Ärzte Zeitung, 24.11.2011

Praxisräume: Wie warm soll es denn sein?

In Wartezimmern und Behandlungsräumen sollten Patienten sich so wohl wie möglich fühlen. Ein wesentlicher Faktor ist dabei eine optimale Raumtemperatur. Die zu erreichen ist allerdings leichter gesagt als getan. Viele Faktoren sind zu beachten.

Von Carmen Rudolph

Praxisräume: Wie warm soll es denn sein?

© Mone Beeck

Draußen pfeift der Sturm um die Häuser, aber drinnen findet der geplagte Mensch leider selten die Erlösung: Sowohl in privaten als auch in öffentlichen Räumen schlägt einem feuchte Hitze ins Gesicht. Oder es quält das andere Extrem: Es ist so kalt, dass die Finger kaum die PC-Tastatur bedienen mögen.

Angenehmes Raumklima

Mit dem Herbst hält auch das Problem der richtigen und gesunden Beheizung von Innenräumen Einzug. Gerade in Arztpraxen spielt ein angenehmes Raumklima eine große Rolle. Laut Arbeitsstättenverordnung (ArbStättVO) liegt bei einer "leichten sitzenden Tätigkeit" die als angenehm empfundene Temperatur bei 20 bis 21 Grad Celsius. In Waschräumen werden mindestens 24 Grad empfohlen.

Besonders in hochfrequentierten Bereichen wie dem Wartezimmer sollte die Temperatur nicht höher liegen, da jeder Mensch auch im Ruhezustand etwa 80 Watt an Wärme abgibt - und damit die Räume zusätzlich aufheizt.

Insbesondere für Mitarbeiter können zu hohe Temperaturen sehr unangenehm sein, warnt Professor Ulrich Pfeiffenberger, Vorsitzender des Fachverbandes für Gebäude-Klima Bietigheim-Bissingen: "Bei einer Raumtemperatur von über 24 Grad Celsius lässt die Konzentrationsfähigkeit der Menschen, die in diesen Räumen arbeiten, merklich nach. Bei hohen Feuchtewerten wird derselbe Effekt erzielt".

Unterschied zwischen tatsächlich gemessene und subjektiv gefühlte Temperatur

Ein Faktor bei der Beheizung der Praxisräume ist der Unterschied zwischen der tatsächlich gemessenen und der subjektiv gefühlten Temperatur. Unterscheiden sie sich stark, liegt das oftmals an einem unausgewogenen Raumklima.

Darunter verstehen Experten das Zusammenspiel von Lufttemperatur, Luftfeuchte und -geschwindigkeit, sowie der Oberflächentemperatur von Wänden, Decken und Fenstern. Beträgt der Temperaturunterschied zwischen Raumluft und umschließenden Flächen mehr als drei Grad Celsius, empfindet der Mensch vor dieser Fläche eine unangenehme Kältestrahlung.

Zudem lösen die unterschiedlichen Temperaturen durch den Konvektionseffekt eine stetige Luftbewegung aus - es zieht. Eine ausreichende Dämmung von Außenwänden und der Einbau von Isolierglasfenstern beheben diesen Mangel, bedeuten allerdings oft größere Baumaßnahmen.

Luftfeuchtigkeit von 40 - 60 Prozent

Wichtig für das optimale Raumklima ist auch die Luftfeuchtigkeit. Bei einer Raumlufttemperatur von 18-22 Grad Celsius ist eine Luftfeuchtigkeit von 40-60 Prozent normal und wird als angenehm empfunden. Liegt die Luftfeuchtigkeit außerhalb dieses Bereiches, kann sie das Wohlbefinden beeinträchtigen.

Trockene Luft ist insbesondere für die Schleimhäute unangenehm, besonders bei gesundheitlich angeschlagenen Personen. Eine zu hohe Luftfeuchtigkeit kann dagegen das Atmen erschweren und befördert die Keim- und Schimmelbildung.

Simples Rezept dagegen: regelmäßig lüften. In richtig gelüfteten und beheizten Räumen kommt eine zu hohe Luftfeuchtigkeit selten vor. Größter Feuchtigkeitsproduzent ist im Normalfall der Mensch selbst, der bei leichten Aktivitäten rund einen Liter Feuchtigkeit pro Tag (24 Stunden) an die Raumluft abgibt, den größten Teil davon über die Atmung.

Mehrmals täglich Lüften für einen kompletten Austausch der Raumluft

In einer Praxis ohne zentrale Lüftungsanlage sollte mehrmals täglich durch Lüften für einen kompletten Austausch der Raumluft gesorgt werden. Dabei reicht eine Lüftungszeit von vier bis sechs Minuten aus. "Lüften ist noch aus einem anderen Grund so wichtig", erläutert Martina Clemens-Ströwer, öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für Schimmelpilze und andere Innenraumschadstoffe.

