Apotheker plus, 26.03.2010

Hilfe im Zelt statt Laboralltag

Nach dem Beben in Haiti schickte auch Apotheker ohne Grenzen gleich Mitarbeiter ins Katastrophengebiet. Für den Mainzer Apotheker Dr. Christian Becker war es der erste Einsatz für die Hilfsorganisation.

Von Pete Smith

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Ulrich Brunner (rechts), Vorsitzender der Hilfsorganisation Apotheker ohne Grenzen, bei seinem Einsatz in einer Zeltambulanz in Leogane, wo auch Dr. Christian Becker arbeitete. © privat

Als der Anruf von Apotheker ohne Grenzen (AoG) kommt, bittet sich Dr. Christian Becker 24 Stunden Bedenkzeit aus. Ausgerechnet Haiti, wo es dreieinhalb Wochen zuvor das schwerste Erdbeben in der Geschichte Amerikas mit fast 300 000 Toten und ebenso vielen Verletzten gegeben hatte, soll sein erster Einsatzort für die Hilfsorganisation sein. Seit 2007 ist der 35-Jährige Mitglied bei AoG. Nach einem Gespräch mit seinem Arbeitgeber, wo er als Laborleiter in der Entwicklungsanalytik arbeitet, sagt Becker dann zu, zwei Wochen lang die Medikamentenversorgung zu koordinieren.

Eindrücke zwischen Zerstörung und Lebensmut

Schon eine Woche später sitzt er im Flieger. Zusammen mit einem Team der ärztlichen Hilfsorganisation Humedica landet Becker in der Dominikanischen Republik, von da aus geht es mit einem Kleinbus weiter nach Port-au-Prince. 25 Kilometer von der Hauptstadt Haitis entfernt liegt das Epizentrum des Bebens, dementsprechend groß ist die Zerstörung.

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Während seines Einsatzes in Haiti koordinierte Dr. Christian Becker (rechts) unter anderem die Medikamentenausgabe und verwaltete die Arzneilieferungen. © privat

Beckers erste Eindrücke sind zwiespältig. Hier die Trümmerberge, dort die Menschen, "die zu einem normalen Leben zurückzukehren versuchen. Das hat mich beeindruckt." Auch in Leogane, 35 Kilometer westlich von Port-au-Prince, sind die Verwüstungen gewaltig. 80 Prozent der Häuser sind zerstört oder beschädigt. Beckers Einsatzort ist das Gelände einer Schule, wo Humedica wie rund 20 andere Hilfsorganisationen seine Zelte aufgebaut hat.

Mussten die Helfer unmittelbar nach dem Beben schlimmste Verletzungen erstversorgen, Gliedmaßen amputieren, Brüche schienen, Wunden vernähen, so geht es nun um die Nachversorgung und allgemeinmedizinische Hilfen. Ein großes Problem sind die Infektionen in Folge mangelnder Hygiene. Viele Patienten leiden unter Krätze, Haut- und Vaginalinfektionen. Entsprechende Arzneien sind knapp. Ebenso Malariamedikamente und Arzneisäfte für Kinder. Auch Malaria- und Schwangerschaftstests werden angefragt. Auffallend ist zudem die hohe Zahl von Patienten mit Bluthochdruck. Die Menschen leiden noch immer unter Stress, sie benötigen Betablocker und Beruhigungsmittel.

Becker setzt die Arbeit seines Vorgängers Dr. Thomas Bergmann fort. Der hat vor Ort eine Medikamententauschbörse initiiert. Da jede Hilfsorganisation ihre eigenen Arzneien mitbringt, werden manche bei einem Team knapp, andere kaum benötigt. Zwischen sechs Uhr morgens und sechs Uhr abends koordiniert er die Medikamentenvergabe, aktualisiert Listen, vermittelt vorhandene und bestellt neue Arzneien, sitzt in Meetings und knüpft Kontakte zu lokalen Apothekern. Er lernt viele engagierte Menschen kennen, auch Einheimische, erlebt "ein sehr großes Gemeinschaftsgefühl und eine tolle Zusammenarbeit mit Humedica".

Viel Improvisationstalent ist gefragt

Allerdings läuft nicht alles nach Plan. "Nach vier Wochen wurde der Notstand beendet, den die Regierung nach dem Erdbeben ausgerufen hatte", erzählt Becker. Jener hatte auch die Zollbestimmungen außer Kraft gesetzt. Dass jetzt plötzlich aufwändige Anträge gestellt und Hilfslieferungen blockiert würden, damit hatte niemand gerechnet. Nun ist Beckers Improvisationstalent gefragt. Wo es keine Medikamente mehr gibt, müssen auch schon mal Multivitamintabletten als Placebo herhalten.

Zwei Wochen nach Beginn seiner Arbeit übergibt Becker seinen Bereich an einen Kollegen und kehrt in die Heimat zurück. "Ich blicke auf einen rundum interessanten Einsatz zurück", bilanziert er.

Derzeit bemüht sich nun AoG in Kooperation mit Caritas eine Apotheke der haitianischen Organisation OPAL wiederaufzubauen. Denn klar ist: Hilfe wird noch lange benötigt und soll vor allem langfristig wirken.

Apotheker ohne Grenzen Deutschland e.V.

Die deutsche Sektion der internationalen Hilfsorganisation Apotheker ohne Grenzen wurde im Juni 2000 gegründet. Der Verein hat heute etwa 700 Mitglieder und ist weltweit tätig. Allgemeines Ziel ist die Verbesserung der Gesundheitsversorgung in den Entwicklungsländern. Sitz der Geschäftsstelle des Vereins in München.

www.apotheker-ohne-grenzen.de

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