Apotheker plus, 23.07.2010

Gesundheitspolitik ist kein Kuhhandel

Sparen an vielen Fronten ist nach dem Kabinettentwurf des Arzneimittelmarktneuordnungs-Gesetzes (AMNOG) erstes Mittel zur Kostendämpfung. Nach Ansicht des Vorsitzenden des Deutschen Apothekerverbands erfüllt er nicht die Erwartungen.

Gesundheitspolitik ist kein Kuhhandel

"Apotheker sind an Sparmaßnahmen beteiligt, auch ohne Nennung im AMNOG." Fritz Becker, DAV-Vorsitzender

© ABDA

ApothekerPlus: Wie zufrieden sind Sie mit dem AMNOG-Entwurf?

Fritz Becker: Ich denke, zufrieden können wir wirklich nicht sein. Negativ ist zum einen die Arzneimittelpreisverordnung im Bereich des Großhandels, infolgedessen wir mit einem Rohertragsverlust von 400 Mio. Euro belastet werden. Denn die Weitergabe der reduzierten Vergütung an die Apotheken etwa in Form von verminderten Einkaufsvorteilen ist von Gesundheitsminister Rösler bewusst in Kauf genommen worden. Zum anderen fehlt im Entwurf das im Koalitionsvertrag und auch noch im Referentenentwurf vorgesehene Pick-up-Verbot. Außerdem gibt es keine Lösung zum Problem des Herstellerrabatt-Inkassos. Bekanntlich besteht das Risiko, dass wir Apotheker von den Kassen in Haftung genommen werden können, wenn ein Hersteller den Rabatt nicht bezahlt. Da war uns eigentlich eine Lösung durch das AMNOG zugesagt worden.

ApothekerPlus: Gibt es Regelungen im Entwurf, die positiv sind?

Fritz Becker: Positiv ist, dass es erste Lösungsansätze gibt beim Indikationsabgleich und dem Packungsgrößenaustausch. Es fehlt aber noch der Feinschliff. Sinnvoll ist auch, dass Patienten auf Wunsch ein anderes Präparat anstelle des rabattierten erhalten dürfen, wenn sie aufzahlen. Dieser Wunsch wird in der Apotheke oft von Kunden geäußert. Aber es muss in der Praxis umsetzbar sein. Und da sehe ich derzeit noch keine praktikable Lösung, unter anderem, weil es keine Transparenz bei den tatsächlichen Preisen der Rabattarzneien gibt.

ApothekerPlus: Mit welchen Argumenten wurde die Koalition überzeugt, keine gesonderten Einschnitte bei Apotheken zu machen?

Becker: Die Einschätzung, es gebe keine Einsparung zu Lasten der Apotheker ist falsch. Wir haben die nüchternen Fakten auf den Tisch gelegt zur wirtschaftlichen Situation der Apotheken, zum Apothekenabschlag und den Folgen durch die neue Großhandelsvergütung. Außerdem haben wir darauf verwiesen, dass wir durch die Rabattverträge dazu beitragen, dass die Kassen fast eine Milliarde Euro sparen. Das stieß sowohl bei FDP als auch CDU auf offene Ohren.

Gesundheitspolitik ist kein Kuhhandel

Geringere Arzneikosten - das steht im Fokus des AMNOG.

© Bilderbox

ApothekerPlus: Warum herrschte dennoch in den Medien der Tenor vor, Apotheken würden verschont?

Fritz Becker: Das liegt wohl daran, dass alle anderen Leistungserbringer explizit genannt werden. Wir sind nur indirekt betroffen - was aber nicht heißt, dass das weniger wäre als bei anderen. Nur sind die Zusammenhänge oft unbekannt.

ApothekerPlus: Mussten oder müssen künftig von Apothekern mehr Konzessionen gemacht werden?

Fritz Becker: Die Gesundheitspolitik ist kein Handelsgeschäft, wo man Zugeständnisse macht. Es geht hier um die Arzneiversorgung von fast vier Millionen Kunden täglich und die muss qualitativ hochwertig gemacht werden. Da kann man nicht einfach über Zugeständnisse reden. Wir Apotheker haben in der Vergangenheit bereits viel zu oft Zugeständnisse machen müssen.

ApothekerPlus: Wie geht es weiter beim Apothekenabschlag?

Fritz Becker: Es bleibt festzuhalten, dass auch der aktuelle Zwangsrabatt den Kassen mehr als eine Milliarde Euro jährlich bringt. Wir haben jetzt den Kompromiss ausgehandelt, dass wir noch ein paar Datensätze nachliefern. Dann dürfte der Differenz-auszahlung aus  2009 eigentlich nichts mehr im Wege stehen. Für 2010 hat bisher eine Verhandlungsrunde zum Apothekenabschlag stattgefunden, Ende August setzen wir uns wieder an einen Tisch. Und im Herbst müssten wir, wenn alles so bleibt, dann auch schon den Abschlag 2011 mit den Kassen verhandeln. Zumindest wird von Seiten der Politik wird nach bisherigen Aussagen weiter klar auf die Selbstverwaltung gesetzt.

Ich halte das auch für eine gute Lösung, auch wenn es manchmal aufreibend ist. Aber bei der Ärzteschaft ist es ja ebenfalls gang und gäbe, dass in der Selbstverwaltung Entscheidungen vor einem Schiedsgericht landen. Und da klappt es dann auch.

ApothekerPlus: Wird es beim Abschlag von 1,75 Euro bleiben?

Fritz Becker: Also wenn ich mir die wirtschaftliche Entwicklung und die Rahmendaten anschaue, und wenn die Rabattverträge bleiben, dürfte der Abschlag keinesfalls höher ausfallen.

Das Gespräch führte Ruth Ney

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