Ärzte Zeitung online, 20.11.2008

Patientenakten liegen im Trend

Ob in Klinik, Arztnetz oder Medizinischem Versorgungszentrum, Ärzte setzen immer mehr auf digitale Vernetzung. Dabei sind vor allem für Patientenakten interessant.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Patientenakten liegen im Trend

Patientenakten auf Papier - bald ein Auslaufmodell?

Foto: Michael Ilgner©www.fotolia.de

Als der zehnjährige Michael fünf Tage nach seiner Mandeloperation endlich die Kinderklinik am Helios Klinikum Buch verlassen darf, weiß seine Kinderärztin schon Bescheid: Es gab eine kleine Nachblutung, die den Klinikaufenthalt etwas verlängert hat, aber sonst keine schwereren Komplikationen. Die Nachbehandlung soll verlaufen wie üblich. Die niedergelassene Pädiaterin hat die Informationen über den kleinen Michael aus der elektroni-schen Fallakte der Berliner Klinik, einer digitalen Patientenakte, auf die zuweisende Ärzte aus Berlin und Brandenburg von ihrem Praxis-PC aus zugreifen können. In dieser Akte liegt der Entlassbrief zum Herunterladen bereit. Je nach Patient und Erkrankung gibt es aber auch Labordaten, Befunde, Operationsberichte etc. zu sehen, und zwar sobald die Dokumente in der Klinik zur Verfügung stehen.

Bei den niedergelassenen Ärzten kommt das Angebot gut an: Über 200 haben sich allein in Berlin-Buch schon angemeldet. "Bei allen Helios-Kliniken bundesweit dürften es mittlerweile mehr als tausend Ärzte sein, die mitmachen", schätzt der Geschäftsführer des Gesundheits-IT-Anbieters Ispro (Halle 15, C04), Michael Franz. Das Tochterunternehmen der CompuGROUP hat die Fallakte für Helios auf Basis seiner Plattform Jesaja.net umgesetzt.

Helios und CompuGROUP sind bei Weitem nicht die einzigen Akteure in diesem Bereich: So läuft bei den Sana-Kliniken ein ähnliches Projekt, das zusammen mit dem Anbieter NoemaLife (früher: GMD) umgesetzt wird. Hier kommt die Integrationsplattform Galileo zum Einsatz (Halle 15, A48). Die größte elektronische Fallakte - rein zahlenmäßig gesehen - plant die Rhön-Klinikum AG gemeinsam mit Siemens (Halle 10, A18 und Halle 15, F33). "Wir werden in der Endausbaustufe pro Jahr etwa eine Million elektronischer Fallakten erstellen", sagt Rhön-Vorstand Dietmar Pawlik. Rhön geht es nicht nur um die Anbindung der zuweisenden Ärzte, sondern auch um eine effektive Vernetzung mit kooperierenden Kliniken.

Wie so etwas im Alltagsbetrieb ganz konkret aussieht, macht das Universitätsklinikum Aachen vor. Es ist vor Kurzem mit einer elektroni-schen Fallakte auf Basis der IT-Plattform Lorenzo des Unternehmens iSoft (Halle 15, C32) in den Echtbetrieb gegangen. Die Uniklinik nutzt Lorenzo, um sich mit zwei Kooperationspartnern, dem St. Antonius-Hospital in Eschweiler und der Rehabilitationsklinik Schwertbad zu vernetzen. Vor allem Herzpatienten profitieren davon.

Aber auch immer mehr Arztnetze entdecken den Charme der elektronischen Patientenakten. Die Ärzte in den Netzen wollen nicht mehr ständig auf Papier angewiesen sein, wenn sie Patienten innerhalb des Netzwerks weiter überweisen. Und das nicht nur in Deutschland. So hat das Walldorfer Unternehmen ICW (Halle 15, E48) kürzlich 400 Haus- und Fachärzte im Großraum Los Angeles mit seiner Netzakte "Professional Exchange Server" vernetzt.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »