ArztRaum, 29.07.2010

Auf Design-Inseln die Sorgen vergessen

Lichtplanung nach wahrnehmungspsychologischen Erkenntnissen, individuelle, sehr persönliche Einrichtungsphilosophien oder neue Raumkonzepte in Arztpraxen und Kliniken können kleinen und großen Patienten die Ängste in Ausnahmesituationen nehmen - und damit den Therapieerfolg maßgeblich steigern.

Von Sabine Henßen

Elise ist zwar eine Prinzessin, doch schreien, toben und weinen, wie sie gerade will, darf sie darum noch lange nicht. So zieht sie sich gern auf ihre Insel zurück, um einfach mal in Ruhe durchzuatmen. Ganz ähnlich wie der Prinzessin ergeht es auch Kindern, die eine Therapie machen. "Psychotherapie wirkt bei Kindern und Jugendlichen, wenn sie sich öffnen und anvertrauen können", so Dr. Kamilla Körner-Köbele, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge (KEH) in Berlin-Lichtenberg. "Und dafür braucht es ein heilsames Milieu."

Seit Oktober 2009 begrüßt Elise, das Maskottchen der Patienten zwischen 3 und 18 Jahren, die Ankömmlinge im Eingangsbereich ihres Eilandes. Entwickelt wurde das Konzept, junge Patienten auf eine imaginäre Insel zu schicken, von den Ärzten, Psychologen und Therapeuten der Abteilung gemeinsam mit dem Berliner Architekturbüro Dan Pearlman. "Wir sprachen mit den Psychologen, den Kindern und Jugendlichen. Es sollte nichts schöngeredet werden, aber auch keine falschen Bilder entworfen werden, die nach hinten losgehen. So entwickelten wir die Insel-Metapher", erläutert Prime Lee, Architekt und Konzeptioner bei Pearlman.

Eine therapeutische Auszeit auf der Insel nehmen

Eine Metapher, die an Urlaub erinnere, an einen Ort, den man irgendwann auch wieder verlassen wird. Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern die Angst nehmen, einen positiven Blick auf die Therapie vermitteln, sodass sie den Aufenthalt im KEH als Auszeit begreifen und keinesfalls als Strafe dafür, nicht mehr zu funktionieren, das gehörte zu den Leitideen. Die Kids sollen sich geborgen fühlen, Sicherheit und Förderung erfahren in Strukturen, die ihnen Halt geben. "Wir haben es geschafft, die inhaltlichen Konzepte mit der räumlichen Situation in Einklang zu bringen", so Körner-Köbele.

Ein Raum- und Kommunikationskonzept, das Austausch- und Rückzugsmöglichkeiten bietet - und sich durch den Einsatz von Farben, Formen und Materialien an die Bedürfnisse der unterschiedlichen Altersgruppen anpasst. "Für die 3- bis 7-Jährigen haben wir eine Dünenlandschaft mit viel flauschigen Oberflächen kreiert. Die 8- bis 13-Jährigen schießen in die Höhe, wollen klettern, darum die Palmhütte, in die sie sich oben hineinsetzen können. Und die 14- bis 18-Jsährigen haben den Hafen als Bild, denn die wollen auch mal mit dem Schiff verreisen", beschreibt der Kreative Lee die verschiedenen Stationen auf der Insel. Die Farbwelt deckt Sand- und Orangetöne, Grün- und Brauntöne und auch Blautöne ab. "Auf krasse Kontraste haben wir auf Anraten der Psychologen verzichtet", so Prime Lee.

Dr. Philip G. Petry, Facharzt für radiologische Diagnostik in Heidelberg, setzt dagegen auf die Leitfarbe Pink - und auf Kunst, um Ängste bei den Patienten zu lösen. "Wer zum ersten Mal in die Praxis kommt und die großformatigen Ölgemälde von Dietmar Brixy sieht, stoppt kurz und fragt: Bin ich hier richtig? Doch dann reagieren die Patienten begeistert, weil ihnen Atmosphäre zusagt", berichtet der Radiologe.

