Ärzte Zeitung online, 09.12.2010

Dufte Luft

Würzig-frisch riecht es in der Praxis von Dr. Wido Seitz. Seine Patienten mögen das eingesetzte Raumparfüm. Doch Umweltmediziner warnen vor gesundheitlichen Risiken. ArztRaum dokumentiert zwei Standpunkte.

Pro

"Häufig fragen mich meine Patienten: Warum riecht es denn hier so gut?"

Dufte Luft

Dr. Wildo Seitz, Allgemeinmediziner, Friedberg

© privat

Wenn ich morgens in meine Praxis komme, schlägt mir keine abgestandene Luft entgegen. Stattdessen riecht es frisch und würzig nach Tanne mit einem Schuss Grapefruit. Möglich machen es vier kleine Duftgeräte, die automatisch eine auf natürlichen ätherischen Ölen basierende Duft-Mischung freisetzen.

Die Geräte habe ich verteilt. Eins steht im Wartezimmer, eins im Empfang und je ein Duftgerät in den Sprechzimmern. In den Behandlungs-Zimmern habe ich selbstverständlich keine platziert.

Mir ging es bei der Raumbeduftung darum, die Atmosphäre dauerhaft zu verbessern. Denn obwohl wir regelmäßig lüften, bemerken wir die verbrauchte Luft in der Praxis weniger schnell als der Patient, der von draußen aus der frischen Luft kommt.

Bislang habe ich von meinen Patienten nur positive Rückmeldungen erhalten. Häufig fragen sie: "Warum riecht es denn hier so gut?" Und bislang hat sich noch keiner beschwert, dass der Duft stören würde, etwa weil er einen Juckreiz in der Nase auslöst.

Mich überzeugte zudem, dass naturreine Duftöle eine luftreinigende Wirkung haben sollen und bestimmte Geruchsrichtungen wie Orange oder Lavendel zudem eine entspannende und angstlösende Wirkung. Aber mir ging es vor allem um den Frische-Effekt. Deshalb verwende ich stets den gleichen Tannen-Grapefruit-Duft.

Kontra

"Ärzte sollten dafür sorgen, dass ihre Praxen möglichst frei von Düften sind."

Dufte Luft

Dr. Eberhard Schwarz, Umweltmediziner, Breklum

© privat

Mindestens 15 Prozent der Bevölkerung reagieren sensibel auf Duftstoffe, zwei bis drei Prozent sind sogar hochsensitiv. Wenn diese Menschen einen künstlich bedufteten Raum betreten, stellen sich bei ihnen Symptome wie Schmerzen, Atemnot oder Schwindel ein.

Und dies bilden sich die Betroffenen nicht ein. Klinische Erfahrungen zeigen, dass auch Menschen, die ihren Geruchssinn verloren haben, diese Symptome zeigen. Zudem weisen neurophysiologische Messungen am vegetativen Nervensystem, Entzündungsmarker im Blut und Reaktionen immunkompetenter Blutzellen darauf hin, dass sensitive oder Duftstoff-allergische Personen tatsächlich reagieren.

Allerdings sind natürliche Stoffe in der Regel besser verträglich als künstliche. Denn die Wahrscheinlichkeit ist insgesamt geringer, dass sensitive Personen empfindlich auf ein natürliches ätherisches Öl reagieren - falls doch, leiden sie unter denselben Symptomen.

Fairerweise muss gesagt werden, dass nicht nur Raumbeduftungen problematisch sind: Auch Rasierwasser oder parfümierte Seife können zu den oben genannten Symptomen führen. Aus diesem Grund sollten Ärzte insgesamt dafür sorgen, dass ihre Praxen möglichst frei von Düften sind. Nur so können sie sichergehen, dass sich all ihre Patienten wohlfühlen - die sensitiven genauso wie die nicht-sensitiven.


Zur aktuellen Ausgabe von ArztRaum Nr. 4_2010

Topics
Schlagworte
ArztRaum (170)
Krankheiten
Schmerzen (4227)
[11.12.2010, 16:11:56]
Volkmar Heitmann 
Duftfreie Räume gibt es nicht
Zur Kontra-Position von Herr Dr. Schwarz ist folgendes zu ergänzen:

1. Es gibt keine Ort der Welt, der duftfrei ist. Eine duftfreie Arztpraxis zu fordern, ist also Illusion. Gerade natürliche Umgebungen, wie z.B. ein Wald, sind voller Düfte. Diese Düfte werden in aller Regel auch von duftsensitiven Menschen als positiv empfunden.

2. Es stimmt, das auch Menschen, die keinen Geruchssinn (mehr) haben, auf Düfte reagieren. Das liegt daran, dass wir überall im und auf dem Körper Duftrezeptoren besitzen, also nicht nur in der Nase. Düfte haben eine ganz wesentliche Funktion für unser Wohlbefinden und für unsere Gesundheit. Sie sind ein wesentliches Lebensmittel. Und wie alle Lebensmittel auch ein über die Jahrtausende entwickeltes Kulturgut. Ohne gute Düfte fehlt uns etwas.

3. Das Problem liegt in der Art der Düfte: Die natürlichen Düfte, z.B. die der ätherischen Öle, ist unser Körper gewohnt. Diese Düfte werden problemlos verstoffwechselt. Womit unser Körper überfordert ist, ist die Flut an künstlichen Duftstoffen, die in unvorstellbaren Mengen produziert werden. Jedes Jahr werden es mehr - und vor allem kommen immer neue hinzu.

4. Bei Duftstoffsensibilitäten ist zu unterscheiden zwischen Kontakt-Empfindlichkeiten und Empfindlichkeiten auf physiologische Konzentrationen in der Luft. Alle veröffentlichten Angaben über Empfindlichkeiten oder gar Allergien beziehen sich immer auf den Hautkonktakt mit Duftstoffen und auf hohe Konzentrationen, nicht auf die physiologischen Konzentrationen eines Duftes in der Raumluft. Für letzteres ist bisher z.B. keine einzige allergische Reaktion auf natürliche ätherische Öle bekannt.

5. In Arztpraxen kann eine Beduftung mit natürlichen ätherischen Ölen gerade in der "Grippesaison" dazu beitragen, dass sich die Patienten im Wartezimmer nicht gegenseitig anstecken. Ich verweise hier nur beispielhaft auf die Veröffentlichung "Antimicrobial effect of vapours of terpineol,(R)-(–)-linalool, carvacrol, (S)-(–)-perillaldehyde and 1,8-cineole on airborne microbes using a room diffuser", Sabine Krist et al., Flavour Fragr. J. 2008; 23: 353–356. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. mehr »

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Star Trek und die Ethik der Medizin

Ärztliche Fortbildung sind immer dröge Veranstaltungen? Eine Veranstaltung in Frankfurt ist der medizinethischen Wertewelt von Raumschiff Enterprise auf den Grund gegangen - und zeigt, was Ärzte aus der Serie lernen können. mehr »