Donnerstag, 20. Juni 2013

Leserkommentare [8427]

[19.06.2013, 22:39:38]
Dr. Uwe Wolfgang Popert 
Priorisierung erforderlich 
Wer in der Praxis wirklich arbeitet (und nicht gerade Bücher verkaufen will) weiss, dass man all die Paragrafen und Bestimmungen nicht 100%ig erfüllen kann.
Eine peinlich korrekte Dokumentation und Aufklärung einer einfachen Impfung würde Stunden dauern.
Das bedeuet in Zeiten des Ärztemangels: wir müssen endlich anfangen, Prioritäten zu setzen. Was ist wichtiger - Dokumentation oder Versorgung?
Oder anders herum - wenn wir in Zukunft mehr aufklären/dokumentieren sollen - sollen wir stattdessen lieber die Versorgung von Akutpatienten oder von chronisch Kranken oder die Prävention vernachlässigen?
Das ist eine gesellschaftliche Entscheidung - vor der Wahl beantworten Politiker Fragen besonders gerne... zum Beitrag »
[19.06.2013, 22:24:10]
Dr. Uwe Wolfgang Popert 
Na endlich 
Die genannte Cochrane Analyse stammt von 2009. Inzwischen wurde sie endlich von europäischen Kardiologen nicht nur gelesen, sondern auch verstanden.
Die deutsche hausärztliche Leitlinie zur kardiovaskulären Prävention hat diese Empfehlung seit 2011 vertreten.
http://leitlinien.degam.de/index.php?id=1042
Warten wir mal ab, wie lange es dauern wird, bis die ESC auch die Behandlung von Triglyceriden und HDL aus dem Programm streicht... zum Beitrag »
[19.06.2013, 21:30:43]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Kein stures "the lower the better" mehr! 
140/85-90 mm Hg für Alle ist ein pragmatischer Kompromiss und zugleich viel praxistauglicher. Diastolischer Druck bei Diabetikern besser nur bis 85 mm Hg.

Die alten Leitlinien der Europäischen Gesellschaften für Kardiologie (ESC) und Hypertonie (ESH) von 2007 bezogen sich auf den ESC-SCORE (Systematic COronary Risk Evaluation) und auf den PROCAM-Algorithmus (PROspective CArdiovascular Münster). Sie beschrieben Risikofaktoren unterschiedlich differenziert. Das Risiko stärker Hypertonie abhängiger (potenziell tödlicher) Ereignisse wie Schlaganfall, Aortenruptur und Tod aufgrund von p-AVK bzw. kardialem Tod wurde nur im ESC-SCORE komplett erfasst, während das Risiko mehr Cholesterin abhängiger Ereignisse wie KHK, Plaque-Ruptur und Herzinfarkt im PROCAM-Algorithmus besser abgebildet wurde. Im danach aufkommenden CARRISMA-Algorithmus (CARdiovascular RISk MAnagement) wurde, basierend auf den vorhergenannten Scores, die zusätzliche Bedeutung der Lebensstil-Faktoren wie körperliche Aktivität, Anzahl der gerauchten Zigaretten und der Body Mass Index (BMI) berücksichtigt.

Die PROGRESS-Studie [PROGRESS Collaborative Group (2001) Randomized trial of a perindopril-based blood-pressure-lowering regimen among 6.105 individuals with previous stroke or transient ischaemic attack. Lancet 358(9287): 1033–1041] wies eine relative Risiko Reduktion (RRR) des Schlaganfall (Stroke) Risikos bereits bei steigender Normotonie u n t e r h a l b von 140/90 mm Hg nach. Hochrechnungen ergaben, dass bei einer Million Menschen mit erhöhtem Blutdruck 132 Schlaganfälle verhindert werden könnten.

Die jetzt aktuellen ESC- und ESH-Leitlinien sind mit 70 Seiten Umfang ebenso üppig wie unübersichtlich geworden. Aber es geht ja auch um Fragen, wie man mit sonst Gesunden, mit Risiko-, mit Hochrisiko-, mit Multimorbiden-, mit Jungen-, Alten- oder spezifisch (Niere, Diabetes, Systemerkrankungen) Begleiterkrankten als Hypertonie-Patienten g e n d e r s p e z i f i s c h umgehen soll. Da genügt es eben nicht, eindimensional n u r auf die Blutdrucksenkung auf Biegen und Brechen zu schauen, oder Cochrane-Tertiärliteratur aus dem Berliner Tagesspiegel zu zitieren.

