Freitag, 28. November 2014

Leserkommentare [11386]

[20.11.2014, 03:17:27]
Barbara Tolle 
Die ganze Diskussion ist scheinheilig! 
Wie der vorhergehende Beitrag schreibt, kann es kein Recht auf nicht vorhandene Organe geben.

Dazuhin wird der "Fall Muhammet" vom falschen Ende her aufgezäumt:
So stellt sich für mich nach wie vor die Frage, warum das Kind nicht in der Türkei transplantiert wurde. Auf der Facebook-Solidaritäts-Webseite für Muhammet Eren Dönmez <https://www.facebook.com/muhammeterendoenmez?fref=ts> erhielt ich inzwischen zumindest einen Teil der Anwort: "Weil in der Türkei fast keiner Organe spendet, erst recht niemand die Organe seines Kindes." Hört, hört!

Aber wir hier in Europa, insbesondere in Deutschland, das Nehmerland im ET-Raum ist, was Organtransplantationen angeht, sollen dann eines der kostbaren, weil seltenen Organe an einen Non-resident vergeben, während unsere Kinder mit vielleicht besseren Transplantatsüberlebenschancen versterben (müssen). Dabei ist darauf hinzuweisen, das Eurotransplant (ET) seit juni 2014 strikt dagegen ist, dass Deutschland überhaupt Organe an Non-Residents transplantiert!

Statt Deutschland und die Ärzte des Herzzentrums Gießen zu verklagen, sollten die eltern des bedauernswerten kleinen Muhammet alles daran setzen, dass sich eine derartige Tragödie in der Trükei nicht wiederholt und eine Kampagne für Organspenden im eigenen Land starten!

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[19.11.2014, 12:56:03]
PD Dr. Reinhold Ramoner 
Aber ohne Ergebnisqualität geht es auch nicht! 
Sehr geehrte Leser der Ärztezeitung
Eine solide Diagnosequalität ist die wichtigste Grundvoraussetzung für eine gute Ergebnisqualität. Je besser die Sensitivität und Spezifität sind, desto wahrscheinlicher wird der Patient die richtige Therapie bekommen und wird von den Risiken der Übertherapie verschont bleiben. Je unsicherer oder ungenauer die Diagnoseformen sind, desto variabler werden die Indikation zur den Therapieformen ausfallen.
Aus meiner Sicht spielt für den Patienten die Diagnosequalität bzw. die Ergebnisqualität die Größte Rolle. Für vernünftige aussagekräftige Rechenmodelle ist die Diagnosequalität mit der Ergebnisqualität immer im Kontext zu sehen.
Mit besten Grüßen
Reinhold Ramoner
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[19.11.2014, 01:40:32]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
An Egg a Day is O.K.? 
Ich erinnere mich noch genau: Im vollbesetzten Wiener Konzerthaus mit knapp 2.000 Teilnehmern/-innen ein hochkarätig besetztes Podium auf einem Fortbildungskongress zum Thema Lipide und Ezetemibe. Einer konzentriert und streng dreinschauende Frau Prof. Dr. med. Elisabeth Steinhagen-Thiessen (Charité Berlin) stellte ich öffentlich die Frage, wie denn die randomisiert kontrollierte (RCT) Studienlage zu Ezetemib zu beurteilen sei? Ich hätte zwar viel über die LDL-senkende Wirkung gelernt, aber zu dieser wichtigen Frage hier in Wien wenig Überzeugendes gehört? Ich schloss meinen kritischen Beitrag zur umstrittenen Therapienotwendigkeit von Ezetemib mit dem Zitat: "Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube"? - Und hatte die Lacher auf meiner Seite, so dass Frau Kollegin Steinhagen-Thiessen ebenfalls ein breites Lächeln nicht unterdrücken konnte.

Sie verwies mich damals auf die noch zu erwartenden Ergebnisse laufender und zukünftiger Studien. Aber so richtig herausgerissen hat es die aktuell publizierte IMPROVE-IT-Studie m. E. nicht. Die primären Studienendpunkte als Kombination von kardiovaskulärem Tod, Herzinfarkt, erneuter Hospitalisierung wegen instabiler Angina, Revaskularisation und Schlaganfall konnten insgesamt durch Ezetimib signifikant nur um 6,4 Prozent im Vergleich zu Placebo gesenkt werden (32,7 Prozent versus 34,7, p=0,016). Allerdings ist der Unterschied zur Effizienz der relativ hohen Basismedikation von 40 mg Simvastatin tgl. mit 15 mg/dl im bereits niedrigen LDL-Zielbereich nicht sehr groß gewesen.

