Ärzte Zeitung, 22.06.2011

Einbruchgefahr: So wird die Praxis zur Festung

Rezeptblöcke, Medikamente, Bares: Auch Arztpraxen geraten ins Visier von Einbrechern. Angemessener Schutz macht ihnen die Arbeit schwer - auch in der Urlaubszeit.

Von Sabine Henßen

Einbruchgefahr: So wird die Praxis zur Festung

© Mone Beeck

Arztpraxen haben jetzt im Sommer einen großen Nachteil: "Während der Ferienzeit hängt an vielen ein Schild ‚Geschlossen wegen Urlaub‘ an der Tür. Das kommt einer Einladung gleich", sagt Georg von Strünck, Leiter der Technischen Prävention des Berliner Landeskriminalamtes.

Aber auch außerhalb der Ferienzeit sollten Inhaber von Praxen, vor allem wenn diese in Wohngebäuden angesiedelt sind, auf Prävention setzen: mit 121.347 Wohnungseinbruchsdiebstählen im Jahr 2010 erhöhte sich die Rate um 6,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, so die polizeiliche Kriminalstatistik.

"Für 2011 können wir bereits sagen: Im ersten Quartal stieg die Zahl der Einbrüche in Wohngebäude um 33 Prozent gemessen an 2010!", schildert Kriminalhauptkommissar von Strünck die Situation in Berlin.

Gitter sollen Einbrecher, nicht Patienten abschrecken

So empfehlen Präventionsexperten, zunächst Fenster und Türen mechanisch zu sichern. Liegt eine Praxis gut zugänglich im Parterre, können Gitter das Mittel der mechanischen Abwehr ungebetener Besucher sein.

Doch die treffen nicht immer auf Zustimmung. "Ein Kunde sagte mir, ihm gefielen keine Gitter, das wirke auf seine Patienten abschreckend", berichtet Kriminalhauptkommissarin Angelika Fritsche, die in der Kriminalpolizeilichen Beratungsstelle Hamburg zu Einbruchschutz informiert.

Sie riet ihm, es seinen Kollegen im mediterranen Raum gleichzutun: "Nach der Sprechstunde wird nun ein Rollgitter von oben heruntergezogen und verschließt den Eingang", so Fritsche.

Auch der Berliner Experte empfiehlt Rollgitter, wo man diese Maßnahme umsetzen könne. "Ist die Praxis in einem Mehrfamilienhaus untergebracht, sollte doch auf Gitterstäbe oder Rollläden zurückgegriffen werden", so von Strünck.

Gitter müssen so massiv und gut verankert sein, dass sie nicht aufgehebelt werden können: Mindestens acht Zentimeter tief sollen sie ins Mauerwerk eingelassen werden, die Stäbe sollten 18 Millimeter dick und miteinander verschweißt sein.

Wie widerstandsfähig Fenster, Türen und weitere Einbauten gegen Einbruchsversuche sind, definieren die so genannten Widerstandsklassen von WK 1 bis WK 6, gemäß den Euro-Normen DIN V ENV 1627 bis 1630.

WK 2 etwa hält dem Gelegenheitstäter drei Minuten stand, der einfaches Werkzeug wie einen Schraubendreher einsetzt. WK 5 dagegen soll erfahrene Täter über 15 Minuten abhalten, die mit Bohrmaschine oder Stichsäge ins Gebäude einzudringen versuchen. Für Arztpraxen empfiehlt die Polizei Türen und Fenster ab Widerstandsklasse 3.

Wer Türen mit hoher Sicherheit gegen mechanische und elektronische Manipulationsversuche einsetzen und zudem unterschiedliche Zugangsberechtigungen für die Medizinischen Fachangestellten (MFA) oder das Reinigungspersonal vergeben will, dem bietet der Hersteller DOM die Modelle Protector (für den Außen- und Innenbereich) oder Guardian (nur für den Innenbereich) an.