Interessant ist der Dreizehn-Punkte-Katalog als Ausblick der ESC/ESH-Leitlinien von 2013:
1. Should antihypertensive drug treatment be given to all patients with grade one hypertension when their CV risk is low-to-moderate?
2. Should elderly patients with a SBP between 140 and 160 mmHg be given antihypertensive drug treatments?
3. Should drug treatment be given to subjects with white-coat hypertension? Can this condition be differentiated into patients needing or not needing treatment?
4. Should antihypertensive drug treatment be started in the high normal BP range and, if so, in which patients?
5. What are the optimal office BP values (i.e. the most protective and safe) for patients to achieve by treatment in different demographic and clinical conditions?
6. Do treatment strategies based on control of out-of office BP provide an advantage (reduced clinical morbidity and mortality, fewer drugs, fewer side effects) over strategies based on conventional (office) BP control?
7. What are the optimal out-of-office (home and ambulatory) BP values to be reached with treatment and should targets be lower or higher in high risk hypertensives?
8. Does central BP add to CV event prediction in untreated and treated hypertensive patients?
9. Do invasive procedures for treatment of resistant hypertension compare favourably with the best drug treatment and provide long-term BP control and reduction of morbid and fatal events?
10. Do treatment-induced changes in asymptomatic OD predict outcome? Which measures—or combinations of measures—are most valuable?
11. Are lifestyle measures known to reduce BP capable of reducing morbidity and mortality in hypertensive patients?
12. Does a treatment-induced reduction of24 h BP variability add to CV protection by antihypertensive treatment?
13. Does BP reduction substantially lower CV risk in resistant hypertension?

Kurz zusammengefasst:
1. Behandlungspflicht für Hypertonie 1.° bei geringem Begleitrisiko?
2. Brauchen Senioren mit RR-syst. 140-160 immer Antihypertensiva?
3. Kann die "Weißkittel"-Hypertonie risikoadaptiert stratifiziert werden?
4. Ab wann sind hoch normale RR-Werte doch therapiebedürftig?
5. Was sind optimale RR-Werte in demografischer/klinischer Hinsicht?
6. Therapievorteile bei häuslicher RR-Selbstmessung vs. Praxismessung?
7. Risikoadaptierte Therapieziele RR-Selbstmessung häusl./Praxis/Klinik?
8. Outcome-Verbesserung per zentraler RR-Messung/kardialem Event-Recorder?
9. LZ-Morbiditäts+Mortalitätsreduktion: invasive Maßnahmen vs. Medikation?
10. Auswirkung bzw. Messbarkeit behandlungsbedingter Überdosierung (OD)?
11. Wie modifiziert Lebensstil-Intervention messbar Morbidität/Mortalität?
12. Auswirkung therapiebedingter Verringerung der 24-H-RR-Variabilität?
13. Kardiovaskuläres Risiko substanziell reduzierbar bei RR-Therapieresistenz?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[19.06.2013, 20:03:55]
Karl-Georg Vaith 
Blutdruckwerte in der Norm ? 
Die Industrie hat schon immer die RR-Werte vcon 120/80 als Norm favorisiert und propagiert.

Es ist ja verständlich, wenn die Firmen dadurch mehr Antihypertensiva verkaufen und ihre Rendite erhöhen.
Die Pharmaindustrie lebt vom Verkauf.