Ausgeprägter waren die Effekte bei der Reduktion der Inzidenz von Herzinfarkt und Schlaganfall. Die in der wissenschaftlichen Diskussion beschriebene "Number-needed-to-Treat" (NNT) von 50 behandelten Ezetemibe-Patienten, um ein Ereignis zu verhindern, musste relativiert werden: Bei 7 Jahren Studiendauer betrage die NNT dann 350, wurde angemerkt ["Kathiresan also argued that the NNT (number needed to treat) of 50 was “outstanding for a drug that basically has no side effects.” But Steven Nissen, a vocal critic of ezetimibe in the past, pointed out that the NNT occurred over seven years, so the yearly NNT was actually 350"] Quelle:
http://www.forbes.com/sites/larryhusten/2014/11/17/improve-it-meets-endpoint-and-demonstrates-real-but-modest-clinical-benefit-for-ezetimibe/

Es bleibt die Frage, ob man dann nicht gelegentlich auch 2 Eier tgl. essen kann?
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[19.11.2014, 00:48:50]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Danke Frau Kolleginnen, nicht nur, dass Kollektivbestrafung schon in der Schulklasse als Verfehlung gilt 
... ein "Immageschaden" ist selbstvertständlich KEIN arbeitsrechlich ausreichender Versetzungsgrund.
Eine "Immageschaden" erscheint mir eher die peinliche und indiskutabel ANONYME Antwort von der "Universitätsmedizin Göttingen" zu sein.
Also liebe Ärzte Zeitung, was soll denn das ???
Ist ein hoch qualifizierter Leberchirurg etwa nicht "Universitätsmedizin Göttingen" ?
Das möchte der Leser bitte doch etwas genauer wissen.
Im Staatsdienst gibt es bei Beamten im höheren Dienst ab Ministerialdirektor (MD) den Begriff des "politischen Beamten", der z.B. bei Regierungswechsel ohne Angabe von Gründen versetzt werden kann, sogar in den vorgezogenen Ruhestand.
Werden jetzt Ärzte zu politischen Beamten gemacht, die WER BITTE beliebig hin und her schieben kann?
Der Leser hätte hier gerne einen Namen für die "Universitätsmedizin Göttingen" !!! zum Beitrag »
[18.11.2014, 17:45:37]
Dr. Segei Jargin 
Neuliche Entwicklungen vom Gesundheitswesen in Russland 
Auf den ersten Blick kann es erscheinen, dass es bei den neuesten Entwicklungen des russischen Gesundheitswesens [1] der gleiche Weg eingeschlagen wird, wie er in den Neuen Bundesländern ab 1990 gegangen wurde, nämlich der Reduktion der staatlichen Arztstellen bei gleichzeitiger Mehrbelastung der verbleibenden angestellten Ärzte. Nach meiner Erfahrung im Ausland (1989-2002 mit Unterbrechungen) war die Belastung jedoch nie übermäßig. Ich kann mich an keinen einzigen Fall erinnern, wenn es nicht genug Zeit gab, klarzukommen bzw. eine konsiliarische Mitbeurteilung in Anspruch zu nehmen. Es gibt immerhin wesentliche Unterschiede zwischen beiden Ländern. In Deutschland gab es die Krankenkassen, die alle nötigen Kosten gedeckt haben, d.h. eine praktisch kostenlose Gesundheitsfürsorge auf einem hohen modernen Niveau. Hier deckt die Versicherung nicht alles; außer anderem die Arzneimittel nicht. Es gibt die sogenannten mediko-ökonomische Standards, wo die Leistungen aufgelistet sind, die von der verbindlichen Krankenversicherung zu übernehmen sind; doch werden solche Leistungen nicht unbedingt in allen Fällen problemlos erbracht, insbesondere bei ambulanten Patienten in den Polikliniken. Es kann zum Beispiel eine Alternative geben – lange warten oder fürs Geld machen. Das Personal ist vom kaufmännischen Geist angesteckt, die medizinische Ethik ist wenig bekannt, Schmiergelder werden stellenweise genommen und erwartet, auch im Gesundheitsministerium [2], Vorteilsnahme und Vetternwirtschaft werden fast als Norm betrachtet. Es fehlt an kompetente und faire Verwalter: leitende Chefarzte (die gleichzeitig auch Verwaltungsleiter der Krankenhäuser sind) kooperieren in Bestattungs-, Bau- und anderen Geschäften. Es fehlt an gute Fachliteratur, an die Verantwortung usw. Die Ärzteorganisationen - so etwas wie eine deutsche Ärztekammer - gibt es in Russland nicht; zum Teil deswegen sind weder der Status des ärztlichen Berufes noch die medizinische Ethik als verbindliche Norm wenig beachtet. Das dürfte natürlich schwerer fallen, wenn der Rest der Gesellschaft weiterhin Bestechung und Vetternwirtschaft als normale Teile des täglichen Lebens ansieht und praktiziert. Eigentlich braucht Russland eine internationale Hilfe in Sachen Gesundheitswesen, doch gibt es Befürchtungen, dass ausländische Fachleute in die Korruption verwickelt werden. Doch meines Erachtens kann eine internationale Hilfe in dieser Hinsicht eher hilfreich sein, sonst verstehen hier viele Mitarbeiter kaum, dass den öffentlichen Angestellten einschließlich der Mediziner die Annahme jeglicher Geschenke, in welcher Form auch immer, verboten werden sollte. Bereits kleine Vergehen müssen geahndet werden. Außerdem gibt es hier viel Selbstzufriedenheit: warum sollen wir uns über die Lebenserwartung und Überlebensraten kümmern, diese Ziffern betreffen meistens die Rentner [3], die haben mit der Wirtschaft und Verteidigung des Landes wenig zu tun. Es kommt schließlich auf die Prioritäten an, und die Prioritäten werden zum Teil von externen Faktoren, vor allem, von internationalen Konflikten, abhängig. In diesem Zusammenhang muss man auch erwähnen, dass einige Militärkrankenhäuser ein besonders hohes Ansehen genießen. In einer militärischen Einrichtung kann es mehr Ordnung geben, doch nicht unbedingt mehr fachliche Kompetenz und weniger Korruption (z.B. um dort als Nicht-Militärangehöriger operiert zu werden). Insbesondere scheinen die Führungskräfte dort nicht immer nach der fachlichen Kompetenz gewählt zu werden. Die Träger der fachlichen Kenntnisse sind viele Vertreter der Intelligenzia, die im militärischen Milieu nicht immer willkommen sind. Gekoppelt mit der Disziplin und gehemmter Kritik kann es unter Umständen ungünstige Folgen haben [2]. Es wäre aber vielleicht nicht schlecht, wenn ein Teil der militärischen Disziplin (nicht mit den Rotarmeesitten zu verwecheln) auf das übrige Gesundheitswesen übertragen werden würde. Der Erlaß Putins über die Erhouhung der Arztlöhne ist jedenfalls nicht schlecht, aber er scheint von den Behörden konterkariert zu werden, indem notwendige Arztstellen gestrichen werden [1].
1. Vlassov V. Doctors in Moscow rally against planned hospital closures. BMJ. 2014;349:g6623.
2. Jargin SV. A comment. Dermatopathology: Practical & Conceptual 2010;16(4) http://www.derm101.com/dpc-archive/october-december-2010-volume-16-no.4/dpc1604a21-a-comment/
3. Jargin SV. Societal and political will for cancer prevention in Russia. Lancet Oncol. 2014;15(8):e298.
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[18.11.2014, 17:02:09]
Prof. Dr. Erland Erdmann 
enttäuschendes Ergebnis der Improve-it Studie 
Zwar ist der primäre kombinierte Endpunkt dieser Studie mit -2% (34,7 versus 32,7%)positiv, doch ist trotz einer Therapie über sieben Jahre (!) keine Reduktion der Mortalität (15,3% versus 15,4%)bzw. der kardiovaskulären Mortalität (6,8% versus 6,9%)nachweisbar. Nun kann man Tote relativ einfach zählen, bei MI und nicht tödlichen Schlaganfällen ist das schon schwieriger! Grundsätzlich muß also festgestellt werden, wenn trotz dieser langen Laufzeit und trotz niedrigeren LDL-C in beiden Gruppen die gleiche Mortalität gefunden wird, sollte der Nutzen einer solchen Therapie sehr kritisch beurteilt werden. zum Beitrag »
[18.11.2014, 16:46:07]
Dr. Georg Kääb 
Wer hat eigentlich Angst vor einer "persönlicheren" Medizin? 
Die Antwort von Herrn Löffelmann auf diesen Artikel klärt die scheinbaren "Fronten" ganz gut auf. Warum auch immer und für wen eigentlich im postiven Sinne Dr. Ludwig den ewig mahnenden Zeigefinger gibt, ist mir einfach nicht klar.
Eine "persönlichere, individuellere" Medizin als jemals ist heute im Alltag angekommen. Gut 38 "personalisierte Therapeutika" sind in D zugelassen, für rund 30 davon ist der Biomarker-Diagnose-Vortest Pflicht. Da kommt also nicht eine "biomarker-stratifizierende" Medizin irgendwann daher, sondern sie ist mitten unter uns, bei Patienten und Ärzten angekommen. Wovor soll oder will Ludwig die Leute also bewahren? Dass da nun diese "aufgescheuchten" Internet-klugen Patienten eine viel "persönlichere" medizinische Behandlung auch einfordern werden? Ist das nicht im ursprünglich höchsten Eigeninteresse des behandelnden Arztes, nur die am besten geeignete Therapie zu empfehlen und anzuwenden? Und wird man dabei noch sehr viele Fragen zu klären haben, die ja auch heute ständig Diskussionsgegenstand sind, wie im Beitrag von Dr. Schätzler fast etwas verzweifelt anklingend?