Petry setzte auf ein sehr persönliches Gestaltungskonzept, um die 750 Quadratmeter große Praxis in eine stress- und angstfreie Umgebung zu verwandeln: "Meine Frau hat mich beraten. Sie hat neben Psychologie auch Kunst studiert und ein sehr gutes Empfinden für Farbe und Formen. Ich plante zunächst eine sehr klassische Praxis. Doch sie sagte: Da würde ich mich unwohl fühlen!" Und entwarf das Gestaltungskonzept so, wie sie als Patient empfangen werden wollte. "Wir haben viel Leidenschaft ins Design gesteckt und ein Jahr ge-plant", so Petry.

Dass der persönliche Geschmack des Arztes durchaus in das Praxisdesign einfließen sollte, rät auch Johannes Kottjé, Architekt und Buchautor: "Ich habe mit ihm als Persönlichkeit zu tun. Anderenfalls könnte der Patient das Gefühl haben, der innenarchitektonische Entwurf habe mit dem Arzt gar nichts zu tun." Der Experte empfiehlt, ein Wartezimmer etwas wohnlicher zu gestalten als üblich: Statt der typischen Freischwinger, ringsum an der Wand aufgereiht, etwa ein Sofa mit hineinzustellen. "Und es kann die Spannung des Ambientes erhöhen, bei Farben und Formen mit Kontrasten und Brüchen, zu arbeiten. Zugleich soll aber eine Homogenität erkennbar sein." So könne man das Wartezimmer in einem Farbton gestalten und die Brüche durch variierende Formen herbeiführen - oder umgekehrt.

Leichte Brüche im Design sorgen für Ablenkung

"Der Patient soll nicht eingelullt werden, die leichten Brüche machen neugierig und bringen Abwechslung - und Ablenkung", erklärt Kottjé. Ein Grundgedanke des Facharztes für Radiologie war: "Warum den Stress nicht nehmen? Vor allem sollten die Leute nicht anfangen zu grübeln." Ins Grübeln geraten die Patienten nun, wenn sie die abstrakten Großformate des Malers Brixy betrachten oder die transluzente Skulptur im Eingangsbereich, die ebenso wie der Palisanderholz-Tresen mit pinkfarbenen Ele- menten durchsetzt ist. "Pink symbolisiert Fröhlichkeit und nimmt die Angst vor dem Kernspin", so Petry.

Blau bedeutet nicht gleich Ruhe: Farbempfinden ist subjektiv

Doch: Farben sind der Mode unterworfen, und die ultimative Farbe gegen Angst existiert nicht. Auf die Patientenpsyche muss also vielschichtiger eingegangen werden. Mathias Reuter hat die radiologische Praxis als Innenarchitekt mitgestaltet. Er erklärt: "Das Einrichtungs- und Farbkonzept passt zu Dr. Petry, das goutieren auch seine Patienten und sagen: ‚Sie geben viel von sich preis, also kann auch ich mich öffnen!‘" Reuter empfiehlt, sich auf wenige Farben zu konzentrieren: "Zwei bis drei, die sich ganz individuell wiederholen lassen - das vermittelt eine gewisse Ruhe, aber keine Beliebigkeit."

Häufig werden Farben in Form von buntem Licht auch in Kernspin-Untersuchungsräumen eingesetzt. Markus Canazei, spezialisiert auf Wahrnehmungspsychologie, erklärt: "Besonders ein Farbwechsler kann hier gut die Aufmerksamkeit auf sich ziehen." Würde aber dauerhaft nur eine Farbe leuchten, müsse man vorher genau die Präferenzen abklären. "Man weiß mittlerweile, dass rötliches Licht eher aktiviert, blaues Licht eher beruhigt. Jedoch ist die intrasubjektive Variabilität so groß, dass viele Menschen es genau umgekehrt empfinden."

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