Ärzte Zeitung, 25.08.2011

Ergonomie - mehr als gute Bürostühle

Aktion ergonomisch gestalteter Arbeitsplatz: Wer die Gesundheit von Mitarbeitern erhalten will, muss nicht nur Geld investieren, sondern vor allem Hirnschmalz.

Von Sabine Henßen

Ergonomie - mehr als gute Bürostühle

Zum Sitzen oder Stehen: Tresen mit unterschiedlichen Höhen.

© Peter Reiners

Arbeit kann krank machen. Das erleben Ärzte in der Praxis oft genug, zum Beispiel, wenn sie Patienten mit Rückenschmerzen behandeln, die auf eine schlechte Gestaltung des Büroarbeitsplatzes zurückzuführen sind.

Um so wichtiger ist es, dass Ärzte mit gutem Beispiel vorangehen und ihre Praxis selbst so einrichten und ihre Arbeitsabläufe so organisieren, dass ihre Mitarbeiter durch die Arbeit gesundheitlich so wenig wie möglich belastet werden.

Patienten sind gute Beobachter. Und wenn sie im Wartezimmer unbequem sitzen oder wenn sie sehen, dass die Fachangestellten auf uralten Bürostühlen in schlechter Körperhaltung sitzen, dann ist es schwer, sie davon zu überzeugen, am eigenen Arbeitsplatz etwas zu ändern.

Ergonomie - mehr als gute Bürostühle

Stehhilfen entlasten den Rücken.

© Aeris

Folgende Aspekte sind bei einer ergonomischen Gestaltung des Arbeitsplatzes Arztpraxis zu beachten:

Sitzen am Arbeitsplatz: "Nach wie vor gilt: Dynamisches Sitzverhalten soll gefördert, statisches Sitzen dagegen vermieden werden", sagt Physiotherapeut Michael Richter vom Hamburger Rückenzentrum am Michel. Auch der Arbeitsalltag in der Praxis sollte sich nach den Empfehlungen der Arbeitsmediziner richten, die lauten: möglichst 50 Prozent der Arbeitszeit im Sitzen, dafür 25 Prozent in Bewegung und 25 Prozent im Stehen verbringen.

Ab und zu anlehnen - das braucht der Rücken

Wer nun allerdings längere Sitzphasen vor dem Bildschirm oder am Empfang dynamisch gestalten will, dabei aber lediglich auf schwingende Hocker ohne Rückenlehne setzt, tut sich oder seinen Angestellten nicht nur Gutes: "Sitzmöbel wie etwa der ,Swopper‘, ein gefederter Hocker, sind nicht die Lösung schlechthin, aber für Leute, die in Action sind, häufig aufstehen, die Arbeitssituation wechseln, ist er ideal", so Physiotherapeut Richter.

Ihr Manko: das fehlende Rückenteil. "Es ist gut und wichtig, sich beim Sitzen ab und zu anzulehnen. Fehlt bei einem Sitzmöbel die Rückenlehne, wird es zum Trainingsgerät", erklärt Richter. Die Rücklage gibt der Muskulatur eine Pause und entlastet die Wirbelsäule. Darum sollte man sich immer mal wieder anlehnen, sodass der Rücken zu den Oberschenkeln einen Winkel von etwa 130 Grad bilden kann.

Auch das dauerhafte Sitzen auf großen Gymnastikbällen kann zu unangenehmen Nebenwirkungen führen: "Das ständige instabile Sitzen lässt die Muskeln dauerhaft kontrahieren. Das hat zur Folge, dass Muskelverspannungen auftreten", erläutert Richter. "Zudem wird die Blutzufuhr zum Rückenstrecker gehemmt."

Besser sei es, etwa im Sprechzimmer, den klassischen Bürostuhl zwischendurch gegen einen Hocker oder "Pezziball" zu tauschen. Oder aufzustehen: "An zweigeteilten Schreibtischen arbeiten, mit einer Schreibtischplatte auf Sitzhöhe und einem abgeteilten Stehpult, zum Beispiel für das Telefon", empfiehlt der Physiotherapeut.

Sitzen im Wartezimmer: Der Designerstuhl mit brettharter, tiefer Sitzfläche, im 90-Grad-Winkel verbunden mit einer statischen Lehne, die keinen Millimeter nachgibt: im Wartezimmer ist das ein ergonomisches Tabu - und zum Glück eher selten anzutreffen. Weiche, tiefe Sessel im Loungestil, in die man hineinsinkt, zieren Praxen häufiger, werden aber längst nicht von jedem Patient als angenehm empfunden.

"Den perfekten Wartezimmerstuhl gibt es wohl nicht. Es sollte aber darauf geachtet werden, dass die Sitzfläche so hoch gelagert ist, dass die Kniegelenke keinen 90-Grad-Winkel bilden, sondern einen offeneren, etwa 80 Grad-Winkel. Auch die Hüfte sollte nicht zu sehr abknicken, darum darf der Po nicht zu tief sitzen!", rät der Physiotherapeut. "Gut sind zudem Stühle mit Armlehnen, denn die entlasten den Schultergürtel."

Unterschiedliche Sitzgelegenheiten anbieten, Stehhilfen, die besonders Schmerzpatienten die Wartezeiten etwas erleichtern, auch Stehpulte im Wartezimmer - all das sind Optionen für ein ergonomisch gestaltetes Wartezimmer. "Und wer sich kein Stuhl-Sammelsurium ins Wartezimmer stellen möchte, kann Patienten per Schild darauf hinweisen, dass sie sich Stehhilfen am Empfang geben lassen können", so Richter.

