Ärzte Zeitung, 27.10.2011

Interview

"Wer das Design vernachlässigt, verpasst Chancen sich abzuheben"

Soll die Praxis neu gestaltet werden, spielt die Entwicklung eines individuellen Designkonzepts eine wichtige Rolle - aber auch der ehrliche Umgang mit Budgetfragen. Ein Gespräch mit Architekt Patrick Schalkwijk.

Patrick Schalkwijk

"Wer das Design vernachlässigt, verpasst Chancen sich abzuheben"

© privat

Aktuelle Position: Architekt Patrick Schalkwijk gründete 2003 das Büro ‚hell und freundlich‘ in Köln - ein Team von Architekten, Innenarchitekten und Bauingenieuren mit vier festen Mitarbeitern. Zu den Kernthemen gehört der Gesundheitsbau.

Werdegang: Schalkwijk studierte in den Niederlanden Architektur . Direkt nach dem Studium wechselte er zu seinem ersten Arbeitgeber Vitra nach London und arbeitete dort an Retail-Projekten wie etwa für Emporio Armani mit.

Seit 1989 lebt und arbeitet er in Deutschland, wo er Ende der neunziger Jahre für Metro-Kaufhof neue Warenhauskonzepte entwickelte. Schalkwijk hat sich außerdem auf die Einrichtung von Arztpraxen spezialisiert.

Ärzte Zeitung: Welchen Stellenwert nimmt das Praxisdesign als Marketinginstrument ein?

Patrick Schalkwijk: Für unser Büro nimmt das Praxisdesign im Ranking die dritte Stelle ein: An erster steht selbstverständlich die ärztliche Leistung, sie soll perfekt sein. An zweiter Stelle steht die Dienstleistung, der Service muss stimmen.

An dritter Stelle folgt die Praxiseinrichtung - und hier geht es das erste Mal um prägende visuelle Aspekte und Eindrücke. Und um noch viel mehr: Wir bezeichnen die Praxiseinrichtung als das 3-D-Marketingtool, denn es berührt visuelle, haptische und emotionale Bereiche.

Ärzte Zeitung: Spüren die Patienten, wenn ins Design investiert wurde?

Schalkwijk: In jedem Fall! Wenn man das Praxisdesign vernachlässigt, verpasst man die Chance zu differenzieren, sich abzuheben - und den Patienten etwas Gutes zu tun. Denn umgeben von gutem Design fühlen sich Patienten einfach wohler.

Das gilt auch für das Personal, da erleben wir oft einen echten Motivationsschub. Die Angst vieler Ärzte vorm ‚Überdesign‘ kann schnell ausgeräumt werden, wenn das Ziel klar ist: Räume zu schaffen, die ein Hilfsmittel zur Genesung darstellen, zumindest aber für ein Wohlgefühl beim Patienten sorgen sollen. Das ist unser Auftrag.

Ärzte Zeitung: Wie wichtig ist ein roter Faden, der gestalterisch durch die Praxis führt?

Schalkwijk: Wir interpretieren den roten Faden zunächst architektonisch: Wir versuchen, einen Weg, eine Ordnung zu schaffen, sodass man sich in einer Praxis sofort zurechtfindet. Wir reißen dafür auch Wände ein, wie etwa in einer Berliner Praxis.

Dort betrat der Patient zunächst einen 15 Meter langen Flur und sah auf viele Türen. Es war eine verwirrende Situation, da nicht sofort klar war, hinter welcher sich der Empfang befand. So rieten wir zu einem drei Meter breiten Wanddurchbruch gleich neben der Eingangstür, der nun unmittelbar in den Empfangsraum führt.

Weiterhin arbeiten wir in den verschiedenen Räumen mit wiederkehrenden Farben und Materialien. Die Wiederholung evoziert: Der erste Raum gehört zum letzten, sie schafft ein Zusammengehörigkeitsgefühl und eine Großzügigkeit. Dieser Eindruck geht verloren, wenn man auf zu viele kleine, unterschiedliche Konzepte für einzelne Räume setzt.

Ärzte Zeitung: Wie gehen Sie vor beim Entwickeln des Designkonzepts?

Schalkwijk: Ein Corporate Design als grafische Vorgabe ist oft schon vorhanden. Gemeinsam mit unserer Raumplanung entwickeln wir dann eine Corporate Identity daraus. Dafür muss aber eine genaue Analyse gemacht werden.

Als Architekt muss ich wissen: Wofür steht der Arzt? Es kommt eher selten vor, dass Ärzte sehr genaue Vorstellungen vom Erscheinungsbild ihrer neuen Praxis haben und die Einrichtung als pure Einrichtung und nicht als Marketinginstrument betrachten.

Darum stelle ich im ersten Gespräch viele Fragen: Weshalb soll eigentlich umgebaut werden? Sind die Wege zu lang, die Zahl der Räume zu gering? Oder hat der Wunsch vor allem ästhetische Gründe? Ich biete Fehleranalysen und Ablaufpläne an.

Ärzte Zeitung: Oft ist das Budget ein Streitpunkt ...

Schalkwijk: ... oder die vertragliche Situation. Ich empfehle: absolute Transparenz und Ehrlichkeit beim Budget wahren! Leider herrscht ein gewisser Aberglaube vor: ‚Es wird ohnehin teurer, da setze ich mal lieber 100.000 Euro Budget an, es kostet dann ja sowieso 150.000.‘

Meistens sind es drei Gründe, die für eine Budgetüberschreitung sorgen:

Erstens sind es bauliche Überraschungen, die niemand vorhersehen kann.

Zweitens: Die Entwürfe stimmen nicht mit den Kostenschätzungen überein - hier ist der Architekt gefordert, den Entwurf im Nachhinein anzupassen.

Drittens: Ignoriert werden gerne die Mehrkosten durch zusätzliche Wünsche des Bauherrn, die nicht im Entwurf vorkommen. Hier heißt es: offen darüber sprechen, wenn diese das Budget sprengen! Zudem muss ein klarer Vertrag aufgesetzt werden, der deutlich macht, mit welchen Aufgaben, Maßnahmen und Budgets der Architekt beauftragt wird.

Das Interview führte Sabine Henßen.

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Hausarztpraxis mit rotem Faden

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