Ärzte Zeitung, 25.08.2011

Interview

"Den idealen Schreibtischstuhl gibt es nicht"

Dynamisches Sitzen, der richtige Abstand zum Bildschirm, die Optimierung von Arbeitsabläufen mit Hilfe der EDV - das steht bei der Beratung in Arztpraxen zu ergonomischen Themen im Vordergrund. Experte Ewald Pencz erläutert, worauf es ihm ankommt.

Ewald Pencz

"Den idealen Schreibtischstuhl gibt es nicht"

© privat

Werdegang: geb. 1963, Studium zum Diplom-Fotoingenieur an der Fachhochschule Köln; mehrere Jahre im Bereich Umwelttechnik für die Fotoindustrie tätig; Ausbildung zur Fachkraft für Arbeitssicherheit; Mitbegründer der Gesellschaft für Umweltconsulting und Arbeitssicherheit.

Aktuelle Position: 2005 Eröffnung eines Ingenieurbüros für Arbeitssicherheit im hessischen Linsengericht. Tätigkeitsfelder: sicherheitstechnische Betreuung nach dem Arbeitssicherheitsgesetz, Arbeitsplatzgestaltung, Ergonomie, Beleuchtung, baulicher Arbeitsschutz, Gefahrstoffe und Arbeitsschutzmittel. Seit 2000 Mitglied im Netzwerk "Die Ergonomieexperten" in Friedrichshafen - www.ergonomieexperten.de

Ärzte Zeitung: Herr Pencz, Ergonomie ist kein Thema, mit dem sich niedergelassene Ärzte regelmäßig beschäftigen. Wo können sich Ärzte schnellen und kompetenten Rat zu ergonomischen Aspekten für Arztpraxen holen - unabhängig, und am besten mit Vor-Ort-Checks?

Pencz: Die Berufsgenossenschaften, etwa die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) oder auch die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG), können zu Fragen der Ergonomie kontaktiert werden. Unabhängige Beratungen und Vor-Ort-Checks bieten auch Ingenieurbüros für Arbeitssicherheit und selbstverständlich unser Büro, die Ergonomieexperten aus Friedrichshafen, an.

Ärzte Zeitung: Sind Ärzte oder generell im Gesundheitswesen tätige Personen anspruchsvoller hinsichtlich der ergonomischen Gestaltung ihrer Arbeitsumgebung?

Pencz: Was die Ärztinnen und Ärzte betrifft, so haben wir bei unseren Beratungen festgestellt, dass die Praxiseinrichtung in erster Linie funktional und repräsentativ ist, während ergonomische Gesichtspunkte nur eine untergeordnete Rolle spielen. Dies zeigt sich etwa bei den Schreibtisch- und Arbeitsstühlen. Unser Fazit: Aus sicherheitstechnischer und ergonomischer Sicht stehen Arztpraxen nicht besser da als andere Unternehmen.

Ärzte Zeitung: Worauf ist bei der Neuanschaffung von Schreibtischstuhl, Schreibtisch und Bildschirm denn generell zu achten?

Pencz: Jeder Mensch ist verschieden, auch in seinen Sitzbedürfnissen. Folglich gibt es nicht den idealen Schreibtischstuhl. Ein moderner, ergonomisch guter Stuhl muss sinnvolle Einstellmöglichkeiten besitzen. Er muss der Größe, dem Gewicht und in gewissem Maße auch dem Sitzverhalten des Nutzers angepasst werden können.

Wenn möglich, sollten die späteren Nutzer vor der Anschaffung auf dem Stuhl Probe sitzen, im Idealfall für mehrere Stunden. Die Möglichkeit, dynamisch zu sitzen - ein Standard bei modernen, guten Bürostühlen -, und der Wechsel vom Sitz- zum Steharbeitsplatz durch höhenverstellbare Arbeitstische sind technische Mittel, um die Rückengesundheit zu fördern.

Einen idealen Abstand zum Bildschirm gibt es dagegen nicht, immerhin aber Richtwerte für Mindestabstände. Dazu muss der Schreibtisch jedoch die entsprechende Tiefe aufweisen. Informationen hierzu erhält man unter anderem von der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft.

Ärzte Zeitung: Wie lassen sich Workflows in der Arztpraxis ergonomischer gestalten?

Pencz: Diese Frage betrifft die Arbeitsorganisation und geht daher über den engeren Bereich der Ergonomie hinaus. Hier sind die räumlichen, zeitlichen und personellen Schnittstellen betroffen sowie die Zuordnung von Mitarbeitern, Räumen und Ressourcen.

In einer Arztpraxis muss das Personal zum Teil sehr häufig zwischen Anmeldung, Sprechzimmer, Labor und sonstigen Räumen hin- und hergehen, sodass Abfolge und Länge der Wege bereits beim Einrichten einer Praxis optimiert werden können.

Die Verfügbarkeit von Patientendaten in verschiedenen Räumen und der rechnergestützte Auftrag vom Arzt an die medizinischen Fachangestellten sind weitere Beispiele, die eine Beschleunigung der Arbeitsabläufe herbeiführen können.

Das Gespräch führte Sabine Henßen

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