Apotheker plus, 28.10.2011

Praktische Hilfe zur Arzneieinnahme

Multimedikation ist derzeit als Schlagwort in aller Munde. Eine Apothekerin ist daher aktiv geworden und hat ein kluges System zur Einnahmehilfe und -kontrolle entwickelt.

Von Ruth Ney

Praktische Hilfe zur Arzneieinnahme

Dosierkästen als Einnahmehilfe: denn einfache Vorgaben wie "zweimal täglich" reichen oft nicht.

© Ruth Ney

Beim Kongress für Versorgungsforschung ist vor Kurzem wieder diskutiert worden, dass alte Menschen häufig zu viele Medikamente einnehmen. So wies Professor Gerd Glaeske vom Institut für Sozialpolitik der Universität Bremen darauf hin, dass in Deutschland rund zehn Prozent der Krankenhauseinweisungen bei Menschen über 65 Jahren Folge falsch eingenommener oder zu hoch dosierter Medikamente seien.

Dieses Phänomen hat Angelika Schulten schon seit Langem in ihren Apotheken in Dortmund beobachtet. Die Pharmazeutin, die unter anderem auch ein Altenpflegeheim mit verblisterten Medikamenten beliefert, weiß, dass selbst dieses System sehr fehleranfällig ist, da vom Pflegepersonal oft die Tabletten nochmals aus der Verblisterung genommen werden und dann leicht etwas durcheinander gerät.

"Mit der Anweisung 'dreimal täglich' ist es oft nicht getan"

Auch flüssige Arzneiformen sind so nicht zu ordnen. Das hat ihr keine Ruhe gelassen und so hat sie selbst die Initiative ergriffen und ein komplexes System zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit entwickelt und lizenzieren lassen - das AMTS-Stufensystem®. Dazu gehören sowohl ein detaillierter Medikationsplan als auch ein System zur Ordnung und Kontrolle aller Arzneimittel.

"Der Medikationsplan ist dabei so aufgebaut, dass alle Medikamente aufgelistet werden und genau unterschieden wird, wofür sie sind und wann und wie sie eingenommen werden müssen. Denn mit der Anweisung "dreimal täglich" ist es oft nicht getan", erläutert Schulten im Gespräch mit ApothekerPlus.

So müsse häufig unterschieden werden, ob die Einnahme vor oder nach dem Essen besser sei oder nur bei Bedarf.

Einnahmefehler häufiger als Interaktionsprobleme

"Das kann ein älterer Patient, der häufig bis zu zehn verschiedene Medikamente verschrieben bekommt und auch noch verschreibungsfreie Arzneien und Vitaminpräparate kauft, nicht mehr auseinanderhalten. Daher bieten Schulten und ihr Apothekenteam an, zu den Patienten nach Hause zu kommen und alle Medikamente zu kontrollieren und zu ordnen.

"Wir haben dabei festgestellt: "Weniger die Interaktionen sind das Problem, sondern, dass die Patienten mit den Dosierungen und Einnahmevorschriften nicht klarkommen". In den Medikationsplan, der wie ein Leporello zusammengefaltet nicht größer als ein Rezept ist, wird daher alles übersichtlich eingetragen.

Darunter liegt ein Durchschlag zum Verbleib in der Apotheke, in den auch Interaktionen, Gespräche mit dem Arzt und eventuelle Maßnahmen zur Problemlösung eingetragen werden können. "So haben wir stets einen guten Beleg für unsere Beratungstätigkeit", betont die Apothekerin.

AMTS-System bietet Kontrolle ob Medikament eingenommen wurde

Zusätzlich gibt es dann noch das eigentliche AMTS-System, den mediTimer®. Das sind längliche Pappschachteln, in die nahezu alle Darreichungsformen eingeordnet werden können. Der Clou: Hinten steckt die Packung, vorne wird zum Beispiel der gerade genutzte Blister eingesteckt.

Sobald daraus eine Tablette entnommen ist, wird der Blister in die Mitte sortiert. "So hat der Patient immer die Kontrolle, ob er die Tablette tatsächlich schon genommen hat. Dieser mechanische Vorgang geht Patienten schnell in Fleisch und Blut über", so Schulten.

Am nächsten Tag werden die Tabletten einfach wieder nach vorne gesteckt. Jede Systemschachtel steht für einen Einnahmezeitpunkt und wird entsprechend beschriftet - wahlweise auf deutsch, türkisch oder russisch.

Patienten sind erleichtert

Außer den Tageszeiten gibt es auch Kästen für Notfallmedikamente, etwa dem Nitrospray und für die Medikamente nach Bedarf, wie Schmerztropfen. Die einzelnen Kästen werden dann in entsprechender Reihenfolge aneinandergeklebt.

Das Ergebnis verdient vielleicht nicht den Design-Award. Es wird aber von den Patienten sehr gut angenommen, berichtet Schulten stolz. "Viele reagieren richtig erleichtert." Etwa 40 Patienten hat sie inzwischen versorgt.

Pro Kasten 2,50 Euro und Leporello ca. 3 Euro

Noch wird das AMTS-System aber von der agilen Apothekerin selbst finanziert. Immerhin kostet jeder Kasten etwa 2,50 Euro, der Leporello ca. 3 Euro. Dennoch ist sie bereits einen Schritt weiter gegangen. So hat sie einen Koffer entwickeln lassen, mit dem sich die Systemkästen überall hin mitnehmen lassen.

Angedacht ist auch, das System so weiterzuentwickeln, dass Patienten durch ein optisches Signal an jedem Kasten und durch einen Signalton an die Einnahme erinnert werden. Das wäre vor allem bei nachlassenden kognitiven Fähigkeiten optimal.

Mit Einnahmehilfen könnten sich Patienten länger selbstständig halten

"Immerhin 15 Prozent der Patienten vergessen die Einnahme trotz Dosiersystemen", verweist Schulten auf Studiendaten. Mit solchen Einnahmehilfen ließen sich vermutlich Patienten länger selbstständig halten und auch Kosten sparen, ist sie sich sicher.

So werde häufig vom Hausarzt für ältere Patienten eine sogenannte Behandlungspflege verordnet, damit eine ordentliche Medikamenteneinnahme gewährleistet sei, erläutert die Apothekerin. "Das sind pro Monat und Patient 1500 Euro zulasten der Krankenkasse, wenn dreimal am Tag ein Pflegedienstmitarbeiter bei der Oma reinschaut und ihr die Medikamente gibt.

Für die Pflegedienste ist das oft die größte Einnahmequelle." Sie hofft, dass sich daher auch die Krankenkassen für ihr AMTS-System interessieren.

Elektronische Dokumentation der Entnahme geplant

Noch einen Schritt weiter ist ein Kontrollsystem, bei dem durch eine untergebaute Flachmassenwaage jede Tablettenentnahme wahrgenommen und dokumentiert werden soll. Dieses Prinzip hat die Firma Soehnle Professional so fasziniert, dass sie einen entsprechenden Dummy auf der MEDICA im November präsentieren will, wie Schulten berichtet.

Mehr Infos unter www.meditimer.de und www.amts-system.com

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »