Apotheker plus, 26.08.2011

Goethes Faible für die Pharmazie

Er tauschte sich intensiv mit Pharmazeuten aus, bezeichnete die Chemie als "meine heimlich Geliebte" und verarbeitete seine Erfahrungen auch literarisch: Goethe hatte ein ausgeprägtes Faible für Naturwissenschaften.

Von Klaus Brath

Goethes Faible für die Pharmazie

Giftschein von 1883. Auch Goethe hatte großes Interesse an Medizin, Pharmazie und Alchemie.

© dpa

Der Naturforscher, Staatsmann und berühmteste Dichter Deutschlands lebte in einer bewegten Epoche: In die "Goethezeit" fallen der Ausklang der Aufklärung, die Französische Revolution und der Beginn der Romantik.

Auch fachgeschichtlich ereignete sich viel: Es war die Zeit des Umbruchs von der Alchemie zur Chemie als rationale Wissenschaft, die Zeit, in der auch die bis dahin rein handwerklich betriebene Apothekerkunst sich nach und nach zur Wissenschaft entwickelte. "

In der Geschichte der Pharmazie markiert Goethes Lebensspanne eine wichtige, wenn nicht sogar die bedeutsamste Epoche", urteilt daher auch der Pharmaziehistoriker Professor Peter Dilg, Herausgeber des Sammelbands "Pharmazie und Chemie in Goethes Leben und Werk."

Intensive Kommunikation mit Pharmazeuten und Chemikern

Goethe hat das vielleicht bereits geahnt. Zumindest umgab er sich gerne mit einigen bedeutenden Pharmazeuten seiner Zeit, an die Professor Christoph Friedrich in einem der sechs Fachbeiträge in dem Sammelband erinnert. Seine erste nachhaltige Bekanntschaft mit Pharmazeuten machte der Dichter bereits als Student.

So hörte er die Chemie-Vorlesung des Medizinprofessors Jakob Reinbold Spielmann in dessen Straßburger Hirsch-Apotheke. In Weimar ließ er sich von dem Arzt und Hof- apotheker Wilhelm Heinrich Sebastian Bucholz naturwissenschaftlich beraten.

Einige von Bucholz‘ tüchtigsten chemischen Gehilfen kreuzten auch Goethes weitere Wege: So förderte dieser Johann Friedrich August Göttling, den Begründer der ersten pharmazeutischen Fachzeitschrift. Und er empfahl Johann Bartholomäus Trommsdorff für die Göttling-Nachfolge als Professor der Chemie in Jena.

Die Stelle erhielt jedoch Johann Wolfgang Döbereiner, laut Grabstein "Berater Goethes, Schöpfer der Triadenlehre, Entdecker der Platinkatalyse." 123 Briefe, gemeinsame chemische Versuche und die Einrichtung von Döbereiners Laboratorium zeugen von den engen wissenschaftlichen Kontakten der Beiden.

Der Dichterfürst ließ sich beraten

Auch mit dem Döbereiner-Schüler Friedlieb Ferdinand Runge verbinden sich wechselseitige Anregungen: Runge demonstrierte Goethe die Wirkung des Bilsenkrautes auf die Pupillen, Goethe wiederum schenkte Runge Kaffeebohnen und inspirierte damit womöglich dessen spätere Entdeckung des Coffeins.

Mit vielen weiteren Pharmazeuten tauschte sich der Dichterfürst aus, ließ sich von ihnen beraten und förderte sie - kein Wunder also, dass Goethe 1822 zum Ehrenmitglied des "Apotheker-Vereins im nördlichen Teutschland" ernannt wurde.

Die Wertschätzung war gegenseitig: "Bei uns im Weimarischen, wie überhaupt in Deutschland, nimmt der Apotheker eine sehr geachtete Stellung in der Gesellschaft ein", äußerte Goethe 1822. Er hatte zu diesem Zeitpunkt dem Apothekerberuf bereits im Versepos "Hermann und Dorothea" (1797) ein Denkmal gesetzt.

"Faust" mit alchemistischem Gedankengut

Noch inniger war Goethes Beziehung zur Chemie. Unter dem Titel "Goethes heimlich Geliebte: Die Chymie" beschreibt denn auch Professor Christa Habrichs Goethes alchemistische Experimente und chemische Studien sowie ihren Niederschlag in dessen Werken.

Nicht nur Goethes "Opus magnum" - der "Faust" - ist mit alchemistischen Gedankengängen durchzogen. Auch sein Roman "Die Wahlverwandtschaften" enthält ein aus der Chemie entlehntes und auf die menschliche Beziehungsdynamik übertragenes Thema - das anziehende/abstoßende Verhalten von Naturelementen.

Goethe war aber nicht nur selbst an Pharmazie und Chemie interessiert. Als "Homo patiens" ist er wiederum für Historiker auch als "Arzneikonsument" interessant - dabei war er allerdings alles andere als ein geduldiger Patient, wie der Historiker Professor Guido Jüttner betont.

"Krankheit hielt Goethe für das größte irdische Uebel" zitiert er dazu Goethes letzten Arzt Carl Vogel.

Der Dichter schätzte die Wirkung von Bilsenkraut

Doch um die Einnahme von Arzneien kam auch der Dichterfürst nicht herum. Goethe äußerte sich zwar offiziell kaum zu seinen Krankheiten und zur Medikation, deren Kenntnis zu dieser Zeit allein eine Domäne der Ärzte war. Apothekern kam der handwerkliche Part der Arzneizubereitung nach verordneten Rezepturen zu.

Jüttner hat aber viele interessante Quellen zusammengetragen, die zum einen Goethes Interesse an Homöopathie zeigen und zum anderen, welche Arzneisubstanzen (Chemiatrica, Animalia, Vegetabilia) bevorzugt von ihm genutzt wurden.

So schätzte er zum Beispiel die Wirkung von Arnika als Umschläge oder zur Mundspülung und lobte die Wirkung von Bilsenkraut als Schmerzmittel. Immer wieder taucht auch in Rezepturen die "Spanische Fliege" auf sowie gegen Obstipation "Mittelsalze" (wohl Glaubersalz).

Er wusste wohl aber auch um die Grenzen der Arzneien, so Jüttner. Er verweist auf einen Brief Goethes, in dem er zehn Jahre vor seinen Tod schrieb: "... da man eigentlich nicht jünger wird, so fehlt zuletzt die Kraft, sich selber herzustellen ..."

Dilg, Peter (Hrsg.): Pharmazie und Chemie in Goethes Leben und Werk. Wissenschaftshistorische Beiträge zu ausgewählten Aspekten. Veröffentlichungen zur Pharmaziegeschichte, Band 8. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft 2010, 167 S., 25 Abb., broschiert, 20 Euro, ISBN 978-3-8047-2601-7.

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