Apotheker plus, 25.11.2011

Präventionsleistungen selbstbewusst anbieten

Mathias Arnold war einer der geistigen Urheber des Leistungskatalogs LeiKa für Serviceangebote in Apotheken. Er plädiert dafür, dass hier Potenzial nicht weiter verschenkt wird.

Präventionsleistungen selbstbewusst anbieten

Mathias Arnold, Vorsitzender Landesapothekerverband Sachsen-Anhalt

© privat

ApothekerPlus: Haben Apotheker in Sachen Prävention noch Nachholbedarf?

Mathias Arnold: Nein. Ich denke, sie machen schon relativ viel richtig, und es gibt viele gute Angebote. Ich fände es allerdings gut, wenn man diese noch mehr standardisieren würde nach einheitlichen Qualitätsvorgaben.

Daher wurde ja auch der Leistungskatalog LeiKa entwickelt. Und es wäre wichtig, dass Apotheker diese Leistung nicht mehr verschenken. Das ging früher vielleicht im Rahmen einer Mischkalkulation. Aber das ist heute nicht mehr drin.

ApothekerPlus: Bei wem muss das Bewusstsein geweckt werden, dass nicht mehr alles umsonst gemacht werden kann in der Apotheke - bei den Patienten oder bei den Krankenkassen?

Arnold: Es wäre sehr schön, wenn die Kassen hier Kosten übernehmen würden. Da gibt es bereits vereinzelt Beispiele. Aber die Hoffnung immer darauf zu setzen, dass die Kassen alles bezahlen, weil wir den Patienten gute Leistungen erbringen, das ist ein Wunschdenken.

Denn die Kassen agieren heutzutage auch als Wirtschaftsunternehmen und sehen stark auf ihre Kosten.

Bei den Patienten muss daher ankommen: wenn sie bereit sind Fitness-Studio und Bankberater zu bezahlen, warum dann nicht auch Leistungen in der Apotheke? Allerdings gibt es ebenso die Möglichkeit der innerbetrieblichen Gesundheitsvorsorge, also, dass Firmen eine Präventionsleistung aus einer Apotheke für ihre Mitarbeiter finanzieren.

ApothekerPlus: Kennen Sie hier entsprechende Beispiele?

Arnold: Das gibt es bereits mit öffentlichen Institutionen und Banken, die Gesundheitstage organisieren und dabei die von einer Apotheke erbrachten Leistungen bezahlen, während sie für ihre Mitarbeiter kostenlos sind.

Das kann man mit Hilfe des LeiKa auch recht gut kalkulieren - also Personal- und Materialaufwand. Eine klare Leistungsbeschreibung ist immer nötig, wenn ich jemandem eine Leistung verkaufen möchte.

ApothekerPlus: Kann man denn immer einheitliche Preise veranschlagen?

Arnold: Nein, das geht nicht nach rein buchhalterisch und betriebswirtschaftlich ausgerechneten Zahlen. Aber wenn ich eine standardisierte Leistungsvorgabe habe, dann habe ich schon mal eine gute Kalkulationsbasis.

Damit kann ich in Verhandlung treten und mich dann nach den Marktgegebenheiten richten - schließlich möchte ich den Auftrag erhalten. Der LeiKa soll auch kein EBM für Apotheker sein - auch wenn sich manche Kollegen so etwas wünschen.

ApothekerPlus: Inwiefern stehen Apotheker mit solchen Angeboten dann in Konkurrenz zu anderen Anbietern von Präventionsleistungen, etwa Ernährungsberatern und Ärzten?

Arnold: Im Prinzip ist das keine Konkurrenz. Wenn man sich die Angebote im LeiKa anschaut, sieht man, dass es in der Apotheke vorwiegend um eher niedrigschwellige Präventionsleistungen geht, die oft sogar am besten in Kooperation mit Ärzten funktionieren.

So wollen Apotheker ja nicht impfen, wenn sie eine Reiseberatung machen, sondern sie machen lediglich Empfehlungen.

Zum Impfen müssen die Patienten immer zum Arzt, und der entscheidet unter klinischen Gesichtspunkten, ob das letztlich gemacht wird oder nicht. In unserer Region, in der wir einen Arztmangel haben, ist in den Praxen oft gar keine Zeit für eine ausführliche Reiseberatung, da das Wartezimmer voll mit akuten Fällen ist.

Hier können wir Ärzte sogar entlasten. Klar ist: Apotheken müssen ihre Grenzen kennen. Wird ein zu hoher Blutdruckwert gemessen, kann ich keine Diagnose stellen, sondern werde den Patienten zum Arzt schicken.

ApothekerPlus: Sollten Apotheker also gezielt die Kooperation mit Ärzten suchen?

Arnold: In manchen Fällen funktioniert das gut. Gerade bei der Reiseberatung habe ich, wie erwähnt, mit den umliegenden Ärzten gute Erfahrungen gemacht. Da kommt es sogar vor, dass Patienten zur ausführlichen Information in die Apotheke geschickt werden mit dem Hinweis, dann zum Impfen wieder in die Praxis zu kommen.

Bei einer Messaktion in der Sparkasse, habe ich hingegen keine Ansprache zum jeweiligen Hausarzt. Die Angst, die immer wieder umgeht, vor einem Räubern im Revier kann ich nicht nachvollziehen. Auch eine richtige Ernährungsberatung können ja nur wenige Apotheker mit der entsprechenden Fortbildung machen.

Aber alle können den Patienten schon mal einen Anstoß geben, über ihre Ernährungsgewohnheiten nachzudenken und dazu auch fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

ApothekerPlus: Wo ist für Sie dann die Grenze zwischen selbstverständlicher Beratung und kostenpflichtiger Leistung?

Arnold: Die Grenzen sind sicherlich oft fließend. Für drei Sätze zur Ernährung würde kein Apotheker Geld verlangen. Aber wenn ausführliche, qualifizierte Leistungen erbracht werden, wie sie im LeiKa definiert sind, ist eine Honorierung angebracht.

Ich kann hier auch nur raten: Rechnen Sie wirklich mal betriebswirtschaftlich aus, was eine angebotene Leistung kostet und sagen Sie das auch Ihren Mitarbeitern. Wenn Sie zum Beispiel ausrechnen, dass die Cholesterinmessung eigentlich 15 Euro kostet, Sie sie aber aus Markterwägungen für 5 Euro anbieten, dann haben Sie ein ganz anderes Standing.

Dann muss nicht verschämt den Kunden gesagt werden, dass die Cholesterinmessung etwas kostet, sondern es kann vermittelt werden, dass eine gute Leistung sogar günstig angeboten wird.

ApothekerPlus: Wie viele Präventionsleistungen kann oder sollte eine Apotheke denn erbringen?

Arnold: Nach meiner Erfahrung ist es für Apotheken wichtig, nicht alle Leistungen erbringen zu wollen, sondern sich eher auf wenige zu konzentrieren. Die sollten dann aber fundiert und mit "vollem Herzen" angeboten werden. Dazu muss auch das Personal entsprechend geschult sein.

Das Gespräch führte Ruth Ney.

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Prävention ist eine Teamleistung

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