Über das elektronische Schließsystem wird festgelegt, wer die Praxis oder Teilbereiche wann betreten darf - das System berücksichtigt dabei Feiertage, Ferien sowie Winter- und Sommerzeit.

Was ist geeigneter: stiller oder akustischer Alarm?

‚Aufgeschlossen‘ wird mittels eines Transponders, der im Scheckkarten-Format oder als Standard Schlüsselanhänger, dem sogenannten Tac, zu haben ist. DOM verspricht eine schnelle, unkomplizierte Programmierung der Berechtigungen durch eine mitgelieferte Masterkarte oder eine Software mit Lesegerät.

Geht ein Transponder verloren, löscht man ihn aus dem System mitsamt Zugangsberechtigung und vermeidet so einen teuren Austausch der Schließanlage.

"Als Ergänzung der mechanischen Maßnahmen ist die elektronische Sicherung quasi obligatorisch", betont Kriminalhauptkommissar von Strünck. Die erfolgt etwa durch Installation einer Einbruchmeldeanlage, kurz EMA, die den Einbau mechanischer Sicherungen keinesfalls ersetzt, aber unbefugtes Eindringenfrühzeitig erkennen und melden soll.

Ein zuverlässiger Außenhautschutz funktioniert wie folgt: "Die EMA löst aus, sobald der Täter außen zu hebeln beginnt, und während dieser noch arbeitet, geht die Meldung an den Wachschutz, der wiederum informiert die Polizei. Entscheidend ist, den Täter daran zu hindern, in die Praxis einzudringen", so der Experte.

Ob man sich für eine EMA mit stillem oder akustischem Alarm entscheidet, hängt auch von der Lage der Praxis ab. "Liegt sie abgeschieden oder in einem Gebäudekomplex, der nachts verwaist ist, nutzt das akustische Signal wenig. Im Gegenteil.

Der Täter versteckt sich in der Nähe, beobachtet, was passiert, und startet möglicherweise den nächsten Versuch", berichtet von Strünck aus seiner Berufspraxis. Von einer Alarmweiterleitung aufs Arzt-Handy rät der Kriminalhauptkommissar ab.

Besser: Das Signal geht bei der Notrufserviceleitstelle des beauftragten Wachdienstes ein, der die Polizei informiert oder selbst Mitarbeiter zum Objekt schickt. Der Wachdienst sollte von VdS Schadenverhütung GmbH (ehemals Verband der Sachversicherer) zertifiziert sein.

Sicher ist sicher: Wer genau wissen möchte, ob geplante oder schon bestehende Einbruchschutzmaßnahmen auch den Anforderungen des Versicherers entsprechen, bittet seinen Außendienstmitarbeiter in die Praxis.

Und: "Wird in den Einbruchschutz investiert, sollte man seine Versicherung direkt ansprechen: Ich rüste auf, macht mir die Police günstiger!", rät von Strünck.

Auf www.berlin.de/polizei/praevention/eigentum/einbruchschutz.html steht ein Info-PDF zu Einbruchschutz in Arztpraxen zum Download bereit.

Ein bundesweites Verzeichnis für "Geprüfte und zertifizierte einbruchhemmende Produkte" steht auf: www.polizei.bayern.de (Menüführung: Schuetzen und Vorbeugen; Beratung, technische Beratung) zum Download bereit.

Einbruchgefahr: So wird die Praxis zur Festung

Ein Hingucker und Sicherheitstechnik zugleich: Mit elektronischen Schließsystemen wie dem ‚Protector‘ von DOM sind Praxen gegen mechanische und elektronische Manipulationsversuche gewappnet. Der elektronische Sicherheitszylinder ‚Guardian‘ (rechts) wurde sogar mit dem red dot design award prämiert.

© DOM Sicherheitstechnik

Lesen Sie dazu auch das Interview:
"Die Täter hebeln fast immer Türen und Fenster auf"

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