Ärzte Zeitung, 22.09.2011

Interview

"Bei Energiethemen sind die meisten Ärzte Überzeugungstäter"

Wie motiviert man Mitarbeiter dazu, Strom zu sparen? Wo befinden sich Stromfresser in den Praxen? Wie findet man einen seriösen Energieberater? Das verrät Energieexpertin Dr. Anne Schierenbeck im Gespräch.

Anne Schierenbeck

"Bei Energiethemen sind die meisten Ärzte Überzeugungstäter"

© privat

Aktuelle Position: Produktionstechnik-Ingenieurin Dr.-Ing. Anne Schierenbeck ist Spezialistin für Energieeffizienz in Gewerbe und Industrie und entwickelt Klimaschutzkonzepte. Als Energieberaterin ist sie zudem für Arztpraxen jeder Größenordnung tätig.

Werdegang: Sie studierte Verfahrens- und Produktionstechnik in Karlsruhe und Bremen. Darauf folgten Tätigkeiten als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für angewandte Raumfahrttechnik und Mikrogravitation (ZARM) sowie am Institut für Umweltverfahrenstechnik (IUV) der Universität Bremen, wo sie im Jahr 2002 auch promoviert wurde.

Von 2003 an war Schierenbeck Bereichsleiterin Technischer Umweltschutz für den Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) in Bremen, seit 2009 ist die Ingenieurin als Unternehmensberaterin mit Schwerpunkt Energieeffizienz für TARA tätig. Seit 2009 leitet sie die Bremer Dependance des Ingenieurbüros für Energie und Umwelt TARA.

Ärzte Zeitung: Sie beraten in Sachen Energieeffizienz auch Ärzte vor Ort. Wie muss man sich einen Analysetermin vorstellen?

Dr. Anne Schierenbeck: Oft erfolgt die Beratung im Rahmen einer von der KfW-Bankengruppe geförderten Initialberatung. Dann stehen zwei Ingenieurtage zur Verfügung. Im Vorfeld werden von der Praxis Unterlagen zum Energieverbrauch sowie Pläne der Räumlichkeiten herausgesucht.

Dann bin ich etwa einen halben Tag vor Ort, sehe mir alle Energieverbraucher an und spreche mit den Mitarbeitern. Darauf aufbauend erstelle ich eine Energiebilanz, die aufzeigt, wofür welche Energie benötigt wird. Schließlich entwickle ich Einsparvorschläge anhand konkreter Maßnahmen.

Mit den aufbereiteten Zahlen und einem Kurzgutachten stelle ich diese Maßnahmen dem Auftraggeber vor und bespreche, wie die Umsetzung erfolgen kann und welche Fördermöglichkeiten es gibt.

Ärzte Zeitung: Sind Arztpraxen spezielle Kunden, auf die Sie sich besonders vorbereiten müssen?

Schierenbeck: Ich berate sonst häufig produzierende Unternehmen, da spielt Energie natürlich eine viel größere Rolle. In Arztpraxen sind andere Kostenfaktoren wichtiger, die Zeit ist knapp, bestimmte Abläufe sind festgelegt.

Da ist es wichtig, im Gespräch vor Ort zu klären, inwieweit es zum Beispiel möglich ist, Geräte in Pausen auch mal abzustellen. Die meisten Ärztinnen und Ärzte, die ich bisher beraten habe, sind aber "Überzeugungstäter".

Ihnen kommt es nicht nur auf die Kosteneinsparung an, sondern darauf, in der Praxis einen hohen Qualitäts- und Umweltstandard zu erreichen. Und wenn eine Praxis ein funktionierendes Qualitätsmanagement-System hat, kann ein Energiemanagement darauf ausgezeichnet aufbauen.

Ärzte Zeitung: Wo verstecken sich in den Praxen die typischen Stromfresser?

Schierenbeck: Ich erlebe seit einigen Jahren eine deutliche Zunahme des Stromverbrauchs für alle Bereiche der Medizintechnik. Wo früher im Sprechzimmer ein Bildschirm stand, finden sich heute zwei oder drei.

Die diagnostischen Verfahren haben sich verändert und sind immer mehr rechnergestützt, das Ganze verursacht dann natürlich auch einen erhöhten Stromverbrauch. Und anders als beim Kühlschrankkauf fragt niemand nach dem Stromverbrauch, wenn er ein Ultraschallgerät kauft.

Hier sind die Hersteller gefragt, diesen Aspekt bei Entwicklungen mit zu berücksichtigen, den Stand-by-Verbrauch zu senken und einfache Energiespar- oder Pausentasten zur Verfügung zu stellen.

Ärzte Zeitung: Und das Nutzerverhalten? Wie motiviere ich die Mitarbeiter, Energie zu sparen?

Schierenbeck: Ich halte es für wichtig, schon beim ersten Vor-Ort-Besuch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit einzubeziehen. Die haben in der Regel schon gute Vorschläge, wie Einsparungen erzielt werden können.

Und dann ist natürlich eine Rückkopplung wichtig. Beispiel: In einer Praxis besteht die Vereinbarung, nach Arbeitsschluss über einen zentralen Stromschalter alles auszuschalten. Nach ein oder zwei Monaten muss dann geprüft werden, ob diese Maßnahme gegriffen hat und tatsächlich eine Einsparung erzielt wurde.

Der Einsparerfolg wird den Mitarbeiterinnen mitgeteilt. Für die Glaubwürdigkeit ist es wichtig, selbst mit gutem Beispiel voranzugehen. Manche meiner Klienten sind Ökostrom-Bezieher. Auch dies zeigt den Mitarbeiterinnen, dass das Anliegen, etwas für den Klimaschutz beizutragen, ernst gemeint ist.

Ärzte Zeitung: Wer nicht aus Bremen kommt: Wie findet man für die Praxis einen seriösen Energieberater?

Schierenbeck: Ich rate dazu, in der Beraterliste der KfW-Bankengruppe nach einem Berater mit Referenzen aus der Branche zu schauen. Die einzelnen Berater werden übrigens durch die Kunden bewertet, sodass man wertvolle Hinweise über ihre Qualitäten erhält.

Das Gespräch führte Sabine Henßen.

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