Darum sollten medizinische Erkenntnisse von kaufmännischen Aktionen getrennt werden. zum Beitrag »
[19.06.2013, 18:52:19]
Dr. Wolfgang Knüll 
Ich weiß wo sie sind .. 
..die mutigen Sozialpolitiker, die diesen Schritt wagen: Dort wo die Steuerpolitiker sind, die ein vereinfachtes Steuermodell entwickeln. zum Beitrag »
[19.06.2013, 17:50:50]
Jürgen Wolf 
Notärzte / Leichenschau 
Herr Beneker, Theologe und Coach im Gesundheitswesen, beschreibt eine seit langem alltägliche Situation. Dies ist lobenswert, muss sie doch immer wieder reflektiert werden. Aber der Tenor, den ich u.a. erkenne, ist doch der, dass die Notärzte einerseits den niedergelassenen Kollegen das Brot wegschnappen und andererseits für andere Notfälle nicht zur Verfügung stehen. Ich erlaube mir die Empfehlung, doch mal ein Wochenende am Rettungsdienst teilzunehmen, gerade jetzt in der trocken- oder schwülwarmen Jahreszeit. Erstens sind in vielen Alteneinrichtungen die Bewohner unterversorgt und zweitens sind die allerwenigsten Notdienstkollegen willig, die zum Teil langen Strecken von der Notfallpraxis zum Patienten auf sich zu nehmen. Die medizinische, oft auch menschliche Kompetenz von Pflegeheimmitarbeitern läßt zu wünschen übrig. In solch "leblosen" Fällen ist meine erste Maßnahme rasch eine Infusion anzulegen und zügig zu infundieren. Die Folge? Der leblose, nicht anprechbare Patient mit zusammenklebenden Schleimhäuten ist bereits beim Einladen in den RTW wieder ansprechbar und meist auch symptomlos orientiert. Dies geschieht nicht nur lokal in nur einem oder zwei Einrichtungen, dies erlebe ich in vielen Einrichtungen in drei verschiedenen Landkreisen.
Und de jure: Woher nimmt die zitierte, ungenannt bleibenden Hausärztin die Gewissheit, woran die auch langjährig betreuten Patienten letztlich gestorben sind? Alles nur sicher naheliegende Mutmaßungen, aber nicht umsonst hat der Gesetzgeber den aufwändigen Papierkrieg vorgesehn. Welcher Kollege kennt die meisten Indizien, die auf eine unnatürliche Todesart hinweisen? Welcher Kollege entkleidet denn wirklich einen Verstorbenen und betrachtet ihn von allen Seiten?
Auch sollten doch Kollegen überlegen, ob sie den kachektischen Tumorpatienten im Finalstadium nicht eher zu Hause zum Tod betreuen anstatt ihn mit Notarzt zum x-ten Mal in die Klinik einzuweisen. Letzteres erwähne ich, da das tatsächliche Retten zahlenmäßig stark in den Hintergrund getreten ist, sondern ich empfinde meine Rettungseinsätze zu einem Großteil als Sozialpsychiatrischen Dienst oder Vertretungsdienst für den kassenärztlichen Notdienst. Das könnte ich auch mit Zahlen belegen, falls ein großes Aufheulen zu hören ist...

Wenn ich hier mit dem Finger zu zeigen scheine, so vor allem auf Entscheidungsträger und Politiker. Die übrigen Genannten können sich oft arbeitsbedingt nur wenig den vielen alltäglichen Absurditäten entziehen. zum Beitrag »
[19.06.2013, 17:43:45]
Dr. Wolfgang Knüll 
Der Schaden und der Nutzen 
"Primum non nocere" oder "Nil nocere", meint ja auch wohl keineswegs Nichtstun, sondern sinnvolles Handeln einer Medizin, die nicht um jeden Preis glaubt alles tun zu müssen, nur weil sie es vermag und die Aktionismus per se schon für lobenswert hält. Die Gefahr an dieser Grenze zu scheitern, nimmt mit der Weiterentwicklung des der pharmazeutisch-medizinischen Komplexes sicherlich zu.  zum Beitrag »
[19.06.2013, 16:39:40]
Dr. Dr. Winfried Miller 
Muss ein leicht erhöhten Blutdruck tatsächlich gesenkt werden? 
Eine industrie-unabhängige Organisation (Cochrane) hat aktuell eine Untersuchung mit 9000 Patienten veröffentlicht, in der es um die Frage ging, ob ein gering erhöhter Blutdruck (systolisch zwischen 140 – 159 mmHg und/oder der diastolische Wert zwischen 90 – 99) medikamentös gesenkt werden muss.

Überraschendes Ergebnis: Es gibt keine Studien, die einen Nutzen einer Blutdrucksenkung durch Medikamente in diesem Blutdruckbereich („milder Hochdruck“ oder „Grad I-Hochdruck“) belegen könnten.

Sehr häufig erhalten Personen mit derartig mildem Hochdruck bereits Blutdrucksenker. Argumentiert wird dieses Vorgehen mit der Begründung: „Zur Senkung von hochdruckbedingten Gefäßschäden (z.B. Herzinfarkt, Schlaganfall)“.