Natürlich ist man bei der "molekular-diagnostisch unterstützen Medizin" (auch kein schönes Wort) noch am Anfang. Die gesamte Ärzteschaft und die medizinische Anwendung sollte aber tunlichst nicht den Zeigefinger nur zur Mahnung heben, sondern alle 10 Finger, 2 Hände also, und den eigenen Kopf ganz heftig benutzen, sich auf diese "neue" (eigentlich schon aristotelisch-alte, persönliche) Medizin einzustellen, in der insbesondere der Patient verstanden haben wird, dass er/sie ein ganz individueller Fall ist - und gefälligst auch so behandelt werden soll und will. Wer das nicht beherzigt wird - vielleicht auch von ein paar fixen Scharlatanen - von den etwas flotteren Ärzten ganz schön links überholt werden.  zum Beitrag »
[18.11.2014, 15:59:21]
Dr. Frank Schlüter 
Werbung schon im ersten Wort der Überschrift 
Na, da geht die Werbung ja schon mit dem ersten Wort der Überschrift los!
Statt dem reißerischen Wort des "Ritterschlages" würde ich mir in einem medizinischen Fachbeitrag eher Zahlen zur NNT und andere hilfreiche Angaben wünschen.
Dr. Frank Schlüter zum Beitrag »
[18.11.2014, 15:47:43]
Johanna Dielmann-von Berg 
Transplantationsskandal 
Zum obigen Beitrag und bereits früheren "Beiträgen und Kommentaren" gibt es wohl noch sehr viel zu sagen, im Vorhinein aber auch das Eine:
Wie anfällig muss unser Gesundheits-und Krankenhaussystem sein, wenn man sich nicht scheut um von eigenen systembedingten Unzulänglichkeiten abzulenken, sofort zur pauschalen Vorverurteilung zu greifen, anstatt eine seriöse Auf- und Abklärung ab zuwarten. Auch bei den betroffenen Kliniken bzw. Verantwortlichen vermisse ich Anstand und Stehvermögen ihren Mitarbeitern gegenüber. Solange sie Geld für die Klinik "einfuhren" waren sie akzeptiert oder gar willkommen und hofiert. Aber wehe es rüttelt Einer am Image. Die "angeschuldigten" Mitarbeiter, die weder gegen Geldvorteilsnahme für sich und ohne groben operativen Behandlungsfehler tätigen waren haben, solange bis das Gegenteil bewiesen wird, Anspruch auf Loyalität oder zumindest "Duldung und Akzeptanz" in ihrer, hochqualifiziertn bisherigen operativen Tätigkeit. Eine "unbegründete Zwangspause schädigt das Ansehen und die operativen Fähigkeiten eines hochqualifizierten Leberchirugen. Chirurgie ist und bleibt ein praktikables Handwerk und bedarf damit des täglichen adäquaten "Trainings". Irgendwann sind wir wieder soweit,dass wir hochqualifizierte Spezialisten suchen, weil wir sie zuvor selbst kaltgestellt haben. Das betrifft auch andere Kliniken in der BRD.
Wenn wir der Transplantationsmedizin wieder zu einem besseren Ansehen und vor allem höherer Effizienz verhelfen wollen, dann sollten weitgehend alle ärztliche Kollegen(innen)sich zur Organspende dokumentiert verpflichten, alle dafür geeignete Krankenhäuser bereit sein und dies auch praktizieren, in geeigneten Fällen die Voraussetzungen zur Organentnahme sofort zu gewährleisten (techn. + ökonomisch)und die Transplantation von Organen nach korrekten internationalen Richtlinien auch national umsetzen.
Kein Arzt sollte künftig sich selbst und seine Familie von einer Organentnahme ausschließen unter dem Motto (leider so bekannt und praktiziert)"... lass Dich bloß nicht für eine Organentnahme 'ausweiden' ."
Als engagierter Chirurg glaube ich weiterhin an einen progredienten Fortschritt.
dokuet zum Beitrag »
[18.11.2014, 15:34:08]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Semantisch de-personalisierende Fehlgriffe, modisch-trendige Worthülsen oder stratosphärisch-stratifizierte Biomarker? 
Es ist bezeichnend für gesundheitspolitische bzw. medizinisch-propädeutische Diskussionen, dass mit unlogisch-falscher und verfrüht-gestylter Begrifflichkeit selbst von ausgewiesenen Experten laienhaft hantiert wird.

