Ärzte Zeitung, 27.10.2011

Hausarztpraxis mit rotem Faden

Eine ansprechende, professionell gestaltete Umgebung kann bei Patienten und Mitarbeitern für eine gute Atmosphäre sorgen. Für das Gesamtbild sollte die Praxis ganzheitlich denken und handeln.

Von Sabine Henßen

Hausarztpraxis mit rotem Faden

© Mone Beeck

Ein lichtdurchflutetes Wartezimmer, das auf der Stelle Assoziationen an einen Wintergarten hervorruft - wer würde so etwas in einer Arztpraxis erwarten? Und doch bildet so ein Raum mit vielen bodentiefen Fenstern und einem direkten Blick ins Grüne den Eingangsbereich zur Hamburger Praxisgemeinschaft Arztpraxis Blankenese.

Ganzheitliches Designkonzept

Aber nicht nur das: Die Arztpraxis hat nach einer Modernisierung zu einem neuen, ganzheitlichen Designkonzept gefunden. Seit dem Umbau der Praxis im Dezember 2010 spielen etwa die Farben Weiß, Grau und Rot in den Räumen der Praxisgemeinschaft die Hauptrolle.

"Die Farben standen bereits vor dem Umbau fest, nachdem eine Designerin das Praxislogo entworfen hatte: Dunkelrot, Weiß und ein helles, lichtes Grau sollten auch in den Praxisräumen dominieren", erläutert Dr. Harald Rösner, Facharzt für Allgemeinmedizin, die Entscheidung für genau diese Farben.

Für Behaglichkeit sorgt ein PVC-Bodenbelag, der kaum von echtem Holz zu unterscheiden ist. Die natürliche Maserung und der warme, braungraue Ton erinnern an edel gealterte Schiffsdielen.

Das Erscheinungsbild ist dem Praxislogo entlehnt

Mit dem Modernisierungskonzept wurde die Hamburger Innenarchitektin Siw Matzen betraut. Allein der dunkelrote Streifen an der Wand, der sich am Logo orientiert, ist für sie allerdings noch kein stimmiges gestalterisches Leitmotiv: "Der sprichwörtliche rote Faden bedeutet für mich, dass ein Unternehmen, auch eine Arztpraxis, ganzheitlich denkt und handelt. Es soll organisiert wirken und ein stimmiges Gesamtbild ergeben."

Für Matzen erscheint ein Unternehmen mit einem solchen Auftritt seriöser, glaubwürdiger und stabiler, wenngleich, schränkt sie ein, es natürlich auch Blender gibt: "Trotzdem rate ich, einen roten Faden durch eine Praxis zu ziehen, und damit dem Patienten ein sicheres Gefühl zu vermitteln."

Und dazu gehören dann die grafische Außendarstellung, das architektonischen Raumkonzept und das Erscheinungsbild des Personals. So findet sich der gleiche Farbkanon wie in den Räumen auch auf den Poloshirts der MFA, auf den Visitenkarten und auf der Homepage der Arztpraxis.

Hausarztpraxis mit rotem Faden

Farbgebung und klare Linien sorgen für ein stimmiges Praxisbild.

© (2) Siw Matzen

Alles wirkt stimmig und dient der harmonischen Außendarstellung. Wer sein Praxisimage perfektionieren will, kann auf weitere Instrumente zurückgreifen, die zur einer umfassenden Corporate Identity führen.

Praxisbroschüren etwa, die über das Leistungsspektrum und das Leitbild berichten, oder Flyer, die über Zusatzleistungen informieren - alles einheitlich gestaltet in den Praxisfarben, mit Logo und dem festgelegten Schriftfont.

Style-Guide hilft den roten Faden nicht zu Verlieren

Größeren Praxen raten Experten, dieses signifikante Leitbild nicht nur innerhalb der eigenen Praxis, sondern auch bei Kooperationspartnern zu lancieren. Ein Style-Guide kann helfen, den roten Faden nicht aus den Augen zu verlieren.

Die Idee für die Modernisierung der Blankeneser Gemeinschaftspraxis entstand im Sommer 2010, als der junge Arzt Dr. Harald Rösner einstieg. Seine Kollegin, Dr. Andrea Müller-Scheven, praktizierte hier bereits seit Mitte der 1990er-Jahre. Im Dezember fand der Umbau statt, der nicht zuletzt auch eine Brücke schlagen sollte zwischen Jung und Alt.

"Ausstrahlung einer modernen, fortschrittlichen Praxis"

"Wir gestalteten zunächst nur einen Teil der Praxis um, damit zum Beispiel in den Sprechzimmern der Wiedererkennungswert für die älteren Patienten erhalten blieb", erklärt Rösner, "im Empfangs- und Wartezimmerbereich vermittelt das neue Praxisdesign gerade für jüngere Patienten die Ausstrahlung einer modernen, fortschrittlichen Praxis."

So wich im Wartebereich bis zum Vorraum vor den Ärzte- und Behandlungszimmern der Marmorfliesen-dem Holzdielen-Look. Die schwarzen Freischwinger mit Chromgestell machten weiß-grauen Sesseln Platz, und der Empfang wurde komplett neu durchdacht: "Die Empfangs- und vor allem die Thekensituation war alles andere als optimal.

"Alles wirkt jetzt harmonisch, wie aus einem Guss"

Zu oft standen die Patienten neben statt vor der Theke und hatten mehr Einblick, als den medizinischen Fachangestellten lieb war", schildert Rösner. "Insgesamt wirkte der Empfang zu unruhig, was nicht zuletzt an den offenen Regalen lag.