Ergonomie - mehr als gute Bürostühle

© Mone Beeck

Optimierung des Workflows: Wie ergonomische Gesichtspunkte viel grundlegender als nur bei der Auswahl der Sitzmöbel in die Praxisgestaltung einfließen können, zeigt eine von drei Ärzten betriebene Gemeinschaftspraxis in Viersen (Nordrhein).

Die Räumlichkeiten befinden sich in einer ehemaligen Badeanstalt, heute ein Gesundheitszentrum. Die Entscheider planten hier weit über ergonomische Sitzgelegenheiten hinaus: Eintreffende Patienten werden von einer Theke in sattem Rot empfangen - einer frischen, lebensfrohen Farbe, die gute Laune verbreitet.

"Unser Einrichter schlug zunächst eine runde Theke vor, doch meine Mitarbeiter hatten andere Vorstellungen", berichtet Dr. Ulrich Grabenhorst, Facharzt für Innere Medizin.

"Mir war es wichtig, dass alle, sowohl Mediziner als auch medizinische Fachangestellte, in die Entscheidungen über die Anschaffungen mit einbezogen werden - nur so identifiziert man sich mit dem Arbeitsplatz. Und es motiviert!", so Grabenhorst.

Die Theke wurde also in gerader Form gestaltet, bekam aber unterschiedliche Höhen. Dahinter stehen oder sitzen die Mitarbeiter - letzteres vor allem dann, wenn sie Unterlagen bearbeiten, die vor Einblicken geschützt werden sollen. Die Fächer und Ablageflächen hinter dem Empfangsmöbel sind genau nach den jeweiligen Erfordernissen gestaltet.

"Vorab wurde ein Pflichtenheft erstellt, in dem möglichst alle Anforderungen an die einzelnen Arbeits-, Wege-, Lager- und Aufenthaltsbereiche erfasst wurden", erklärt Einrichter Peter Reiners aus Mönchengladbach.

Auf dieser Grundlage basierte die Einrichtungsplanung: Definiert wurden etwa feste, personenbezogene Arbeitsplätze, Arbeitsplätze für verschiedene Mitarbeiter, für stehende Tätigkeiten usw. Auch benötigte Unterbringungsmöglichkeiten für Akten und Literatur wurden geplant.

Stellflächen für Ordner nehmen in der Praxis allerdings nur noch wenig Raum ein, denn in der Gemeinschaftspraxis trennte man sich nicht allein von altem Mobiliar, auch Workflows kamen auf den Prüfstand.

"Alle wichtigen Dokumente liegen bei uns in digitaler Form vor. In jedem Behandlungszimmer, ja, an jeder Liege befindet sich ein Terminal, sodass die Patienteninformationen immer abrufbar sind", erklärt Grabenhorst. Arbeitsabläufe wurden optimiert, unnötige Wege eingespart - ein zentraler Punkt im Rahmen der Arbeitsplatzergonomie.

"Auch das klassische Karteikartensystem wird in diesem Objekt nicht mehr benötigt, die Daten werden in der EDV erfasst", unterstreicht Einrichter Reiners.

Bei der Möbelauswahl entschieden sich die drei Ärzte für Aluminium-Systemmöbel von AMS Möbelmanufaktur aus dem hessischen Zierenberg. Zum einen, weil diese individuell an alle Praxisbedürfnisse angepasst werden können und so die ergonomisch sinnvolle Arbeitsplatzgestaltung unterstützen, zum anderen, weil "uns der soziale Aspekt wichtig war.

AMS beschäftigt viele Menschen mit Behinderung. Dabei sind die Möbel so exakt und solide gefertigt, dass ich sie höchstwahrscheinlich noch vererben kann", berichtet Grabenhorst.

Und die schlimmste Ergonomie-Sünde, die man bei der Praxiseinrichtung begehen kann? Physiotherapeut Richter: "Der größte Fehler ist, sich überhaupt keine Gedanken zum Thema zu machen."

Ergonomie-Wissen für die Praxis

Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst- und Wohlfahrtspflege (BGW) oder die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) beraten zu Fragen der Ergonomie. Vor-Ort-Checks bieten Ingenieurbüros für Arbeitssicherheit an: www.ergonomieexperten.de

Die Aktion Gesunder Rücken e.V. (AGR) bietet in der Broschüre "Der Ergonomie-Ratgeber" umfassende Informationen zu rückenfreundlichen Produkten. Die AGR ist ein von Ärzten und Therapeuten geförderter Verein. Zu bestellen ist das Büchlein online über www.agr-ev.de (Menüpunkt: "Informationen anfordern"). Die AGR vergibt zudem das Gütesiegel "Geprüft & empfohlen" - eine Liste der ausgezeichneten Produkte findet man auf www.agr-ev.de (Menüpunkt: "Geprüft und empfohlen").

Die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) der gesetzlichen Unfallversicherung informiert unter anderem in ihrem Leitfaden BGI 650 umfassend über die sicherheitstechnischen, arbeitsmedizinischen, ergonomischen und arbeitspsychologischen Anforderungen, was die Gestaltung und den Betrieb von Bildschirm- und Büroarbeitsplätzen betrifft. Näheres unter www.vbg.de (Menüpunkt: "Downloads & Medien").

Lesen Sie dazu auch das Interview:
"Den idealen Schreibtischstuhl gibt es nicht"

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