Ernährung, 11.09.2008

Das Endokrinologikum Frankfurt am Main

Zur Basistherapie einer jeden Stoffwechselerkrankung gehört auch die Ernährungsberatung. So sieht es Privatdozent Dr. W. Alexander Mann. Für den Mitgründer des Endokrinologikums Frankfurt am Main war es daher auch von Anfang an klar, diesen Zweig in seiner Praxis zu etablieren. 5000 Patienten pro Quartal geben ihm Recht.

Von Pete Smith

Das Endokrinologikum Frankfurt am Main

Privatdozent Dr. W. Alexander Mann

Fotos: smi

Was gesund ist, hat auch wenige Kalorien und kann folglich bedenkenlos konsumiert werden. "Dieser Irrglaube ist nur schwer aus den Köpfen herauszubekommen", sagt Aneke Schüder, Diabetesberaterin im Endokrinologikum Frankfurt am Main. Eine ihrer Patientinnen trinkt zum Beispiel mit Vorliebe frisch gepressten Orangensaft. Dass die übergewichtige Diabetikerin davon immer weiter zunimmt, war ihr bis zum Gespräch mit der Expertin nicht bewusst. Aneke Schüder rät ihr, auf Fruchtsäfte weitgehend zu verzichten und stattdessen mehr Mineralwasser zu trinken. Mit einem Schuss Zitronensaft schmeckt das zumindest ebenso erfrischend wie O-Saft und enthält weit weniger Zucker und damit auch Energie.

Die starke Nachfrage erfordert eine größere Praxis

Die 34-jährige Diabetesberaterin arbeitet seit Mai 2005 im Endokrinologikum Frankfurt am Main, einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) mit Fokus auf Hormon- und Stoffwechselerkrankungen, Reproduktionsmedizin, Pränataler Medizin, Rheumatologie und Osteologie. Ernährungsschulung und -beratung sind Schwerpunkte der Praxis. Deshalb gibt es unter den elf Ärzten des MVZ auch eine Ernährungsmedizinerin und unter den 20 Helferinnen vier Mitarbeiterinnen, die eine entsprechende Expertise für die Schulung der Patienten aufweisen.

Das Endokrinologikum Frankfurt wurde Ende 2003 von Privatdozent Dr. W. Alexander Mann, Facharzt für Innere Medizin und Endokrinologie, sowie der Internistin und Rheumatologin Dr. Brigitte Krummel-Lorenz gegründet. Mit der Ausweitung des Angebots wuchs das Team schon bald um entsprechend geschulte Helferinnen, die Patienten mit Diabetes, Adipositas, Schilddrüsenerkrankungen oder Osteoporose Tipps zur richtigen Ernährung geben konnten. Eine "erste Häutung" nennt Alexander Mann die Vergrößerung des Zentrums um ein ganzes Stockwerk drei Jahre nach Praxisgründung, eine zweite Ausweitung steht demnächst bevor, wenn sich das Endokrinologikum erneut "häuten" wird. 5000 Patienten pro Quartal weisen auf einen enormen Bedarf hin.

Diabetesberatung, Insulinresistenzschulung und Ernährungsberatung bei Übergewicht und Osteoporose sind wesentliche Bestandteile der täglichen Arbeit. Neu im Programm ist eine Hypoglykämieschulung, die im Oktober starten wird.

Einen speziellen Schwerpunkt bildet die Beratung bei Polyzystischem Ovarsyndrom (PCOS). Unter diesem leiden ungefähr zehn Prozent der geschlechtsreifen Frauen, auf Deutschland hochgerechnet sind das ungefähr eine Million Patientinnen. Die trotz ihrer Häufigkeit noch relativ unbekannte Erkrankung wird oftmals erst diagnostiziert, wenn eine Frau mit unerfülltem Kinderwunsch in die Praxis kommt. Die Betroffenen haben eine gestörte Glukoseintoleranz, viele leiden unter Übergewicht.

Über die Ernährung bei PCOS hat Claudia Hoffmann ihre Diplomarbeit verfasst. Hierfür durfte die Ökotrophologin auf Datenmaterial des Endokrinologikums zurückgreifen, das Zentrum ist nämlich Akademische Lehrpraxis des Fachbereichs Medizin der Universität Frankfurt am Main. Die Abschlussarbeit der 28-Jährigen fiel so überzeugend aus, dass man sie im April dieses Jahres als Ernährungsberaterin mit ins Boot holte.

