Ernährung, 26.02.2009

Eine Woche ohne feste Nahrung

Fastenwandern steht hoch im Kurs. Auf der Suche nach sich selbst und getreu dem Motto "geteiltes Leid ist halbes Leid" begibt sich so manch einer in der Gruppe auf Wanderschaft. Auch Ärzte bieten entsprechende Touren an.

Von Pete Smith

Fastenwandern unterstützt das Zurückfinden zu sich selbst.

Foto: Ehrlinspiel

Ein Samstag im Frühjahr. Im hessischen Vogelsberg finden zehn Menschen zueinander. Drei Männer und sieben Frauen, von denen die jüngste Anfang 30 und die älteste Ende 70 ist. Sie alle eint ein Ziel: eine Woche lang auf jegliche feste Nahrung zu verzichten. Um den Appetit zu vertreiben, werden sie wandern, ihre Kreativität erproben und unter Anleitung einer Ärztin Entspannungsübungen vollziehen. Die wunderschöne Landschaft rund um den kleinen Kurort Herbstein soll zum Gelingen ihres Vorhabens beitragen. "Ein Zurückfinden zu sich selbst und zu den herrlichen Ordnungen der Natur", nennt es die Fasten-Wander-Zentrale, die vergleichbare Angebote bündelt.

Zunächst überwiegt noch das Leid

Leiterin jenes Kurses ist die Ärztin Dagmar Ehrlinspiel, die in Bad Nauheim mit einer Kollegin eine Gemeinschaftspraxis für Allgemeinmedizin und Homöopathie betreibt. Die 58-Jährige fastenwandert seit 1995. Seit zwei Jahren bietet sie Kurse an.

Die zehn Teilnehmer ihres aktuellen Kurses trinken bereits seit drei, vier Tagen weder Alkohol noch Kaffee, seit zwei Tagen entsagen sie Fleisch und Käse. Gestern haben sie einen Rohkosttag eingelegt, der mit einer Gemüsesuppe endete. Ein Einlauf am Abend vor ihrer Abreise hat ihre Därme gereinigt und das aufkeimende Hungergefühl gedämpft.

Am ersten gemeinsamen Abend erzählt jeder, warum er dabei ist. Einige Fastenwanderer wollen entschlacken, andere abnehmen, ein Patient sucht ein Mittel gegen sein Rheuma, eine ältere Frau hofft auf Linderung ihrer Arthrose. Dagmar Ehrlinspiel reicht dazu Säfte. Das wird in den nächsten sieben Tagen die einzige Nahrungsquelle sein: morgens Obstsaft, abends Gemüsesaft. Immer warm getrunken. Daneben gibt's Wasser und Tee.

Der Sonntag beginnt mit gemeinsamen Energieübungen. Akupressur, Shiatsu und Tautreten sollen die Durchblutung fördern sowie Leber und Nieren anregen. Nach dem Saftfrühstück geht es auf Wandertour.

Zunächst überwiegt noch das Leid der Fastenden. Einige klagen über Kopfschmerzen, andere plagen Kreislaufprobleme. Das sei anfangs durchaus üblich, erklärt Dagmar Ehrlinspiel. Auch Hungerattacken kämen vor, in denen sich Teilnehmer ihren Lieblingsschmaus fantasierten. "Aber das kann man wieder loslassen, indem man sich auf die Landschaft konzentriert."

Im Anschluss an die erste Wanderung wird Tee gereicht, um den Kreislauf zu stabilisieren. Dann bereitet die Ärztin den Teilnehmern Leberwickel: ein feuchtes Tuch im Bereich der Leber, darauf eine Wärmflasche. Drei Stunden dürfen die Wanderer nun ausruhen. Erst am späten Nachmittag treffen sie sich zu einer Meditation wieder. Auch Dehnübungen stehen dann auf dem Plan. Nach dem nächsten Gemüsesaft fallen die meisten todmüde ins Bett.

Die ersten beiden Fastenwander-Tage sind die klassischen Krisentage, sagt Ehrlinspiel, die auch eine Zusatzausbildung in Orthomolekularmedizin hat. Neben den schon erwähnten Kreislaufschwierigkeiten und Kopfschmerzen haben einige Teilnehmer mit Magenproblemen zu tun. Und manch einer wird aggressiv. Sogar "richtig giftig", wie die Ärztin ein ums andere Mal leidvoll erfahren muss. "Das darf ich dann nicht in mich dringen lassen", weiß Dagmar Ehrlinspiel. Denn giftig werden Fastenwanderer vor allem in Folge ihrer inneren Entgiftung.

Dinge aus anderer Perspektive betrachten

Da hilft, wenn die Gruppe zusammenhält. Untereinander werden die meisten Probleme aus dem Weg geräumt. Die Teilnehmer stützen und motivieren sich. "Überhaupt staunt man, welche Geborgenheit die Gruppe dem Einzelnen vermittelt", fasst die Fasten-Wander-Zentrale in ihrem Prospekt zusammen.

Ab Tag drei scheint für die meisten die Sonne. Wenn einer weiter unter Kreislaufproblemen leidet, setzt Dagmar Ehrlinspiel gern mal ein homöopathisches Mittel ein, etwa Veratrum album. Inzwischen entwickeln sich bei dem einen oder anderen sogar echte Glücksgefühle. "Heute geht's mir schon besser als gestern" oder "Ich fühle mich viel leichter" sind Kommentare, die die Kursleiterin zur Mitte der Woche häufig hört. Ballast fällt weg, die Gefäße weiten, die Wahrnehmung schärft sich. "Plötzlich sieht man Dinge aus einer anderen Warte", so die Erfahrung der Ärztin, "und man erkennt, wie ein Problem besser zu lösen wäre."Die Teilnehmer entwerfen Visionen und fassen neue Vorhaben.

Viele verändern etwas in ihrem Alltag

Am Ende der Fastenwanderung dürfen die Teilnehmer auf keinen Fall gleich in alte Gewohnheiten zurückfallen. "Sonst kann es zu ernsten Beschwerden kommen", trichtert ihnen die Ärztin ein. Sie empfiehlt am ersten Tag nach dem Fasten Wurzelgemüse wie Karotten. "So kommen die Kauwerkzeuge wieder in Gang und man isst nicht zu viel." Tierisches Eiweiß sollte man frühestens ab dem zweiten oder dritten Tag nach dem Fasten konsumieren. Ehrlinspiels Faustregel: "Pro Fastenwoche sind drei Tage Kostaufbau erforderlich."

Was von den guten Vorsätzen übrig bleibt, erfährt Dagmar Ehrlinspiel während eines Nachtreffens sechs bis acht Wochen später. "Viele Rückmeldungen zeigen mir, dass es tatsächlich oft gelingt, die eigenen Alltagsstrukturen zu verändern."

Informationen

Angebote für gemeinsame Fastenwanderungen gibt es in Deutschland seit mehr als 20 Jahren. Aus dem 1995 gegründeten Fasten-Wander- Verein ging ein Jahr später die Fasten-Wander-Zentrale hervor, die die Offerten bundesweit sammelt.

Weitere Infos finden Sie unter www.fasten-wander-zentrale.de

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