Ärzte Zeitung, 10.11.2011

Kunstlicht holt den Tag in die Praxis

Sind Empfang und Flure fensterlos, muss mit Kunstlicht optimiert werden. Lichtdesigner kreieren mit innovativen Beleuchtungskonzepten eine fast natürliche Umgebung.

Von Sabine Henßen

Kunstlicht: Wie man den Tag in die Praxis holt

Praxis Hohe Bleichen: Tageslicht-Atmosphäre ohne Tageslicht.

© Clic / Martin Kunze

Die Auswirkung von Raumgestaltung auf Psyche und Physis der Menschen beschäftigt die Wissenschaft seit geraumer Zeit. Untersuchungen belegen, dass Farbe und vor allem Licht einen großen Einfluss haben auf Wohlbefinden, Leistungsbereitschaft und Produktivität.

Kosten für Lichtplaner

Der Lichtplaner arbeitet wie ein Architekt auf Honorarbasis. Die Kosten für einen Planer basieren auf Basis der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure, die abhängig von der Bausumme entsprechend prozentuale Kosten festlegt.

Die absoluten Kosten der Lichtplanung ordnet das LichtLabor Bartenbach in Aldrans (siehe Interview) wie folgt ein: Mit drei bis vier Prozent der Bausumme etwa schlägt die Beleuchtung zu Buche, davon wiederum macht das Honorar des Lichtplaners rund 20 Prozent aus.

Wichtig: Lichtplaner sollten herstellerneutral arbeiten. "Wir raten dringend von Praxiseinrichtern oder Lieferanten für Leuchten ab, die sich als Planer ausgeben, da diese häufig mehr den Verkauf der Produkte als die wirklich beste Lösung vor Augen haben", rät Dipl. Ing. Katja Winkelmann vom Lichtplanungsbüro Licht01.

"Doch der Mehrwert, den man von einem Lichtplaner bekommt, bezogen auf die Raumqualität, die Raumstrukturierung, die Raumwahrnehmung und nicht zuletzt die energetischen und wirtschaftlichen Vorteile, sollten die zusätzlichen Kosten für das Planerhonorar im Regelfall mindestens ausgleichen."

Die Zusammenhänge sind weitgehend erforscht: Durch Licht angeregte Rezeptoren in der Netzhaut sorgen dafür, dass der Körper Botenstoffe produziert, die wiederum Stimmung und Aktivität steuern. Soll sich ein Raum im positiven Sinne mitteilen, so ist - neben gekonntem Spiel mit Farbe - besonders ein innovatives Beleuchtungskonzept gefragt.

Licht kommunizieren lassen

Professionelle Lichtplaner - oft mit Expertise im Gesundheitsbau - verstehen es, das Licht kommunizieren zu lassen: mit einfachem Schattenwurf, der das Wartezimmer strukturiert, über indirekt leuchtende Lichtleisten, die die Orientierung erleichtern oder mit einem punktuell ausgerichteten Leuchtmittel, das den Arbeitsplatz des Arztes ausleuchtet, dabei die DIN Norm erfüllt und blendfrei das Auge unterstützt.

Ein individuelles Lichtkonzept war auch in der Orthopädie Praxis Hohe Bleichen in Hamburg gefragt.

Dort arbeitete das Lichtplanungsbüro Licht01 Lighting Design und der Einrichtungsspezialist Clic bereits zu Beginn der Planungsphase im Jahr 2008 eng zusammen: "Das Raumprogramm war vorgegeben, die Anzahl der kleinen und der großen Räume sowie die freien Flächen. Daraufhin entwickelten wir ein grobes Lichtkonzept, die Details übernahm Licht01", so Susanne Vollmers, die als Innenarchitektin die Objekte für Einrichter Clic betreut.

"Unsere Designrichtung muss mit der des Lichtspezialisten kompatibel sein, darum arbeiten wir schon in der Entwurfsphase Hand in Hand", erklärt Diplom-Ingienieurin Vollmers.

Kunstlicht: Wie man den Tag in die Praxis holt

Lichtdurchlässige Glastüren sorgen für Großzügigkeit.

© Clic / Martin Kunze

Auch aus Kostengründen: Es sollte früh klar sein, wo in die Rigips-Decken Öffnungen für Leuchten gesägt werden müssen und welche Trockenbauwand mit einer Lichtleiste versehen wird, um kostenintensive Nachbesserungen zu vermeiden. Weder in den Empfangsbereich noch in den Flur der orthopädischen Praxis fällt Tageslicht - keine optimalen Bedingungen, aber eine Situation, die für viele Praxen zutrifft.

"Der Innenraum war problematisch. Die Planer haben es aber gut gelöst, indem über der Theke kugelförmige Leuchten in die Decke integriert wurden - mit einem imposanten Durchmesser von etwa einem Meter", beschreibt Orthopäde Johannes Dilger die Situation.

Die runden Leuchtobjekte sorgen für eine diffuse - also gleichmäßige, ungerichtete- und flächige Grundbeleuchtung, zurückhaltend aber ausreichend hell. Akzentuiertes Licht fällt durch zusätzliche Deckenstrahler auf den Empfang.

"Für die Grundbeleuchtung sorgen dimmbaren Leuchtstofflampen"

Katja Winkelmann, Ingenieurin und Mitinhaberin von Licht01, war für die Planung verantwortlich: "Für die Grundbeleuchtung sorgen dimmbaren Leuchtstofflampen, so dass das Beleuchtungsniveau auf die Außenbeleuchtungs- bzw. Tageslichtsituation angepasst werden kann."