Die Cochrane-Studie kommt aber zu dem Ergebnis, dass herzgesunde Menschen mit leicht erhöhtem Blutdruck nicht nachweislich von blutdrucksenkenden Medikamenten profitieren. Kommentar der Studienleiterin: „Wir wissen nicht, ob der Nutzen der Behandlung den Schaden überwiegt“. Eine Behandlung von Menschen mit leicht erhöhtem Blutdruck mit der Argumentation, dass ein Nachteil der Behandlung nicht erwiesen sei, ist demnach nicht schlüssig.

Ärzte, die ihren Patienten trotzdem Medikamente gegen leicht erhöhten Blutdruck verordnen, gehen wahrscheinlich irrtümlich davon aus, dass dafür eine gute wissenschaftliche Studienbasis besteht (oder die von der Industrie getriggerten Fortbildungen haben eine anderes Bild hinterlassen).

Die Studienleiter schlagen vor, bei mildem Hochdruck die eigenen Bewegungsaktivitäten zu erhöhen. Eine vermehrte Muskeldurchblutung (durch körperliche Aktivitäten) senkt den Widerstand im Blutkreislauf durch Öffnung der Blutgefäße in den Muskeln.

Link: http://www.tagesspiegel.de/wissen/medizin-nutzen-fraglich/7023062.html

Nun, verehrte Kolleginnen und Kollegen, sollte sich dazu jeder seine eigene Meinung bilden. Wo liegt die Wahrheit? In unabhängigen Studienauswertungen oder bei industrie-finanzierten Ligen?
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[19.06.2013, 13:48:36]
Dr. Karlheinz Bayer 
na endlich ! 

Eine Systole von 120 war stets ein Dogma und noch nie eine Wissenschaft.
Ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen mit sinnlosen 120 zu x gestürzt sind, sich Frakturen bei diesen Stürzen zuzogen, unter Schwindel, Potenzstörungen und Vergeßlichkeit oder Kopfschmerzen litten oder sogar einen weißen Hirninfarkt bekamen. Die Schlaganfälle sind nun mal 9:1 Minderdurchblutungen und nur 1:9 Rupturen von Gefäßen.

Rund 140 oder 150 systolisch waren bisher nicht, und werden auch zukünftig nicht bedenklich sei. Die bisher von mir stets sträflich falsch eingestellten Patienten haben bislang nur ein negatives Symptom festgestellt: die Angst vor dem Kardiologen mit dem erhobenen Zeigefinger.

Wir müssen irgendwann zu der therapeutischen Wahrheit finden, daß der Blutdruck keine gottgegebene Sollmarke ist, sondern das Produkt aus vielen Faktoren, die es eigentlich zu behandeln gilt, sprich Übergewicht, Rauchen, Bewegungsmangel.

Einen Blutdruck bei einem bewegungsarmen und übergewichtigen Raucher auf 120 zu senken war vergleichbar mit der Idee, ein voll beladenes, älteres Auto am Berg vom 2. in den 4. Gang zu schalten, um die Drehzahl zu senken.

Ich habe zwar noch selten auf Leitlinien etwas gegeben, aber dies scheint ein Beispiel zu sein, daß sich Leitlinien auch der Lebenswirklichkeit anpassen können.

Dr.Karlheinz Bayer, Bad Peterstal zum Beitrag »
[18.06.2013, 22:05:29]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Liebe Kollegin Bauer, 
ich sehe in meiner täglichen Praxis eine Reihe von Patienten, die von qualifizierten Schmerztherapeuten derart medikamentös "abgeschossen" wurden, dass die Sturzprophylaxe oft als einziger Ausweg bleibt. Man sollte als Schmerztherapeut im Glashaus der diffizilen und differenzierten Schmerztherapie auch nicht mit Steinen nach Hausärzten schmeißen. Denn unser Horizont reicht i. d. R. auch weit "über Ibuprofen, Diclofenac und Fentanyl hinaus". Tägliches Problem sind orthopädische Schmerzpatienten, die entweder abgewiesen und vertröstet oder mit über 4 Stunden Wartezeit hingehalten werden, weil sie keine IGeL-Patienten sind. Allgemeine Schmerztherapie muss integraler Bestandteil a l l e r Fachrichtungen (außer Pathologie) sein. Spezielle Schmerztherapie ist sicher etwas für Fach- und Spezialärzte.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »
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