Ärzte Zeitung, 07.07.2011

Interview

"Wir sollten Farben als Genesungsfaktor einsetzen"

Klinisches Weiß in Praxen schürt oft Ängste. Ein farbiger Anstrich, der wahrnehmungspsychologischen Erkenntnissen folgt, kann positive Emotionen hervorrufen. Worauf bei der Planung zu achten ist, erläutert Professor Markus Schlegel, Experte für Farbdesign.

Professor Markus Schlegel

"Wir sollten Farben als Genesungsfaktor einsetzen"

© privat

Aktuelle Position: Markus Schlegel ist Professor für Farb- und Architekturgestaltung und Projektentwicklung Farbe an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim (HAWK) sowie Mitinhaber der Bürogemeinschaft TSP.Design Talledo Schlegel & Partner für Innenarchitektur, Architekturdesign und Farbdesign in Frankfurt am Main.

Werdegang: Geboren 1965 in Stuttgart; Ausbildung in Siebdruck, Lichtreklame und Messebau; Chemiestudium (Ausrichtung: Farbe, Lack, Kunststoff) in Stuttgart; 1998 Übernahme der Leitung des Farbdesign-Studios bei Caparol. 2002 erhielt Schlegel einen Ruf an die Fakultät Gestaltung der HAWK, wo er 2004 das Institute International Trendscouting (IIT) gründete. Der Autor und Farbexperte ist Kurator am Deutschen Farbenzentrum und hat sich auch im Gesundheitsbau einen Namen gemacht.

Ärzte Zeitung: Welche "emotionale Macht" schreiben Sie dem Farbdesign im Gesundheitsbau zu?

Professor Markus Schlegel: Farben können ein Motivator für die Gesundung sein. Wir sollten sie daher gezielt als Genesungsfaktor einsetzen. Der Raum ist natürlich kein Arzneimittel, kann aber der Nährboden für den Heilungsprozess sein.

Ärzte Zeitung: Ist die Verknüpfung von Farbe und Emotion bei Menschen nicht sehr subjektiv und lässt sich nur schwer messen?

Schlegel: An der HAWK begannen wir gemeinsam mit dem Fachbereich für Psychologie der Universität Mannheim bereits im Jahr 2006 mit der Untersuchung "Farbe + Emotion". Über 2000 Personen verschiedener Alters- und Gesellschaftsschichten wurden dabei auf ihre Farbwahrnehmung hin getestet: Die Personen standen in sechs Quadratmeter großen Räumen und ließen unterschiedliche Farben und Farbkombinationen bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen auf sich wirken.

Dann befragten wir sie anhand von Piktogrammen über ihre Empfindungen. Fazit: Wir haben Farbtypologien identifiziert, die eine deutliche emotional positive Wirkung auf den Betrachter haben.

Ärzte Zeitung: Sie haben vier Dialysezentren - in Bad Rothenfelde, Bonn, Gütersloh und Oranienburg - mitgestaltet. Welche Farbkompositionen und Materialien kamen zum Einsatz?

Schlegel: Basierend auf den wahrnehmungspsychologischen Erkenntnissen unserer Studie haben wir Farbtypen ausgewählt, die einer Vielzahl von Menschen vertraut sind. Wir haben Farbkompositionen auf die Zentren übertragen, die angenehm anregend oder angenehm entspannend wirken, und mit Aufhellung und Verschattung der Farbtöne gearbeitet.

Wichtig ist bei jedem Projekt: Wie wird das Farbkonzept in den jeweiligen Raum übersetzt, ist die Empfangstheke rund oder eckig, welche Materialien werden dafür verwendet? Ziel ist es, eine möglichst regenerative, positive Stimmung zu erzeugen. Das erreicht man etwa mit Naturtönen, wobei Echtholz oder Kautschuk aufgrund der DIN-Vorgaben oft tabu sind. So haben wir die Natur mit alternativen Materialien versucht nachzuempfinden.

Ärzte Zeitung: Wie haben Sie die Wünsche der Mitarbeiter in die Planungen mit einbezogen?

Schlegel: Die Räume in den Dialysezentren sollten eine hohe Begegnungsqualität haben und eine Atmosphäre von Vertrauen und Sicherheit ausstrahlen. Man soll "atmen" können. Auch der Aspekt Nachhaltigkeit war eine Grundanforderung: Er betrifft die Materialen und das Farbdesign, das auch nach Jahren noch als stimmig empfunden werden sollte.

Wir haben den Belegschaften Farbprofile mit besonderen Attributen wie "gemütlich", "Komfort" oder "Wärme" vorgestellt und ihnen damit sozusagen eine Navigationshilfe an die Hand gegeben, anstatt ihnen 2000 Farbtöne zur Auswahl vorzulegen.

Ärzte Zeitung: Welche Gestaltungswünsche haben Sie persönlich an ein Wartezimmer?

Schlegel: Persönlich bevorzuge ich einen sehr reduzierten, sehr nüchternen Stil, eher klösterlich, viel Grau und Weiß. Der Raum sollte seelisch entschlackend wirken, natürliche Wärme käme etwa durch Licht hinein. Aber aus persönlicher Erfahrung weiß ich: Wenn es einem Menschen wirklich sehr schlecht geht und Angst im Spiel ist, hilft ein Umfeld, das in eine weiche, verwischte, natürliche Farbpalette, etwa mit Rosétönen, getaucht ist.

Das Gespräch führte Sabine Henßen.

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