Apotheker plus, 17.12.2010

Ein Thema - Drei Meinungen

Chancen in der Prävention kaum genutzt

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler will sich stärker dem Thema Prävention widmen. Dafür möchte er Ärzte besser honorieren. Trotz ihrer vielen Kundenkontakte tauchen die Apotheker in dieser Rechnung nicht auf.

Von Stefan Holler

Dem jüngsten Vorschlag aus dem Berliner Ministerium begegnen nicht nur Gesundheitsexperten mit großer Skepsis: Durch die anstehende Honorarreform 2011 soll "sprechende Medizin" besser honoriert werden. "Deshalb wollen wir die Stärkung der Prävention durch die Mediziner angehen", kündigte Rösler an. Sein Kalkül: Ärzte erreichen alle Bürger bezeihungsweise Schichten.

Nach dem Honorar-Nachschlag von 120 Millionen für niedergelassene Ärzte sorgt dieser neue Vergütungsvorschlag vor allem bei den Krankenkassen für Unmut. Prävention sei keine reine medizinische Domäne, sondern eine "gesamtgesellschaftliche Aufgabe", betont Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbandes. "Auch als neue, zusätzliche Einnahmequelle für niedergelassene Ärzte darf Prävention nicht missbraucht werden."

Unerwähnt in den Überlegungen des Gesundheitsministers zur Prävention bleibt die Rolle der Apotheken. Seit Jahren greifen viele Offizine den Gedanken auf, sich im Wettbewerb mit Service-Angeboten wie Raucherentwöhnung, Impfprävention und Ernährungsberatung zu profilieren. In den zwischen Apotheken und Krankenkassen abgeschlossenen Hausapothekenverträgen waren angebotenen Leistungen für Versicherte bislang unterschiedlich und ungenau beschrieben. Auf dem vergangenen Apothekertag in München hatte die ABDA nun zum ersten Mal einen bundeseinheitlichen "Leistungskatalog für Beratungs- und Serviceangebote in Apotheken" (LeiKa) vorgestellt. Darin werden sowohl die üblichen, als auch mögliche neue Service-Angebote der Apotheken erfasst und einheitlich definiert. Der LeiKa bildet ebenso die Rechengrundlage für eine Honorierung basierend auf dem realen Aufwand der Apotheke, berichtet Mathias Arnold, LAV-Chef in Sachsen-Anhalt und Mitverfasser des Katalogs.

Die Diskussion um die Notwendigkeit einer angemessenen Vergütung für Präventionsleistungen überlagert zugleich ein anderes Problem: Die Angebote zur Vorsorge kommen bei den Patienten immer noch selten an, wie eine Erhebung der Dualen Hochschule in Lörrach ergab. Als Hauptgrund für die mangelnde Nutzung von Vorsorgeangeboten nennen in der Präventionsstudie sowohl Patienten, Apotheker wie auch Ärzte das mangelhafte Infoangebot für Patienten. Auf der anderen Seite nutzen der Studie zufolge Apotheken bisher kaum die Chance, die Patienten für Vorsorgeangebote zu sensibilisieren. Verbesserungspotenzial bestehe auch in der Kooperation zwischen den Heilberufen. Nur etwa jede achte befragte Apotheke gab an, häufig mit Ärzten auf dem Gebiet der Prävention zusammenzuarbeiten.

Doch es gibt inzwischen auch Ansätze für ein gemeinsames Engagement der beiden Berufsgruppen in der Vorsorge. Welche das sind, dazu äußern sich ein Arzt und zwei Apotheker im Fokus.

Der Apotheker

"Apotheker müssen auch für Prävention honoriert werden."

Der Apotheker

Cynthia Milz, Nikolai Apotheke Kulmbach

Prävention ist eine Gemeinschaftsaufgabe und kann nur durch das gut koordinierte Mitwirken aller wesentlichen Akteure im Gesundheitssystem erfolgreich sein. Eine zentrale Rolle spielen dabei selbstverständlich die Ärzte. Bundesgesundheitsminister Rösler hat Ende November auf einer Gesundheits-Konferenz in Berlin jedoch auch die wichtige Rolle der Apotheker in der Prävention betont. Nach seiner Auffassung haben die Apotheken mit ihren vier Millionen Patientenkontakten täglich dazu die notwendige Autorität. Der Apotheker sei nicht nur Händler, sondern auch Heilberufler.

