Apotheker plus, 17.12.2010

Sorgenkind Selbstmedikation

Der Markt für rezeptfreie Arzneimittel schrumpft. Die Hoffnungen der Pharma-Branche in die Selbstmedikation haben sich bisher nicht erfüllt. Nach Ansicht des BAH könnte aber das Grüne Rezept Abhilfe schaffen.

Von Sunna Gieseke

Sorgenkind Selbstmedikation

Über vier Prozent aller Verordnungen stehen inzwischen auf einem Grünen Rezept.

© ÄZ

BERLIN. Der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) bewertet das Grüne Rezept als "Erfolgsgeschichte". "Mittlerweile stehen mehr als vier Prozent aller Verordnungen auf einem Grünen Rezept", sagte BAH-Gesundheitsökonom Dr. Uwe May in Berlin. Die Tendenz sei steigend. Mehr als 80 Prozent der Rezepte lösten Patienten darüber hinaus tatsächlich in Apotheken ein.

Diese profitieren jedoch nur bedingt: In Apotheken spielten rezeptfreie Arzneimittel im Allgemeinen - gemessen am Umsatz - bisher nur eine nachgeordnete Rolle, räumte May ein. Allerdings dürfe dabei nicht übersehen werden, dass die OTC-Verkäufe über die Zahl der Kundenkontakte der einzelnen Apotheke zum Beispiel durch Beratung ein wichtiges Segment für das Unternehmen darstellten.

Ärzte setzen nach Angaben des BAH immer häufiger in der Praxis das Grüne Rezept ein. Bezogen auf alle Arztgruppen liege dieser Anteil bereits bei knapp 60 Prozent - allen voran Hauärzte und Internisten, die zu 68 Prozent das Grüne Rezept verwendeten. Nach Ansicht des BAH dokumentiert auch die hohe Bekanntheit und Akzeptanz des Grünen Rezepts auf Seiten der Verbraucher den Erfolg dieses Instruments.

Im letzten Jahr wurde einer Studie des Beratungsunternehmens IMS Health zufolge mit rezeptfreien Arzneimitteln mehr als fünf Milliarden Euro umgesetzt. Mehr als drei Viertel davon kauften Patienten im Rahmen einer Selbstmedikation, das heißt ohne eine Verordnung durch einen Arzt.

Doch das erfüllt offenbar bei Weitem nicht die Erwartungen der Pharma-Unternehmen an die rezeptfreien Arzneimittel: Seit diese 2004 aus der Erstattung ausgeschlossen wurden, litten sie unter einer "Imagekrise", so May. Dabei habe es sich bei dem GKV-Ausschluss durch die damals rot-grüne Regierung um "rein fiskalische" Gründe gehandelt. Der Herausnahme aus der Erstattung sei kein Urteil im Sinne einer "Nutzenbewertung" dieser Medikamente gewesen, erinnerte May.

Der BAH ist jedoch überzeugt: Das Grüne Rezept kann einen Beitrag zur Förderung des OTC-Marktes leisten. Wenn es auch den Rückgang des Marktes bislang nicht vollständig aufhalten konnte. In Anbetracht immer knapperer Krankenkassenbudgets galt vielen Apothekern und Arzneimittel-Herstellern der OTC-Markt als Hoffnungsträger für die Zukunft. Der schwindenden Kaufkraft und der Bedrohung durch den Versandhandel stünden die demografische Entwicklung und die zunehmende Einschränkung der GKV-Leistungen als Wachstumsimpulse für die Selbstmedikation gegenüber.

Für den BAH ist dennoch das Ziel gesteckt: Die Selbstmedikation muss gefördert werden, forderte BAH-Vorsitzender Hans Georg Hoffmann. In diesem Zusammenhang bekräftigte der Verband sein Gesprächsangebot und seine Kooperationsbereitschaft gegenüber den Apothekern und Ärzten, um gemeinsame Konzepte zur Förderung einer sinnvollen Selbstmedikation zu erarbeiten. Aber auch Politik und Krankenkassen seien gefragt: Diese sollen die Selbstmedikation öffentlich anerkennen und durch Aufklärungs- und Bildungsmaßnahmen stärker fördern. Nur weil diese Medikamente nicht verschreibungspflichtig seien, "heißt dies nicht, dass kein Bedarf daran besteht", betonte Hoffmann.

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