 "Im Wartebereich halten sich viele Menschen auf kleinem Raum auf. Da steigt der CO2-Gehalt der Luft schnell auf Konzentrationen, die am Arbeitsplatz eigentlich gar nicht erlaubt sind."

In der kalten Jahreszeit ist oft eine zu trockene Raumluft das Problem. Eine einfache Maßnahme ist das Aufstellen von Zimmerpflanzen, die durchschnittlich 0,4 Liter Feuchtigkeit pro Tag an die Raumluft abgeben.

Luftbefeuchter regelmäßig reinigen

Vorsicht empfiehlt sich dagegen bei der Nutzung von Luftbefeuchtern, denn nur eine regelmäßige, gründliche Reinigung beugt der Entstehung von Keimen im Gerät vor. Wer sich nicht sicher ist, ob die Luftfeuchtigkeit in seinen Praxisräumen im Idealbereich liegt, kann ein Hygrometer einsetzen.

Natürlich beeinflusst auch die Wahl des Heizungssystems die Temperatur in der Praxis. Gerade in Praxen, die sich in Mehrfamilienhäusern befinden, empfiehlt es sich, auf gut gesteuertes Heizen zu achten. Während in den umgebenden Wohnungen am Wochenende intensiv geheizt wird, kehrt in den Praxisräumen Ruhe ein.

Die gemeinsame Heizungsanlage des Hauses läuft aber im Normalbetrieb, und oft genug bleiben die Heizkörper der Praxis aufgedreht, damit die Räume bis zum Montagmorgen nicht auskühlen. Das ist weder wirtschaftlich noch gesund, da die Luft so überheizt und unnötig trocken wird.

Problem: überheizte Räume

Ein Problem, das auch Bernhard Negele allzu gut kennt. Der Diplom-Ingenieur analysiert bei der eta Energieberatung viele Kliniken, in denen er immer wieder auf den gleichen Fehler trifft: überheizte Räume.

Um nun weder am Montag zu frieren, noch am Wochenende unnötig zu heizen, ist eine Einzelraumregelung der Heizung eine Option. Jeder Heizkörper wird hier mit einem elektronischen Regler ausgerüstet, der über Funksignale von einer zentralen Bedieneinheit gesteuert wird.

Das System ermöglicht so die zeitgenaue Beheizung aller Praxisräume auf die gewünschte Temperatur und ein unnötiger Energieverbrauch wird vermieden. Die Faustregel des Energieberaters: "Ein Grad Temperaturabsenkung bringt etwa sechs Prozent Energieeinsparung."

Gerade in Behandlungs- und Untersuchungsräumen ist das Bestimmen der optimalen Wohlfühltemperatur nicht einfach. Während eine Temperatur von 21 Grad in bekleidetem Zustand angenehm ist, beginnen viele Patienten zu frösteln, wenn sie sich für die Untersuchung entkleiden.

Infrarotheizung für Behandlungs- und Untersuchungsräume

Eine Lösung für dieses Problem: eine Infrarotheizung. Da die Wärmestrahlung direkt auf die Haut trifft und dabei nicht die Luft erwärmt, friert der Patient auch bei gleich bleibender Lufttemperatur nicht - und eine Überheizung der Räume wird vermieden.

Infrarotheizkörper integrieren sich zudem gut in die Einrichtung, da es sie in vielen unterschiedlichen Ausführungen gibt.

So lassen sich die unauffälligen Platten zum Beispiel als Spiegel tarnen, sie sind in Möbelstücke wie etwa Tische integrierbar und auch als Marmorplatte erhältlich.

Farbgestaltung der Räume hat Einfluß auf Temperaturwahrnehmung

Ob wir die Temperatur in einem Raum als angenehm empfinden, hängt aber nicht nur von den physikalischen Gegebenheiten ab, sondern auch von der Art, wie uns die Umgebung emotional anspricht. Vor allem die Farbgestaltung eines Raumes beeinflusst unsere Temperaturwahrnehmung nachhaltig.

Versuche haben nachgewiesen, dass Menschen in Räumen, die in blau-grünen Farbtönen gehalten waren, die Raumtemperatur zwischen drei und vier Grad Celsius kälter einschätzten als in einem gleich großen Raum in Rot oder Orange.

