Ärzte Zeitung online, 20.11.2008

Wie der Blutdruck korrekt gemessen wird

Den Blutdruck richtig zu messen ist alles andere als trivial. Hochdruck- Spezialisten geben bei der Medica Tipps für Patienten, aber auch für ihre Ärzte.

Von Thomas Meißner

Wie der Blutdruck korrekt gemessen wird

Patient bei der Blutdruck-Kontrolle durch seinen Arzt. Korrekt: Die Manschette befindet sich in Höhe des Herzens.

Foto: Lisa F. Young©www.fotolia.de

Den Blutdruck richtig zu messen ist alles andere als trivial. Denn dabei werden sehr viele Fehler gemacht, beklagen Fachleute. Sie sehen Lernbedarf nicht nur bei Patienten, sondern auch bei Profis. Und bei den Messgeräten muss man die Spreu vom Weizen trennen.

"Kommen Sie, setzen Sie sich schnell dahin, ich messe mal eben den Blutdruck!" - Man könne sicher sein, dass bei solchem Vorgehen die Blutdruckwerte 30 bis 40 mmHg höher ausfielen, als sie tatsächlich seien, sagt Professor Bernd Krönig aus Trier in Deutschland. Der Internist und Hypertensiologe gibt bei der Medica, der weltgrößten Medizinmesse mit angeschlossenem Fachkongress, Tipps zum richtigen Blutdruckmessen. Aber auch falsch niedrig gemessene Werte sind möglich, wenn man den richtigen Umgang mit einem Messgerät nicht beherrscht.

Eigentlich ist es gar nicht schwierig, den Blutdruck richtig zu messen. Aber ein paar Regeln müssen beachtet werden. Regeln, die sehr viele Hochdruck-Patienten nicht kennen, obwohl sie sich selbst messen, die aber auch von professionellen Helfern häufig nicht beachtet werden.

So sollte die Messung, zum Beispiel morgens und abends, erfolgen, bevor erneut blutdrucksenkende Medikamente eingenommen werden. Damit lässt sich am ehesten die individuell unterschiedliche Langzeitwirkung einzelner Bluthochdruckmittel beurteilen. Außerdem sollte vor der Messung eine Ruhezeit von drei bis fünf Minuten eingehalten werden. Etwas Ruhe braucht auch der Untersuchende: bei der klassischen Messmethode mit Stethoskop, Oberarmmanschette und Manometer soll die Ablassgeschwindigkeit der Luft bei relativ langsamen zwei bis drei mmHg pro Sekunde liegen. Bei einem Blutdruck von 160/90 mmHg (Blutdruckamplitude von 70 mmHg) bedeutet das, dass es 25 bis 35 Sekunden dauert, bevor systolischer und diastolischer Wert ermittelt sind. So viel Zeit muss sein.

Unter befragten 500 Männern und Frauen wussten weniger als drei von zehn Hochdruck-Patienten, dass die Blutdruckmanschette so positioniert sein soll, dass sich der Messpunkt in Herzhöhe befindet. Außerdem muss stets am Arm mit dem höheren Blutdruckwert gemessen werden. Auch dies weiß nur jeder Dritte.

Mit einer zu kleinen Manschette misst man falsch niedrige systolische Werte (oberer Messwert) und falsch hohe diastolische Werte (unterer Messwert). Erstens muss die Manschette zwei Drittel der Oberarmlänge bedecken. Zweitens muss die Manschettenlänge stimmen: Weil immer mehr Menschen übergewichtig sind, sieht man immer häufiger Oberarmumfänge von deutlich mehr als 35 cm. Die Standardmanschette (Länge 22 bis 34 cm) reicht dann nicht mehr aus und muss durch eine längere Manschette ersetzt werden. Abgenutzte Klettverschlüsse, die sich bereits beim Aufpumpen lösen, führen ebenfalls zu unsicheren Messwerten.

Die Ärmel eines Oberhemdes oder einer dünnen Bluse können bei der Blutdruckmessung ruhig unten bleiben. Eine kanadische Studie bei 376 Patienten hat kürzlich ergeben, dass sich die Messwerte am nackten Arm nicht relevant von jenen am bekleideten Arm unterscheiden (CMAJ 178, 2008, 585). Dicke Pullover oder Jacken sollte man aber am besten gleich ausziehen, anstatt zu versuchen, die Manschette noch zwischen hochgekrempelten Ärmel und Ellenbogen zu klemmen, rät Krönig.

Seit Jahren gibt es automatische Blutdruckmessgeräte, die in Tests jedoch oft von sehr heterogener Qualität waren. Zu beachten ist, dass diese Geräte den Blutdruck nach einem ganz anderen Prinzip messen, als bei der klassischen Referenzmethode mit Hilfe des Stethoskops (siehe Kasten). Automaten bestimmen oszillometrisch lediglich einen Mitteldruck. Systolischer und diastolischer Wert errechnet das Gerät. Die Rechenalgorithmen sind bei hochwertigen Geräten so angepasst, dass die Messwerte jenen der klassischen Blutdruckmessgeräte entsprechen - zumindest bei Erwachsenen. Die Messwerte der verschiedenen Methoden sind also prinzipiell vergleichbar. Inzwischen werden auch wissenschaftliche Studien mit solchen Automaten vorgenommen. Allerdings sind die Berechnungsverfahren nicht standardisiert, wie es aus wissenschaftlichen Gründen wünschenswert wäre.

