Die Barmer GEK schlägt mit ihrem neuen Arzneireport 2013 wieder einmal Alarm! Der Bremer Pharmako-Epidemiologe Prof. Dr. rer. nat. Gerd Glaeske und der Barmer GEK-Vize Dr. jur. Rolf-Ulrich Schlenker beklagen in ihrer Pressekonferenz insbesondere die Polypharmazie der Bundesbürger ab dem 65. Lebensjahr, o h n e bio-psycho-sozialmedizinische Berücksichtigung von Epidemiologie, Prävalenz und Inzidenz zunehmender Krankheitsentitäten und Multimorbiditäten im Alter.
Von den 15 Autoren/-innen des Arzneimittelreports 2013 der Barmer GEK sind 9 weiblich und 6 männlich. Ein Psychiater und ein Allgemeinmediziner mit früherer Praxiserfahrung sind als ausgebildete Ärzte vertreten. Die übrigen beruflichen Hintergründe bewegen sich von der Veterinärmedizin über Public Health (MPH), Pharmazie, PTA, Geografie, Soziologie bis hin zu EDV- und Medienspezialisten.
Ein echter Dialog m i t den Ärztinnen und Ärzten vor Ort wird n i c h t gesucht. Eher wird ü b e r die niedergelassenen Vertragsärzte gesprochen, die im GKV-Bereich viel zu viele (nutzlose?) Medikamente verordnen würden. Zu Recht wird beklagt, dass nur eine elektronische Patientenakte bei den Versorgungspfaden verschiedener Haus-, Fach- und Spezialärzte bzw. Kliniken Transparenz und Rationalität schaffen könne. Damit würden tatsächlich Doppeldiagnostik, Übertherapie und Fehlmedikation vermieden werden. Doch schon das Beispiel möglicher Therapietreue-Mängel bei 8,2 Prozent der über 65-Jährigen, die acht bis zehn Wirkstoffe, und den 3,4 Prozent, die elf Wirkstoffe und mehr einnehmen, ergeben Adhärenz- und Compliance-Probleme. Die Therapietreue leidet insbesondere bei Wechselwirkungen, Nebenwirkungen und dem Vergessen von Medikamenten proportional zu der verordneten Menge.
Doch gerade dort, wo im häuslichen Milieu oder in Pflegeeinrichtungen Medikationsfehler gemacht werden, helfen "Elektronische Gesundheitskarte und elektronisches Rezept" den Betroffenen n i c h t weiter: Weil sie s e l b s t die elektronischen Signaturen nicht lesen und interpretieren können. Das ist nur eine der vielen, nicht nur patientenbezogenen Schwachstellen der E-Cards im Gesundheits- und Krankheitswesen.
Hauptprobleme sind und bleiben die immer schlechter werdenden Bewältigungsstrategien ("Coping") bei Krankheit, Chronizität, Behinderung und Teilhabeeinschränkung. Weit über die Hälfte der 65-Jährigen haben erhöhten Blutdruck und entwickeln eine hypertensive Herzkrankheit. Typ-2-Diabetes, umwelt-, ernährungs- und raucherbedigte Erkrankungen nehmen zu.
Die Lebenserwartung bei Systemerkrankungen wie Krebs, MS, KHK, HIV-Infektionen, Hepatopathie, Parkinson, Demenz, Alzheimer, Kollagenosen, p-AVK, Psychopathien etc. steigt erfreulicherweise. Während die Versorgungsforschung zugleich beschreibt, wie die Schere zwischen Arm und Reich bzw. zwischen psychischen, somatischen und sozial bedingten Erkrankungen immer weiter aufgeht. Und dann gibt es noch den gigantischen Bauchladen rezeptfrei erhältlicher Medikamente, die völlig unkontrolliert nebenher eingenommen werden können. Vom Überangebot bei den Nahrungsergänzungsmitteln statt frischer, gesunder Ernährung will ich gar nicht anfangen.
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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