Gemeinsam mit Aneke Schüder bietet Claudia Hoffmann nun Schulungen für PCOS-Patientinnen an. Eine Gruppenschulung geht über zwei mal zwei Stunden. In einer ersten Einheit arbeiten die Expertinnen mit den Patientinnen die Ernährungspyramide durch - von unten nach oben. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen, denn zunächst müssen die Ernährungsberaterinnen mit vielen Irrtümern aufräumen. "Eine Patientin erzählte mir, dass sie täglich zwei Liter Milch trinke, um ihren Flüssigkeitsbedarf zu decken", erinnert sich Aneke Schüder.

"Dabei wunderte sie sich, dass sie immer mehr zunahm." Die Diabetesberaterin musste sie erst darüber aufklären, dass Milch nicht in erster Linie der Flüssigkeitszufuhr dient, also kein Getränk ist, sondern Lieferant zahlreicher Nährstoffe. "Viele Patienten meinen auch, dass helles Brot in jedem Fall ungesund ist", ergänzt Claudia Hoffmann. "Dabei ist es ebenso gesund wie dunkles Brot, vorausgesetzt es ist aus Vollkorn." Für ihre tägliche Arbeit greifen die Expertinnen neben eigens erstellten Infomaterialien auch auf Schautafeln und Lebensmittelkarten zurück, die etwa die Anteile von Fett, Zucker und Cholesterin benennen.

Im Anschluss an die erste Sitzung werden die Patienten aufgefordert, zu Hause Ernährungsprotokolle auszufüllen. Diese werden mit Hilfe einer von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung entwickelten Software ausgewertet und dienen eine Woche später während der zweiten Einheit als Grundlage für individuelle Tipps.

Damit die Patienten diese sofort in ihrem Alltag umsetzen können, verbringen Aneke Schüder und Claudia Hoffmann einen Teil ihrer Freizeit in Supermärkten. Dort studieren sie die Verpackungen der Lebensmittel und spüren die versteckten Dickmacher auf, etwa die Zuckeranteile im "0,1 Prozent Fett"-Joghurt. Wertvolle Informationen, die sie an ihre Patienten weitergeben.

Neben den PCOS-Patientinnen beraten die beiden vor allem Menschen mit Adipositas oder Osteoporose. Letztere klären die Ernährungsexpertinnen etwa über den Kalziumgehalt im Mineralwasser auf oder empfehlen bei Laktoseintoleranz Sojamilch mit Kalzium. Für die Übergewichtigen halten sie Austauschtabellen parat und empfehlen statt Fruchteis tiefgefrorene Himbeeren mit Joghurt oder statt Nutella einen Brotaufstrich aus gesüßtem Quark mit Kakao.

Schulungen werden als IGeL angeboten

Da weder PCOS- noch Insulinresistenzschulung von den Kassen bezahlt werden, bietet das Endokrinologikum diese Schulungen als IGeL an. Eine PCOS-Gruppenschulung über zwei Mal 120 Minuten kostet 48,96 Euro, eine Einzelschulung zur Insulinresistenz (zwei Mal 60 Minuten) 69,94 Euro.

Seit seiner Gründung vor knapp fünf Jahren hat sich das Endokrinologikum in Frankfurt gut etabliert. Kooperationen unterhält es mit Facharztzentren, Netzwerken (Diabetes, Qualitätszirkel Ernährungsmedizin) und Kliniken. 90 Prozent der Patienten gelangen durch Überweisung ins Endokrinologikum, manche reisen sogar von Wiesbaden oder Limburg nach Frankfurt. Mit immer neuen Angeboten will man weitere Patienten in den Süden Frankfurts locken. "Wir sind immer in Bewegung", sagt Praxisgründer Mann, "und das soll auch so bleiben."

AUF EINEN BLICK

Das Endokrinologikum Frankfurt

Das Endokrinologikum ist ein Netzwerk von Praxis-Zentren, in denen interdisziplinäre Teams das Spektrum der Endokrinologie, Reproduktionsmedizin, Pränatalen Medizin und Labormedizin abdecken.

In dem Ende 2003 gegründeten Endokrinologikum Frankfurt am Main sind elf Ärzte und 20 Mitarbeiterinnen beschäftigt. Es ist seit 2005 als Medizinisches Versorgungszentrum mit den Fachrichtungen Innere Medizin sowie Frauenheilkunde und Geburtshilfe zugelassen. Darüber hinaus ist es Akademische Lehrpraxis sowie Akademische Lehreinrichtung des Fachbereichs Medizin der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main.

E-Mail: frankfurt@endokrinologikum.de

Internet: www.endokrinologikum.de

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