Ärzte Zeitung, 10.11.2011

Interview

"Kaltes Licht wirkt im Wartezimmer beruhigend"

Lichtforscher Professor Christian Bartenbach erklärt, wie man natürliche Licht-Raum-Milieus schafft und wie Holzoberflächen die Lichtwirkung beeinflussen.

Prof. Christian Bartenbach

"Kaltes Licht wirkt im Wartezimmer beruhigend"

© privat

Aktuelle Position: Lehrgangsleiter für Lichtgestaltung, Gebäudetypologie, Raumanalyse und Lichtdesign an der Bartenbach Lichtakademie in Aldrans bei Innsbruck.

Werdegang: Jahrgang 1930, Studium der Elektrotechnik an der Höheren Technischen Lehranstalt in Innsbruck. 1976 gründete er das Ingenieurbüro 'Lichtplanung Christian Bartenbach‘, das jetzige Bartenbach LichtLabor.

Seiner Arbeit entsprangen europa- und weltweit patentierte Erfindungen von blendungsfreien Systemtechniken: etwa die Tageslichtumlenkung sowie neue Sonnenschutzsysteme. Christian Bartenbach ist Seit 1993 Honorarprofessor.

Seine Leistungen und Publikationen auf dem Gebiet der Lichttechnik und -gestaltung brachten ihm zahlreiche Lehraufträge und Gastprofessuren im mitteleuropäischen Raum ein.

Ärzte Zeitung: Welchen Arztpraxen empfehlen Sie eine professionelle Lichtplanung?

Professor Christian Bartenbach: Generell empfehle ich jeder Praxis, gleich welcher fachlichen Ausrichtung, einen Lichtplaner zu beauftragen. Denn jede Praxis erbringt eine spezifische, individuelle Leistung, und auf die muss man eingehen - ob in der Hauptsache Wunden behandelt oder Zähne gezogen werden.

Zwei Aspekte müssen ins Verhältnis gesetzt werden: die spezifische Beleuchtung für die visuelle Leistung des Arztes - die übrigens auch zum Wohlbefinden beiträgt, das ist kein bloßer technischer Aspekt, der sich nur an DIN Normen orientiert - und die Raumbeleuchtung, die ein Licht-Raum-Milieu schaffen soll, das beruhigend wirkt.

Ärzte Zeitung: Und beruhigende Milieus schafft man, indem man warmes, rötliches Licht einsetzt?

Prof. Bartenbach: Im Gegenteil. Unsere Studien haben gezeigt, dass Licht mit höheren Farborten, also ein kälteres Licht, beruhigend wirkt. Wer im Wartezimmer auf Gemütlichkeit setzt und diese durch Lichtfarben erzeugen will, die auf Rot und Orange abzielen, erreicht nicht unbedingt, dass sich Patienten wohl und geborgen fühlen.

Ärzte Zeitung: Wie stark wirken sich Materialien und Farben im Raum auf die Lichtwirkung aus?

Prof. Bartenbach: Die raumumhüllende Oberfläche, also Wände und Böden, spielt eine große Rolle, denn sie beeinflusst die Farbe des Lichts, wie sie vom Auge wahrgenommen wird. Wenn die Lichtquelle auf gelbe Wände trifft, kann die Farbtemperatur sinken - wenn sie auf blaue oder grüne Flächen trifft dagegen steigen.

Auch Holzoberflächen können den Farbort steigern, das heißt für ein kühleres Licht sorgen oder den Farbort dämpfen, das heißt für ein wärmeres Licht sorgen.

Ärzte Zeitung: Sind somit für Lichtplaner weiße Wände das gestalterische Nonplusultra?

Prof. Bartenbach: Die Farbe Weiß hat einen psychologischen Effekt: Alles wirkt hygienisch, der Raum sieht sauber und hell aus, auch wenn er nicht wirklich hell ist.

Die Gefahr besteht allerdings, dass das Zusammenwirken von weißen Wänden und Umgebungslicht zu intensiv ist - und eine zu helle Umgebung ist wiederum nicht erstrebenswert.

Ärzte Zeitung: In den Empfangsraum einer Praxis fällt wenig Tageslicht. Wie kann der Lichtplaner gegensteuern?

Prof. Bartenbach: Er muss das Tageslicht ergänzen. Wichtig ist hierbei, dass der Farbort des Kunstlichts dem Tageslicht angenähert wird. Die Tageslicht-Farbmischung lässt sich zurzeit mit LED leichter realisieren als mit allen anderen Leuchtmitteln, ist allerdings teurer. Sparen sollte man dann lieber beim Bodenbelag.

Ärzte Zeitung: Wird dieses permanente Kunstlicht von Patienten und Mitarbeitern nicht als unangenehm empfunden?

Prof. Bartenbach: Ein guter Lichtplaner beherrscht Systemtechniken, die Raummilieus erzeugen, die gerade nicht den Eindruck erwecken, in einem mit Kunstlicht gefluteten Raum zu sein. Das Künstliche darf beim Betreten der Praxis nicht erkennbar sein.

Das erreicht man zum Beispiel, indem verschiedene Lichtszenarien abgerufen werden können: Wenn draußen die Sonne scheint, wird auch der Empfang der Praxis in härteres Licht getaucht. Regnet es draußen, wird die Lichtstimmung gedämpfter.

Ärzte Zeitung: Gibt es weitere Möglichkeiten, gestalterisch Tageslicht zu simulieren?

Prof. Bartenbach: Man kann mit Lichtwänden oder Leuchtdecken arbeiten. Wir sprechen von entmaterialisierenden Materialien: Eine Zimmerdecke aus Aluminium wird von unten angestrahlt und vermittelt den Eindruck eines Himmels.

Denkbar ist auch, eine Decke aus stark transparenten Materialien einzuziehen, die von oben illuminiert wird. Auch Wände aus mattem, speziell geprägtem Aluminium werfen das Licht zurück, so wird der Betrachter nicht geblendet und nimmt lediglich ein Glitzern wahr. Hier darf nur das Material leuchten, nicht die Lichtquelle. Und auch hinter Glastüren kann man "Tageslicht" erstrahlen lassen.

Ärzte Zeitung: Wie findet man den richtigen Lichtplaner?

Prof. Bartenbach: Da Licht und Raum nicht zu trennen sind, sollte man mindestens einen Innenarchitekten mit der Planung beauftragen. Lichtplanung wird als Fach nicht explizit gelehrt. An unserer Akademie bilden wir Architekten über vier Semester hinweg aus und helfen auch Bauherren gern weiter, einen qualifizierten Kollegen in der Region zu finden.

Und wer sich über Lichtwirkung ausführlicher informieren möchte oder noch Entscheidungshilfe braucht, ist herzlich eingeladen, unser Lichtlabor in Aldrans zu besuchen. Unter unserem "Künstlichen Himmel" können wir die Raumwirkungen in unseren Raum-Modellen im Maßstab 1:5 unter allen erdenklichen Tageslichtsituationen zeigen.

Das Gespräch führte Sabine Henßen.

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