Ich bin davon überzeugt, dass der Berufsstand der Apotheker mit seiner Qualifikation, seinem hohen Vertrauen und dem guten Zugang zur Bevölkerung unerlässlich für eine erfolgreiche Präventionsstrategie ist. Bei der Ausgestaltung dieser Strategie und bei den Überlegungen bezüglich der Honorierung müssen Apotheker daher ebenfalls berücksichtigt werden.

Sicherlich muss die Zusammenarbeit von Ärzten und Apothekern in Zukunft noch weiter intensiviert und ausgebaut werden. Dazu möchte ich zusammen mit dem Wissenschaftlichen Institut für Prävention im Gesundheitswesen einen aktiven Beitrag leisten. Gespräche mit der Ärzteschaft sind bereits für Anfang 2011 anberaumt. Zudem planen wir derzeit die Gründung eines Fördervereins Prävention, der als gemeinsame Plattform Apothekern wie Ärzten offen stehen wird.

Der Arzt

"Apotheken sollten keine Konkurrenz zu Ärzten aufbauen."

Der Arzt

Dr. Jochen Franz, Allgemeinarzt/ Sportmediziner, Aschaffenburg

Prävention ist medizinisch und betriebswirtschaftlich sinnvoll. Bisher werden Patienten, die regelmäßig Gesundheitsprävention betreiben, nicht ausreichend gefördert. Wer Check-up und Hautkrebsvorsorge alle zwei Jahre durchführt, sollte stärkere finanzielle Anreize durch die GKV erhalten; ebenso Patienten, welche an DMPs teilnehmen.

Meines Erachtens können auch Apotheker in Form von Cholesterin-, NBZ-, und RR-Screeningaktionen eingebunden werden. Jedoch sollte keine Konkurrenz zu den Ärzten aufgebaut werden; vielmehr können Apotheker und Ärzte hier partnerschaftlich zusammenarbeiten. Für eine Kostenübernahme von Patienten-Screeningaktionen in Apotheken aus dem GKV-System sehe ich keinen finanziellen Spielraum. Dabei muss vor allem bedacht werden, dass viele Praxen für Patienten, die in mehreren DMP-Programmen eingeschrieben sind (zum Beispiel Diabetes Typ 2 und KHK) nur eine DMP-Teilnahme vergütet bekommen. Dies ist angesichts der Tatsache, dass die medizinische Versorgung von KHK-, Diabetes-Typ 2- und COPD- sowie von Asthma-Patienten erheblich durch die DMP-Teilnahme verbessert wurde, skandalös! Hier muss also zuerst angesetzt werden.

Zusätzlich sollten Patienten, die regelmäßig an Impfaktionen teilnehmen, ebenfalls Versicherungsrabatte erhalten. Eine Gegenfinanzierung wäre möglich durch höhere Versicherungsbeiträge für Patienten, die sich gesundheitsgefährdend verhalten.

Der Apotheker

"Die Politik muss die Finanzierung von Prävention regeln."

Der Apotheker

Mathias Arnold, Vorsitzender Landesapothekerverband Sachsen-Anhalt

Prävention bietet keinen Anlass zu Differenzen zwischen Heilberuflern, sondern fordert geradezu eine ergebnisorientierte Zusammenarbeit unter Berücksichtigung der Besonderheiten des Berufsbildes. So kann und will kein Apotheker eine Diagnose stellen oder eine Therapie einleiten. Andererseits bieten Apotheken ihren Patienten Beratungsleistungen an, die aufgrund der Qualifikation des Personals und der einfachen Erreichbarkeit gern angenommen werden. Dabei handelt es sich meist um Präventionsleistungen, die gesunde Menschen ansprechen und einen gesunden Lebensstil fördern sollen. Beobachtete Auffälligkeiten können zu einem Arztbesuch und eventuell zu einer frühen Diagnose führen.

In einer laufenden Therapie wird der Apotheker als Arzneimittelfachmann wirksam und versucht in Kooperation mit dem Arzt, die Compliance zu fördern. Diese Tertiärprävention ist seit Langem gelebte Praxis zwischen Arzt und Apotheke. Auf all diesen Feldern kann der Erfolg durch eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit gesteigert werden. Grundlage ist eine gute Kommunikation und eine klare Abgrenzung der Aufgabenfelder.

Der Leistungskatalog der ABDA definiert die üblichen Beratungsleistungen der Apotheken. Da Präventionsleistungen letztendlich eine gesellschaftliche Zielstellung verfolgen, sollte auch die Diskussion über deren Finanzierung nicht auf die Kassen beschränkt bleiben, sondern von der Politik umfassender geregelt werden.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »