Ärzte Zeitung, 21.07.2011

Interview

"Das Naturthema als solches ist angekommen!"

Der Naturtrend ist mittlerweile bei Bodenbelägen im Gesundheitsbau ein Thema. Doch die Hygieneanforderungen sind hoch. Innenarchitektin Sylvia Leydecker erklärt im Interview, worauf Ärzte - auch in Sachen Langlebigkeit - achten sollten.

Sylvia Leydecker

"Das Naturthema als solches ist angekommen!"

© Reinhard Rosendahl

Aktuelle Position: Diplom-Ingenieurin und Innenarchitektin (BDIA) Sylvia Leydecker ist Inhaberin des 1997 in Köln gegründeten Innenarchitekturbüros 100% interior. Einer ihrer Schwerpunkte ist der Bereich Healthcare. Mit zahlreichen realisierten Projekten für Arztpraxen und Kliniken im In- und Ausland gilt sie als Fachfrau für den Gesundheitsbau.

Werdegang/Ausbildung: Leydecker studierte Innenarchitektur an der Fachhochschule Wiesbaden (fhw) und an der Universität Trisakti in Jakarta, Indonesien.

Parallel arbeitete sie in verschiedenen Architektur- und Innenarchitekturbüros. 1996 schloss sie ihr Studium erfolgreich ab. Sammelte aber bereits vorher ausgiebige Auslandserfahrungen, unter anderem während einer rund siebenjährigen internationalen Tätigkeit bei der Deutschen Lufthansa.

Ärzte Zeitung: Wenn wir von "natürlichen Bodenbelägen" sprechen oder lesen, welche Materialien fallen Ihrer Meinung nach in diese Kategorie?

Sylvia Leydecker: Ein sehr komplexes Thema. Zu den "natürlichen Materialien" würde ich in jedem Fall die nachwachsenden Rohstoffe wie Holz, Bambus und Kautschuk zählen. Aber es muss in diesem Zusammenhang auch an den Nachhaltigkeitsaspekt gedacht werden.

Das heißt: Wie wird umweltfreundliche Holzwirtschaft betrieben oder wie langlebig ist ein Bodenbelag? Bei Linoleum etwa sollte genau hingeschaut werden, welche Füllstoffe der Hersteller neben Leinöl, Korkmehl und Jutegewebe noch verwendet.

Und bei Kautschuk sollte man sich die Frage stellen, ob bei so vielen Millionen Quadratmetern Fußboden wirklich alles verlegte Material Naturkautschuk sein kann - oder ob es sich vielleicht doch um Synthesekautschuk, ein petrochemisches Produkt, handelt.

Ärzte Zeitung: Können sich Verbraucher an Zertifikaten orientieren?

Leydecker: Eine Möglichkeit ist, auf die Umweltproduktdeklaration EPD zu achten. Sie wird in Deutschland vom Institut für Bauen und Wohnen, (IBU) im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung vergeben, basiert auf der ISO-Norm und ist international abgestimmt - zurzeit die maßgebliche Datengrundlage, um die Umwelteigenschaften eines Produkts darzustellen.

Ärzte Zeitung: Steigt die Nachfrage nach Naturmaterialien im Gesundheitsbau?

Leydecker: Das Naturthema als solches ist angekommen. Nach meiner Erfahrung sind dennoch die Kosten entscheidend bei der Frage, welches Material zum Einsatz kommt. Waren es lange Zeit vor allem die Investitionskosten, so rücken nun mehr und mehr die Lebenszyklus-Kosten in den Vordergrund: Wie teuer ist die Pflege des Bodens?

Ein Holz- oder Bambusboden ist aufwendiger instand zu halten als PVC. Entscheidet man sich für unterschiedliche Bodenbeläge, so müssen diese auch individuell gepflegt werden, muss das Reinigungspersonal entsprechend geschult sein.

Ärzte Zeitung: Ein Boden in Praxis und Klinik soll funktional sein und hohe Hygieneanforderungen erfüllen. Welcher Spielraum bleibt, wenn man auf natürliche Materialien setzen will?

Leydecker: Holz und Bambus müssen lackiert werden, daran führt kein Weg vorbei. Denn Oberflächen müssen dicht sein, selbst die kleinste Öffnung bietet Keimen eine riesige Angriffsfläche! Holz muss zudem nach geraumer Zeit nachbehandelt werden, weil Laufstraßen entstehen, was uns wieder zurückführt zum Thema Nachhaltigkeit und Langlebigkeit.

Ein PVC-Boden liegt 20 Jahre oder länger, daran reichen nur Kautschuk oder Linoleum heran. Und wenn es in sensiblen Bereichen wie Behandlungs- oder Krankenzimmer um die Hygiene geht, überlasse ich als Planerin das letzte Wort zur Materialwahl ohnehin den Hygienikern, denn sie sind die Experten auf diesem Gebiet.

Ärzte Zeitung: Sorgt Naturmaterial am Boden schlechthin für eine bessere Atmosphäre?

Leydecker: Ich arbeite zum Teil mit hochwertigen Holzbodenoptiken aus PVC, die man mit bloßem Auge nicht von echtem Holz unterscheiden kann - die Produkte sind heute so gut, dass sie die Natur täuschend echt nachahmen und für eine Wohlfühlatmosphäre sorgen. Und was die Anmutung betrifft: Ein Echtholzboden ist geölt und gewachst am schönsten, er verliert, wenn er lackiert wurde.

Das Gespräch führte Sabine Henßen

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