Der Begriff "Personalisierte Medizin" kann nur falsche Hoffnungen wecken, wenn sein eigentlicher Wortsinn modisch-trendig fehlinterpretiert wird. Personalisierte Medizin bedeutet semantisch-linguistisch m e h r als bisher auf den Patienten als personifizierte Indexperson einzugehen. Drei exemplarische Beispiele:

• Sinn-, kritik- und ziellose Antibiose mit identischen Standard-Dosierungen zwischen 50 und 150 kg Körpergewicht, wenn nicht mal konkrete Hinweise auf eine bakterielle Infektion bestehen.
• Dilettantische Übernahme von Erwachsenen-Medikation u n d Dosierungen bei pädiatrischen Patienten in der hausärztlichen und internistischen Praxis: Die jüngst erzwungene MCP-Metoclopramid-TRO Marktrücknahme spricht Bände; von Spät-Dyskinesie-Risiken ganz abgesehen.
• Risiko- und Wirkungs-adäquate Evaluierungen von neuen Therapiemethoden wie der Renalen Denervation (RDN) bei therapieresistenter Hypertonie fehlen, wenngleich die Methodik trotz n e g a t i v e r randomisiert-kontrollierter(RCT) Studienlage bundesweit bereits flächendeckend klinisch etabliert wurde: E n t individualisierte Medizin "at it's best"!

Zukunftsperspektiven einer noch in den "Kinderschuhen" steckenden "Biomarker-basierten Stratifizierung" mit einer personalisierten oder gar individualisierten Medizin zusammenbringen zu wollen, zeugt von einer im naiven Empirismus steckengebliebenen Wissenschaftstheorie, die zugleich eine Aura der Hybris verbreitet:

• In Zeiten, wo über das Für und Wider der Mammografie-Früherkennung und -Prävention von Brustkrebs erbittert gestritten wird?
•  Das kleine Stuhlbriefchen zur Darmkrebs-Frühdetektion einen Glaubenskrieg zwischen Anhängern des immunologischen Stuhltests (i-FOBT) und dem seit 1971 gebräuchlichen guajakharzbasierten Test (g-FOBT) anzetteln kann?
• Man(n) sich beim PSA-Screening zur Vorsorge/Früherkennung des Prostatakarzinoms nicht mal ansatzweise einig ist?

Da bleibt eine Biomarker-basierte Stratifizierung als "personalisierte" oder gar "individualisierte" Medizin doch eher Stratosphären-fern.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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