl in der parenteralen wie auch in der oralen Applikationsform gut verträglich.

Unter dem bis heute geltenden Markennamen Calcium-Sandoz® wurde Calciumlactogluconat als Monotherapeutikum wie auch in fixer Kombination mit unterschiedlichen Partnern wie etwa Chinin oder Vitamin C zum Verkaufsschlager. Viele Anwendungsgebiete sind inzwischen verloren gegangen. Doch in der Therapie bei Kalziummangel und insbesondere zur Prävention von Osteoporose hat sich die Kalziumverbindung bis heute behauptet. Sie ist sogar bis in den Weltraum gelangt.

Schwerelosigkeit setzt Knochen und Muskeln zu

In München erinnerte der Raumfahrtexperte Tasillo Römisch, dass sich in der Schwerelosigkeit Knochen und Muskeln selbst bei jüngeren Menschen rasch zurückbilden. Diese Erkenntnis hat dazu geführt, dass an Bord der internationalen Raumstation (ISS) während des Weltraumaufenthaltes für alle Crewteilnehmer ein täglich mindestens 150-minütiges schadensbegrenzendes Muskel- und Knochenbelastungstraining obligat ist. Und um den im All erhöhten Kalzium- und Vitamin-D-Bedarf zu decken, gehören zudem Calcium-Sandoz®-Präparate zur ISS-Verpflegung.

Zahlen & Fakten

Kalzium ist nach Eisen und Aluminium das dritthäufigste Metall auf der Erde, rund 700 Kalzium-Verbindungen sind bekannt. Als lebenswichtiger Mineralstoff für den Menschen wurde Kalzium Ende des 19. Jahrhunderts erkannt.

Im Körper ist Kalzium der Mineralstoff mit dem höchsten Anteil (überwiegend in Knochen und Zähnen): rund 1 Kilogramm bei Männern und rund 800 Gramm bei Frauen.

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