Der Entwurf der Innenarchitektin sah daher ein Schranksystem mit geschlossenen Fronten vor - alles wirkt jetzt harmonisch, wie aus einem Guss." Auch die Theke ist ein Entwurf von Siw Matzen, ein einfacher Kubus in hellem Grau, unaufdringlich, pflegeleicht und haltbar.

Checkliste Corporate Identity (CI)

"Nachdem die Entwicklung der Kassenleistungen Arztpraxen mehr und mehr angleicht, ist eine natürliche Profilierung schwierig. Der Patient ist oft nicht in der Lage, den Nutzen im Besuch genau dieser Praxis zu erkennen und in eine Treuehaltung münden zu lassen.

Ein tragfähiges CI-Konzept kann hier Arzt und Mitarbeiter unterstützen", so der Marketing-Experte und Unternehmensberater Dieter H. Wirlitsch, der seit vielen Jahren beratend in der Gesundheitsbranche tätig ist. Er empfiehlt, über die folgenden Fragen zu einer stimmigen CI zu kommen:

Wie will der Praxisinhaber gesehen und beurteilt werden? Welches sind die speziellen Kenntnisse, Verfahren und Techniken?

Gibt es eine schriftlich niedergelegte Praxisphilosophie als Leitbild? Ist sie dem Personal bekannt?

Gibt es ein aussagefähiges Logo, das diese Philosophie zum Ausdruck bringt?

Entspricht das Bild, das Außenstehende von der Praxis haben, der Persönlichkeit, der Leistung und dem selbst gesetzten Anspruch?

Hat die Praxis eine Leitfarbe oder eine bestimmte Farbenkombination nach markt- und/oder zielgruppenstrategischen Gesichtspunkten festgelegt?

Trägt alles schriftliche Material das Logo, ist es in der gleichen Schrifttype gesetzt und trägt es die Adresse, Telefonnummer und Ansprechpartner?

Ist die Farbgestaltung einheitlich?

Arbeitet die grafische Gestaltung mit Wiedererkennungseffekt?

Gibt es ein "Image-Handbuch" mit allen Informationen, Richtlinien, Empfehlungen sowie den Druck- und Reprovorlagen?

Werden die CI-Instrumente nicht nur innerhalb der eigenen Praxis, sondern auch bei Klienten und Patienten, Lieferanten, Kooperationspartnern und Organisationen, mit denen zusammengearbeitet wird, zur Verbreitung des Praxis-Leitbildes eingesetzt?

"Ich befürworte eine geradlinige, reduzierte Formensprache in Kombination mit auswechselbaren Akzenten", beschreibt die Innenarchitektin ihre Arbeitsweise, "denn Investitionen müssen so angelegt werden, dass sie möglichst lange Bestand haben und mit nur geringem Aufwand aktualisiert werden sollten".

Ein Arbeitstresen sollte eher zurückhaltend und zeitlos sein und etwa durch modische Akzente wie eine besondere Pendelleuchte aufgepeppt werden. "Sollten die Leuchten in ein paar Jahren unmodern sein, kann durch einfaches Austauschen wieder ein neues Erscheinungsbild entstehen", so Matzen.

Ein kleines Highlight in der Praxis: der Raumteiler zwischen Empfangsbereich und dem Vorraum vor den Behandlungszimmern und Toiletten. In hellem Grau gehalten, wird die MDF-Konstruktion mittig durchbrochen von matt geätztem, lichtdurchlässigen Glas.

Vom Empfangsbereich aus nicht einsehbar, befindet sich hinter dem Glas eine Aussparung: "Nun kann das Abstellen einer Urinprobe diskret im Fach des Raumteilers erfolgen. Zuvor gab es keinen festen Platz hierfür", lobt Rösner die Idee der Kreativen.

Mit Eigenleistung lässt sich das Budget niedrig halten

Während der Renovierung blieb die Praxis eine Woche geschlossen, "allerdings konnten wir eine Art Notbetrieb in Gang halten, da wir weitere Räumlichkeiten im oberen Stockwerk des Gebäudes angemietet haben", berichtet der Allgemeinmediziner.

Da die Kosten einen bestimmten Rahmen nicht überschreiten sollten, war Eigeninitiative gefragt: "Um unser Budget von 30.000 Euro für eine zu renovierende Fläche von etwa 70 Quadratmetern einzuhalten, entschieden wir uns, die Ausschreibung selbst auszuführen", erläutert Rösner.

Innenarchitekt sollte in allen Leistungsphasen mitwirken

"Auch wann welcher Handwerker zum Einsatz kommt, koordinierten wir selbst, und wir übernahmen quasi anstelle des Architekten die Bauleitung."

Das muss allerdings nicht immer die Variante sein, die wirklich Kosten senkt: "Im Idealfall sollte der Innenarchitekt in allen Leistungsphasen mitwirken und so einwirken, dass sein Honorar eingespart wird - und die Zeit, die ein Arzt selbst mit der Koordination der Gewerke verbringt, muss auch in die Gesamtrechnung miteinfließen", sagt Siw Matzen.

Für die Patienten hat sich das alles offenbar gerechnet - die Blankeneser mögen den Entwurf und seine Umsetzung. "Nur einige Wenige trauern dem alten Erscheinungsbild nach. Die meisten, ob ältere oder jüngere Patienten, loben die neue Praxis", zieht Rösner positive Bilanz.

Lesen Sie dazu auch das Interview:
"Wer das Design vernachlässigt, verpasst Chancen sich abzuheben"

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Vernachlässigte Atmosphäre

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