Ernährung, 16.04.2009

Viel Geschmack für wenig Geld - geht das?

Am Anfang war ein Satz. "Man kann sich vom Transfereinkommen vollständig, gesund und wertstoffreich ernähren", behauptete Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin vor gut einem Jahr und rechnete vor, dass man schon für weniger als vier Euro am Tag ausreichend Lebensmittel kaufen könne. Ob er ahnte, was er da auftischte?

Von Pete Smith

Viel Geschmack für wenig Geld - geht das?

Der Frankfurter Koch und Gastronom Oliver Schneider zeigt den Teilnehmern in seinem "Hartz-IV-Kochkurs", dass selbst kochen ganz einfach ist.

Foto: Schneider

Inzwischen gibt es Hartz-IV-Kochkurse, -Kochbücher und -kalender sowie Hartz-IV-Kochreihen im Selbstversuch. Anlässe genug, um die Frage zu vertiefen: Kann man sich von aktuell 4,32 Euro am Tag wirklich gesund ernähren?

"Viel Geschmack für wenig Geld" - unter diesem Motto bietet der Frankfurter Koch und Gastronom Oliver Schneider seit vergangenem Jahr einen "Hartz-IV-Kochkurs" an. Einmal im Monat lädt er Menschen mit geringem Einkommen in sein Restaurant "Oliver's Art Cuisine", um mit ihnen drei bis vier Stunden lang gut und preiswert zu kochen. Neun Euro verlangt er dafür, was keinesfalls kostendeckend sei. Doch das ist dem jungen Koch egal.

Frische Gerichte kosten nur mehr Zeit

"Meine Aufgabe sehe ich darin, den Leuten zu zeigen, dass sie für wenig Geld frisch kochen können", sagt der 28-Jährige und wendet sich gegen das Gerücht, Fertigprodukte seien günstiger und frische Gerichte kosteten mehr Geld. "Es kostet nur mehr Zeit." Zeit indes haben Arbeitslose und Rentner reichlich.

Schneiders Lehrstunde beginnt auf dem Wochenmarkt. Hier kann man - anders als beim Discounter - kleine Mengen einkaufen. Erstens sinkt dadurch das Risiko, dass Ware verdirbt, und zweitens sind die Lebensmittel in der Regel frisch und stammen direkt vom Erzeuger. Schneider rät seinen Klienten, sich nach dem saisonalen Angebot zu richten, das drücke den Preis. "Ich geben den Teilnehmern auch Tipps, was für tolle Lebensmittel es gibt", erklärt der Koch, der in der Kantine der Deutschen Bank gelernt und danach unter anderen auch für Staatsgäste in Berlin gekocht hat.

Beim Zubereiten der Gerichte ist Resteverwertung nicht nur erlaubt, sondern geradezu Pflicht. Aus Kartoffel- und Möhrenschalen, Zwiebel- und Knoblauchresten lässt sich ein schmackhafter Sud zubereiten, den man portionieren und einfrieren kann. Und das ganz ohne Glutamat. "Resteverwertung ist nichts Schlimmes", so Schneider, "in Restaurants wird so etwas ‚All you can eat-Buffet‘ genannt." Auf seine Weise zaubert er so für 60 Cent pro Person eine Kartoffel-Ingwer-Suppe oder für 3,70 Euro ein Zwei-Gang-Menü, bestehend aus Erbsensuppe mit Minze sowie Kartoffel-Ingwer-Karottenpüree mit Hühnerbrust und Orangensauce. Ein anderes Mal gibt es Ziegenkäse mit Gazpacho-Salat oder Kräuterpolenta mit Orangen-Chili-Sauce.

Kann man sich von 4,32 Euro am Tag also gesund und lecker ernähren? Oliver Schneider hat da so seine Zweifel. "Ich würde den Satz auf circa sechs Euro pro Tag erhöhen", sagt er. "Mit acht Euro am Tag kann man wirklich sehr gut leben." Eine wesentliche Voraussetzung sieht der Gourmet-Koch darin, dass sich die Betroffenen wieder selbst an den Herd stellen, statt im Laden nebenan eine fettige Pizza oder einen triefenden Döner zu erstehen.

Wie wichtig es für Hartz-IV-Empfänger ist, wieder selbst kochen zu lernen, haben inzwischen auch Anbieter der bundesweit tätigen Tafeln und Suppenküchen eingesehen, wo Bedürftige täglich kostenlos essen können. Die Mitarbeiter der Gütersloher Suppenküche sprechen ihre Gäste direkt an, ob sie beim nächsten Mal nicht gemeinsam mit ihnen kochen möchten. Im Anschluss an einen solchen Kurs erhalten die Teilnehmer ein Paket mit den Zutaten, um das Gericht daheim nachkochen zu können.

Selbst kochen statt Fertigpizza oder Döner

Doch dass sich Bedürftige von 4,32 Euro am Tag selbstversorgend gesund und vollwertig ernähren können, bezweifeln die Experten. "Warum werden die Tafeln in dieser Weise in Anspruch genommen?", fragt Dieter Freitag von der Frankfurter Tafel. Seine Antwort: "Weil der Regelsatz nicht ausreicht."

Der Hartz-IV-Regelsatz reiche aus, behauptete Thilo Sarrazin im Februar 2008 und garnierte seine These mit Rezeptvorschlägen. Leberkäse und Kartoffelsalat etwa seien schon für 90 Cent zu haben, Bratwurst mit Sauerkraut und Kartoffelbrei bereits für 75 Cent. Wohl bekomm's!

Hartz IV

Zur Sicherung des Lebensunterhaltes erhalten Empfänger des Arbeitslosengeldes II ("Hartz IV") die sog. Regelleistung. Diese beträgt zurzeit für einen Ein-Personen-Haushalt monatlich 351 Euro. Rund ein Drittel dieser Summe veranschlagt der Gesetzgeber für Nahrung, Getränke und Tabakwaren - pro Tag sind das 3,42 Euro.

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