Dabei ist der Pulsschlag als Reaktion auf kalte Farben messbar niedriger, was zu einer Verlangsamung des Kreislaufes und damit zu schnellerem Frieren führt. Umgekehrt wirken warme Farben durch ihre spezifischen Schwingungen bei Licht über die optische Wahrnehmung anregend auf den Körper, was einen höheren Pulsschlag und ein vermindertes Kälteempfinden zur Folge hat.

Leichte, frische Farben, die Ruhe und Weite vermitteln, so die Innenarchitektin

Elke Rabl-Schmidt, Innenarchitektin des Planungsbüros Doppelpunkt, nutzt dieses Wissen bei der Ausstattung von Praxen und Therapieeinrichtungen. "Ich empfehle im Wartebereich und in Behandlungsräumen einen warmtonigen Bodenbelag zu verlegen, etwa Parkett.

Das ist eine gute Grundlage für eine Wandgestaltung in leichten, frischen Farben, die Ruhe und Weite im Raum vermitteln sollen. Und natürlich sollte die richtige Beleuchtung in einer angenehmen Lichtfarbe diese Farbstimmung wirkungsvoll unterstützen."

Temperatur am Arbeitsplatz

Die Gesundheit und Leistungsfähigkeit bilden das größte Kapital jedes arbeitenden Menschen. Dabei spielt die Temperatur am Arbeitsplatz eine wichtige Rolle für das Wohlbefinden. Wieviel Wärme optimal ist, hängt von der Art der Tätigkeit ab:

Wer anstrengende körperliche Arbeit leistet, gerät schneller unangenehm ins Schwitzen als jemand, der überwiegend sitzend am Schreibtisch beschäftigt ist.

Wie kühl oder warm es am Arbeitsplatz sein sollte, ist in den Technischen Regeln für Arbeitsstätten (ASR) festgelegt. Dieses Regelwerk wird vom Ausschuss für Arbeitsstätten (ASTA) ermittelt und vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales bekannt gegeben. Es liefert einige Eckdaten darüber, welche Raumtemperaturen eingehalten werden müssen, damit die Beschäftigten gesund und leistungsfähig bleiben.

Für eine leichte Tätigkeit im Sitzen empfiehlt die Verordnung 20 Grad, für mittelschwere Arbeit ein Grad weniger. Wird die Arbeit überwiegend im Stehen oder im Gehen ausgeführt, liegen die vorgeschriebenen Raumtemperaturen mit 17 bis 19 Grad noch etwas niedriger. Deutlich kühler sollte es sein, wenn in einem Raum schwere, anstrengende Arbeit geleistet wird: Zwölf Grad schreibt die Verordnung dafür vor. In Pausen-, Bereitschafts-, Sanitär-, Kantinen- und Erste-Hilfe-Räumen muss es dagegen mindestens 21 Grad warm sein, da Mitarbeiter oder Patienten hier ruhen.

Die Raumtemperatur ist die vom Menschen empfundene Temperatur. Sie wird nicht nur von der Wärme der Raumluft bestimmt, sondern auch von der Temperatur der Flächen wie Wände, Decke, Fenster und Fußboden. Diese Flächen strahlen Wärme oder Kälte ab.

Die richtige Temperatur hat ein Raum dann, wenn die Wärmebilanz des Körpers ausgeglichen ist. Diese setzt sich zusammen aus der Wärme, die der menschliche Körper selbst erzeugt und abgibt, sowie aus der Wärmezufuhr von außen. Die Anstrengung bei der Arbeit, die Lufttemperatur, die Luftfeuchte und die Wärmestrahlung beeinflussen diese Wärmebilanz.

Lesen Sie dazu auch das Interview:
"Der größte Fehler sind überheizte Räume"

Topics
Schlagworte
ArztRaum (170)
Organisationen
Spiegel (1042)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Zahl der Behandlungsfehler stagniert

"Fehler passieren, auch in der Medizin. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Patienten durch einen Behandlungsfehler zu Schaden kommen, ist extrem gering." So lautete das Fazit von Dr. Andreas Crusius bei der Vorstellung der Behandlungsfehlerstatistik. mehr »

Naturvolk mit erstaunlich gesunden Gefäßen

In einer geradezu heroischen Studie haben US-Forscher Eingeborene der Amazonas-Region zur Calcium-Score-Messung in einen CT-Scanner geschoben. Noch nie wurde ein Volk mit so gesunden Arterien beschrieben. mehr »

Dann ist ein Hausbesuch abrechenbar

Die vollständige und vor allem korrekte Abrechnung der so genannten Leichenschau stellt Ärzte immer wieder vor Probleme. Beispielsweise stellt sich die Frage nach der eigenständigen Berechnung des Hausbesuchs. mehr »