Denn das Auge stellt sich auf die jeweilige Lichtsituation ein. Ist es draußen dunkel oder trüb und regnerisch und wurde am Empfang das Licht nicht abgedimmt, "glauben die Patienten beim Hereinkommen, sie seien auf dem OP-Tisch gelandet, weil sie die Innenraumbeleuchtung als gleißend hell empfinden", so Winkelmann.

Da auch der Flur ohne natürliches Licht auskommen muss, entschied man sich, die Flurwände zu illuminieren. Die Lichtplanerin entwarf eine Lichtfuge, von Punktstrahlern ergänzt. Diverse Behandlungsräume, die alle vom Flur aus erreichbar sind, erhielten Türen aus teilweise satiniertem Glas.

Kunstlicht: Wie man den Tag in die Praxis holt

Künstlicher Himmel im LichtLabor Bartenbach, Aldrans bei Innsbruck.

© Peter Bartenbach, München

"So fällt von den Räumen aus Licht in den Flur, und auch die Patienten in den Behandlungsräumen empfinden die Situation als heller und großzügiger", lobt Vollmers den doppelten Glastür-Effekt, der einerseits für mehr Helligkeit und andererseits für optisch größere Räume sorgt.

"Dem Tageslicht am nächsten kommt sicherlich eine sogenannte Tageslichtsimulation. Hier werden durch eine dynamische Veränderung der Lichtfarben und Lichtintensitäten, dem Tageszyklus entsprechend, unterschiedliche Lichtstimmungen erzeugt", erklärt Lichtdesignerin Winkelmann.

Lichtflächen schaffen, die ein diffuses und raumbildendes Grundlicht abgeben

Eine solche Simulation sei manchmal sinnvoll, ersetze aber trotzdem nicht das natürliche Licht.

Eine einfachere Lösung: "Bei Räumen mit wenig Tageslichtbezug sollten Lichtflächen oder leuchtende Flächen geschaffen werden. Man betont die Raumkubatur, indem helle Flächen gleichmäßig beleuchtet werden", rät die Diplom-Ingenieurin.

Eine weitere Möglichkeit: Lichtflächen schaffen, die ein diffuses und raumbildendes Grundlicht abgeben.

"Hier ist unbedingt eine Dimmbarkeit erforderlich, um die Beleuchtungsintensität auf die Außenlichtsituation anzupassen", so Winkelmann. "Zusätzlich sollte der Raum gerichtete Lichtquellen zur Akzentuierung erhalten, damit eine differenzierte und atmosphärische Szenerie hergestellt werden kann."

Die Wirkung von Licht

Eine Herausforderung stellen Flure, Anmeldung und Wartezimmer in Praxen dar: "Diese Orte sollen nicht nach Praxis aussehen, im Gegenteil - der Patient sollte sich zu Hause fühlen", so der Lichtexperte Heinz Ohlies, der in Essen ein Lichtplanungs-Büro führt.

Um die unterschiedlichen Lichtwirkungen erlebbar zu machen, hat er eine Blackbox eingerichtet: "Ärzte kommen zu uns, und wir vermitteln ihnen, wie sich verschiedene Lichtszenarien, Lichtfarben, Lichtintensitäten im Raum auswirken", so Ohlies.

Er rät, Praxen sollten sich stärker an Privatstationen in Kliniken orientieren, "die in puncto Einrichtung und Beleuchtung so angenehm wie Fünf-Sterne-Hotels wirken".

Am preiswertesten ist Ohlies zufolge Halogen, darauf folgt die Energie-Spar-Leuchte, am teuersten sind LED-Lösungen. Dazu Ohlies: "Diese erscheinen zunächst günstig, weil eine 50-Watt-Halogenlampe durch eine 6 bis 7 Watt starke LED ersetzt werden kann.

Und es wird suggeriert, dass LED mit 50.000 Stunden Lebensdauer die Halogenleuchte mit 3000 bis 4000 Stunden locker aussticht. Nur: Das sind Laborwerte, wir können nicht mit Gewissheit sagen, dass LED solange durchhält." Entscheidend sei, wo sie zum Einsatz komme, denn "LED verbraucht wenig Licht in Bereichen, in denen auch wenig Licht gebraucht wird", erklärt Ohlies.

Sollen 500 Lux erreicht werden, so schafft man das etwa mit zwei 18-Watt-Energiesparleuchten, aber man benötigt eine große Menge an LED - und damit "wird es unwirtschaftlich, weil die Anschaffungskosten deutlich höher sind".

Zudem sollten LED, um sich zu amortisieren, mindestens zehn Stunden lang brennen. "Die Technik eignet sich zur Effektbeleuchtung, die bunten Farben schaffen sensationelle Möglichkeiten. Doch man sollte auch beachten: Sie lässt sich nur schwer dimmen. Die Lichtfarbe wird nicht schöner, dunkler und wärmer, sondern nimmt einen grau-blau schmutzigen Ton an."

www.clic.de
www.licht01.de
www.ohlies.de
www.sportorthopaedie-hohebleichen.de

Lesen Sie dazu auch das Interview:
"Kaltes Licht wirkt im Wartezimmer beruhigend"

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