Ernährung, 16.04.2009

Ziel der Ernährungstherapie ist die Hilfe zur Selbsthilfe

Viele Patienten mit einer Krebserkrankung profitieren von einer professionellen ernährungstherapeutischen Begleitung. Wie diese in der Praxis aussehen kann, darüber sprachen wir mit Andrea Willeke vom Ernährungsteam der Klinik für Tumorbiologie (KTB) in Freiburg.

Ziel der Ernährungstherapie ist die Hilfe zur Selbsthilfe

Andrea Willeke Diätassistentin in der Klinik für Tumorbiologie (KTB) in Freiburg

Foto: privat

ernährung: Frau Willeke, Sie gehören zum Ernährungsteam der Klinik für Tumorbiologie und beraten onkologische Patienten. Was sind die Aufgaben des Teams?

Andrea Willeke: Für unser Team steht die individuelle ernährungstherapeutische Betreuung im Vordergrund. Im Rahmen antitumoraler Therapien führen wir jährlich etwa 2000 Ernährungsberatungen durch. Die KTB bietet für insgesamt 200 Patienten eine medizinisch internistische sowie eine rehabilitative onkologische Behandlung an. Supportive Ernährungstherapien bei Patienten mit weit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen gehören dabei ebenso zu unserem Beratungsspektrum wie gesundheitsorientierte diätetische Maßnahmen. Zentrales Ziel ist es, den Ernährungszustand der Tumorpatienten zu verbessern, um so dem Fortschreiten von Tumorerkrankungen oder dem erneuten Wiederauftreten von Tumorerkrankungen entgegenzuwirken. Gerade nach einer Chemo- beziehungsweise Strahlentherapie oder Operation geht es häufig vor allem darum, therapiebedingte Nebenwirkungen aufzufangen und den Organismus mit einer angepassten Ernährung zu stabilisieren.

ernährung: Welche Patienten betreuen Sie?

Willeke: Am häufigsten betreuen wir Patienten mit Tumorkrankungen in reduziertem Ernährungszustand. Je nach Diagnosestellung, Allgemeinzustand, Krankheitsstadium und den daraus abgeleiteten Therapiemaßnahmen weisen onkologische Patienten nicht selten einen starken Gewichtsverlust, gastrointestinale Probleme und/oder Kau- bzw. Schluckbeschwerden auf. Etwa die Hälfte bis drei Viertel der zu betreuenden Patienten haben im Rahmen ihrer Tumorerkrankung bis zu zehn Prozent ihres ursprünglichen Körpergewichtes verloren. Ein besonderer Schwerpunkt ist auch die rehabilitative ernährungstherapeutische Betreuung von jährlich etwa 200 Patienten nach Stammzelltransplantation.

ernährung: Und wie gestalten Sie den Speiseplan für diese Patienten?

Willeke: Wir bieten jeden Tag drei Menüs an, zwei davon sind ovo-lakto-vegetabil zusammengestellt. Die Philosophie des Hauses ist es, gesundheitsorientiert eine gesunde stärkende Ernährung, also viel Obst und Gemüse, anzubieten. Ein vielfältiger, saisonal angepasster Speiseplan soll den Patienten Ideen vermitteln, die sie dann auch zu Hause umsetzen können.

ernährung: Welche Ernährungsprobleme beobachten Sie vorrangig bei den Akutpatienten, welche bei den Patienten in der Rehabilitation?

Willeke: Die meisten Akutpatienten weisen ein Ernährungsdefizit auf und haben infolgedessen enorm an Gewicht verloren. Bei Bedarf stellen wir dann gemeinsam mit den Patienten eine individuelle Speisenfolge zusammen. Ergänzend bieten wir auch Trinksupplemente, enterale oder auch parenterale Ernährung an.

Bei vielen Reha-Patienten stehen ebenfalls die Stabilisierung der Verdauungsleistung sowie des Körpergewichts beziehungsweise die allgemeine Kräftigung im Vordergrund. Zusätzlich bieten wir insbesondere für Patienten in Remission sekundärpräventiv auch ein Informationsangebot zur gesunden stärkenden Ernährung an. Speziell Patientinnen nach Brustkrebs nehmen dieses Angebot gerne in Anspruch, da sie häufig unter antihormoneller Therapie Gewicht zu nehmen.

ernährung: Warum ist die Nahrungsaufnahme häufig so schwierig?

Willeke: Schleimhautentzündungen des Gastrointestinaltraktes sowie des Mundes sind häufige Beschwerdebilder, die die Nahrungsaufnahme enorm erschweren. Je nach Ausmaß der Entzündung sollte genau eingeschätzt werden, was der Patient noch gut kauen und vertragen kann. Die Konsistenz der Lebensmittel sollte eher weich sein. Säurereiche Nahrungsmittel oder scharfe Speisen werden nicht gut vertragen. Ein feinfühliges Austesten von milden Speisen ist hier gefordert.

Weitere Probleme können durch Übelkeit und Erbrechen auftreten. Dann sollte auf Lieblingsspeisen verzichtet werden, um eine negative Konditionierung zu vermeiden. Appetitstörungen, wie zum Beispiel ein verändertes Geschmacksempfinden und/oder eine störende Mundtrockenheit, können sich während oder nach Chemotherapien einstellen. So genannte "feuchte" und erfrischende Lebensmittel wie Joghurtspeisen oder Melonenschnitze können bei reduziertem Speichelfluss etwas Linderung schaffen. Zusätzlich ist eine abwechselungsreiche, individuell zusammengestellte Speisenfolge in kleinen Portionen empfehlenswert.

ernährung: Welche Bedeutung hat das Essen für die Patienten und ihre Lebensqualität?

Willeke: An einer Krebserkrankung zu leiden, bedeutet nicht selten die Konfrontation mit Zukunfsängsten, ein vermindertes Selbstwertgefühl sowie ein Überangebot an Information, das letztlich mehr verunsichert als hilft. In dieser Situation bietet die selbstbestimmte und gezielte Auswahl von Lebensmitteln nicht nur eine Möglichkeit, den Regenerationsprozess und die Selbstheilungskräfte des eigenen Körpers aktiv zu unterstützen, sondern auch ein Stück Lebensqualität. Voraussetzung hierfür ist aber eine professionelle ernährungstherapeutische Begleitung in Form eines individuell angepassten Ernährungskonzeptes. Sie kann durch verständliche Aufklärungsarbeit einen wichtigen supportiven Beitrag im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe leisten. (sf)

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