Ärzte Zeitung, 24.11.2011

Interview

"Der größte Fehler sind überheizte Räume"

Richtig heizen ist einfacher als gedacht. Was man trotzdem alles falsch machen kann und wie sich schon mit einfachen Mitteln die Heizkosten senken lassen, weiß Energieberater Bernhard Negele.

Bernhard Negele

"Der größte Fehler sind überheizte Räume"

Werdegang: Bernhard Negele studierte Versorgungstechnik an der Fachhochschule München.

Zusätzlich ließ sich der Diplom-Ingenieur zum EnergieManager (IHK) sowie als Gutachter für die energetische Bewertung von Fernwärme ausbilden.

Er war mehrfach als planender Ingenieur sowie Bau- und Projektleiter für Haustechnische Anlagen (Heizungs- und Klimatechnik) im Einsatz, bevor er zur eta Energieberatung in Pfaffenhofen wechselte.

Aktuelle Position: Heute analysiert Bernhard Negele die Energieversorgung von Unternehmen und Kommunen.

Im Rahmen des RWE Programms "Energiesparkonzepte für Krankenhäuser" optimierte sein Team der eta Energieberatung u.a. die Heizungssysteme der Rotkreuzklinik in München und des Klinikums Garmisch-Partenkirchen.

Im Fokus standen die Möglichkeiten zur Kraft-Wärme-Kopplung, die Verbesserung der Wärmerückgewinnung mithilfe von Lüftungsanlagen sowie der Hydraulik des Heiznetzes.

Ärzte Zeitung: Was sind die größten Fehler, die beim Heizen gemacht werden?

Bernhard Negele: Wenn Sie diese Frage auf den Nutzer beziehen und nicht den Planer des Gebäudes oder der Praxis, dann würde ich sagen: überheizte Räume. In Kliniken passiert das teilweise aufgrund mangelnder Regelmöglichkeiten und -gerade in älteren Bereichen - wegen einer konstanten Betriebsweise ohne Thermostatventile.

Häufig kommt es auch zu Wärmeverlusten durch unkontrolliert geöffnete oder gekippte Fenster und Türen. Bei Lüftungsanlagen ist vor allem die nicht bedarfsgerechte, ungeregelte Betriebsweise ein Problem - das heißt, im Dauerbetrieb laufende Anlagen mit konstanter Luftmenge. Anlagen ohne Wärmerückgewinnung sollten heutzutage auch der Vergangenheit angehören. Das gilt auch für kleinere Anlagen in Arztpraxen.

Ärzte Zeitung: Und was heißt nun "richtig heizen"?

Negele: Kurz gesagt: bedarfsgerecht. Das heißt, man heizt nur dort, wo Wärme benötigt wird - und zwar so, dass sich diejenigen wohlfühlen, die sich dort aufhalten. Gleichzeitig muss man energieeffizient heizen. Wer seine Praxis modernisiert, sollte beachten, dass Gebäude und Technik den normativen Vorgaben entsprechen, zum Beispiel der EnEV (Energieeinsparverordnung) oder dem EEWärmeG (Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz).

Diese sollen gewährleisten, dass Häuser einen gewissen Primärenergiebedarf nicht überschreiten und bei Neubauten erneuerbare Energien eingesetzt werden. Für den Nutzer heißt das konkret, dass er sich bewusst wird, wo Energie verschwendet wird und wo er eventuell sparen kann.

Ärzte Zeitung: Wie lassen sich mit einfachen Maßnahmen die Heizkosten reduzieren?

Negele: Die Mindestanforderung bei statischen Heizflächen, also Heizkörpern, sollten Thermostatventile zur Temperaturregelung sein. Diese können auch mit einer Zeitschaltuhr ausgerüstet werden, die nachts die Temperatur absenkt und morgens rechtzeitig wieder auf den gewünschten Sollwert anhebt.

Regelmäßiges Stoßlüften statt gekippter Fenster ist die Maßnahme für Bereiche ohne mechanische Lüftungsanlage.

Wenn Lüftungsanlagen vorhanden sind, sollte sichergestellt sein, dass diese auch nur zu den Betriebszeiten laufen - und zwar ebenfalls mit einem Zeitprogramm oder einer Zeitschaltuhr.

Ärzte Zeitung: Wie viel Energie kann man durch richtiges heizen und lüften einsparen?

Negele: Als Faustregel gilt: Ein Grad Temperaturabsenkung bringt etwa sechs Prozent Energieeinsparung. Die Maßnahmen, die Nutzer selbst vornehmen können - Thermostatventil einstellen, gekippte Fenster vermeiden oder Zeitschaltuhren verwenden - kosten zunächst am wenigsten und sind daher am wirtschaftlichsten.

Pauschale Aussagen über Kosten und Einsparungen halte ich in der Regel für fahrlässig. Diese werden meist von sogenannten Beratern verwendet, die etwas verkaufen möchten.

Ärzte Zeitung: Und wer weiß besser Bescheid?

Negele: Bei investiven, also groß angelegten Maßnahmen wie Gebäudedämmung oder Erneuerung der Heizungsanlage sollte man immer eine Detailuntersuchung durch einen zertifizierten Energieberater vorschalten - nicht zuletzt, da man von diesem auch Bescheinigungen für den Bezug von Fördermitteln zum Beispiel aus Programmen der KfW-Förderbank (Kreditanstalt für Wiederaufbau) oder der BAFA (Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle, Förderung erneuerbarer Energien) bekommt.

Das Gespräch führte Uske Berndt

Lesen Sie dazu auch:
Praxisräume: Wie warm soll es denn sein?

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