Viele auf dem Markt erhältliche elektronische Blutdruckmessgeräte weisen regelmäßig fehlerhafte Abweichungen von durchaus 10 mmHg auf. Die Deutsche Hochdruckliga (DHL) versieht deshalb inzwischen hochwertige Geräte mit einem Prüfsiegel. Dem gehen aufwendige Tests nach einer europäischen Norm bei über 90 Probanden mit standardisierten Voraussetzungen voran. Die Messwertabweichungen vom Referenzverfahren dürfen enge Grenzen nicht überschreiten. Die Geräte mit Prüfsiegel sind auf der Internetseite der DHL veröffentlicht (www.hochdruckliga.de). Empfehlenswert sind gerade für alte Menschen Geräte mit gut ablesbaren Displays, gegebenenfalls ergänzt durch Farbskalierungen (rot, gelb, grün) für gute oder schlechte Druckwerte.

Für die Blutdruckmessung bei Kindern raten Experten wie der Pädiater Privatdozent Dr. Michael Bald aus Stuttgart von Automaten weitgehend ab. Denn sie seien, von Ausnahmen abgesehen, nicht für Kinder geprüft. Es gebe kaum wissenschaftliche Daten, anhand derer der Blutdruck bei Kindern geschlechts- und größenadaptiert bewertet werden könnte. Sehr oft fehlten bei den Geräten auch für Kinder geeignete Manschetten.

Volkskrankheit Bluthochdruck

In Deutschland gibt es mindestens 20 Millionen Menschen mit Bluthochdruck (über 140 zu 90 mmHg). Folgen jahrelangen Bluthochdrucks können unter anderem Schlaganfall, Herzinfarkt und Nierenversagen sein. Lediglich jedem dritten Betroffenen ist der eigene erhöhte Blutdruck bekannt. Bei nur knapp 16 Prozent der Hypertoniepatienten in Deutschland ist die Krankheit medikamentös und mit Allgemeinmaßnahmen unter Kontrolle. (ner)

Blutdruck messen mit Riva-Rocci, Korotkow & Co

Klassische Blutdruckmessung:

Die indirekte Blutdruckmessung mit einer aufblasbaren Oberarmmanschette und einem Sphygmomanometer hat der italienische Arzt Scipione Riva-Rocci (1863-1937) erdacht. Durch Aufpumpen der Manschette wird die Armarterie (A. brachialis) komprimiert. Man lässt die Luft solange ab, bis wieder ein Puls am Handgelenk (A. radialis) tastbar ist, also der arterielle Druck den Manschettendruck gerade überwindet. Dieser Luftdruck in der Manschette entspricht dem systolischen Blutdruck. Später kombinierte man die Methode mit dem Abhören der Arterie per Stethoskop auf der Ellenbeuge. Dabei sind pulssynchrone Strömungsgeräusche zu hören (Korotkow-Töne, nach Nikolai S. Korotkow, 1874-1920). Beim Ablassen des Manschettendrucks entspricht der Druck beim Ersterscheinen des Strömungsgeräuschs dem systolischen Blutdruck, der Druck beim vollständigen Verschwinden des Geräuschs (bei Erwachsenen) dem diastolischen Blutdruck. Traditionell wird der Druck noch in Millimeter Quecksilbersäule (mmHg) angegeben, obwohl schon lange keine Messgeräte mit Quecksilber mehr verwendet werden dürfen.

Automatische Blutdruckmessung:

Automatische Geräte messen den Blutdruck oszillometrisch. Das heißt, statt akustischer Signale werden beim allmählichen Ablassen des Manschettendrucks Oszillationen des Manschettendrucks erfasst, bedingt durch den wieder einsetzenden arteriellen Puls im Arm. Diese Oszillationen werden zuerst stärker, dann allmählich schwächer, bis sie ganz aufhören. Gemessen wird der mittlere Blutdruck (Auftreten der größten Oszillation). Systolischer und diastolischer Wert werden mit Hilfe mathematischer Algorithmen berechnet. Weil der Blutdruck im Tagesverlauf stark schwankt, hat sich zur Diagnostik einer Hypertonie die 24-Stunden-Blutdruckmessung mit Automaten bewährt. Dies gilt auch für die Therapiekontrolle. Denn oft lässt sich nicht voraussagen, ob eine morgendliche antihypertensive Medikation noch spät am Abend die gewünschte Wirkung hat.

Direkte Blutdruckmessung:

Sie erfolgt über einen im Blutstrom liegenden Sensor in einer Arterie, der die vom Herzen ausgehende Druckpulswelle registriert. Diese Druckmessung wird, wenn notwendig, auf Intensivstationen oder bei großen Operationen angewendet. Vorteil ist die permanente Registrierung des Blutdrucks und eine im Vergleich zur indirekten Messung höhere Genauigkeit. (ner)

Info

Veranstaltung219 

"Modernes Hypertonie-Management - Gesichertes und Kontroverses"
Donnerstag 20.11.08,
14.30 bis 17.30 Uhr, CCD-Süd, Raum 01
Leitung: Prof. Bernd Krönig, Trier und Prof. Manfred Anlauf, Bremerhaven

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