Ärzte Zeitung online, 21.11.2008

Borreliose: das Chamäleon unter den Infektionen

Hautausschlag, Gelenkbeschwerden, "Ischias" und andere Schmerzzustände: Die durch Zecken übertragene Lyme-Borreliose ist das große Chamäleon unter den Infektionskrankheiten.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Borreliose: das Chamäleon unter den Infektionen

Zecken können Borrelien übertragen und sollten zügig entfernt werden.

Foto: www.zecken.de

Patienten mit Borreliose kommen oft zum Hausarzt. Sie kommen aber auch zum Neurologen und zum Hautarzt, zum Internisten und zum Orthopäden", betont Professor Peter Herzer aus München. Auf der Medica in Düsseldorf, der weltgrößten Medizinmesse mit angeschlossenem Kongress, wird der niedergelassene Rheumatologe über die Diagnostik bei Borreliose-Verdacht berichten.

Die Symptompalette bei Borreliose ist genauso bunt wie das Spektrum der konsultierten Ärzte. Die Wanderröte (Erythema migrans) wird als Frühsymptom in aller Regel sofort als solches erkannt: Um den Zeckenstich herum entsteht einige Tage bis Wochen nach Auftauchen des ungebetenen Gastes eine Rötung, die sich ringartig von der Stichstelle nach außen hin ausbreitet. Die Wanderröte kann bei Infektionen jedoch übersehen werden oder auch ganz fehlen.

Gelenkbeschwerden als Zeichen der Gelenkborreliose können da sehr viel unspezifischer sein und werden deswegen häufiger falsch diagnostiziert. "In jedem Fall an eine Lyme-Arthritis denken lassen sollte ein weitgehend schmerzarmer Kniegelenkserguss", so Herzer. Auch am Herzen können sich Borrelien bemerkbar machen, etwa durch Herzrhythmusstörungen oder durch eine ein-geschränkte Pumpfunktion. "Vor allem wechselnde AV-Blockierungen sind hier verdächtig", so Herzer.

Besonderen Wert legt Herzer dabei auf die frühen neurologischen Symptome der Erkrankung. Denn hier führt eine Fehldiagnose mitunter zu unnötigen invasiven Eingriffen, die den Patienten belasten, ohne ihm zu nutzen. Nicht selten werden Borreliose-Patienten zum Beispiel unter dem Verdacht eines Bandscheibenvorfalls behandelt und im ungünstigen Fall deswegen operiert.

Neurologische Symptome

"Dabei sind die neurologischen Symptome der Borreliose relativ typisch, man muss nur danach fragen", so Herzer. Anders als beim Bandscheibenvorfall variieren die heftigen, in Arme und Beine ausstrahlenden Rückenschmerzen nämlich in der Lokalisation. Sie treten gerne in der Nacht auf und sind begleitet von ebenfalls wechselnden Gefühlsstörungen. Zeigt sich schließlich auch noch eine Lähmung der Gesichtsmuskulatur, eine Fazialisparese, dann sollte der Bandscheibenvorfall endgültig vom Tisch sein.

Der dringende Verdacht auf eine Borreliose steht in dieser Konstellation selbst dann im Raum, wenn in der Anamnese nicht über einen Zeckenstich berichtet wird. Festgezurrt wird die Diagnose durch den Nachweis von Borrelien-Antikörpern.

Liquorpunktion wichtig

"Bei der Neuroborreliose ist außerdem immer eine Liquorpunktion angesagt, um die Infektion des ZNS zu belegen", so Herzer. Ist die Diagnose einer Borreliose einmal gestellt, kann der Patient mit Antibiotika behandelt werden. Zumindest in den frühen Stadien der Erkrankung ist die Chance, dass die Beschwerden dadurch komplett ausheilen, sehr hoch.

Doch auch wenn sich das Chamä- leon Borreliose hinter vielen Symptomen verstecken kann: Nicht alle unklaren Beschwerden rechtfertigen die Bestimmung der Borrelien-Antikörper im Blut. "Die Borreliose wird nicht nur oft übersehen, sie wird auf der anderen Seite auch viel zu häufig diagnostiziert", so Herzer.

Vor allem durch den Nachweis von Borrelien-Antikörpern lassen sich einige Ärzte blenden. Dabei sagt ein positiver Borrelien-Titer im Blut alleine nicht viel aus: Zwei bis fünf Prozent der Allgemeinbevölkerung und bis zu zwanzig Prozent der Risikopersonen wie etwa Förster oder Waldarbeiter haben positive Borrelien-Titer im Blut, weil sie mit dem Erreger irgendwann einmal in Berührung gekommen sind. Eine behandlungsbedürftige Borreliose haben sie deswegen noch lange nicht. Dazu kommt, dass die existierenden Borrelien-Tests wenig standardisiert und qualitativ sehr unterschiedlich sind. "Die Methoden, die hier zum Einsatz kommen, sind teilweise überhaupt nicht validiert", so Herzer.

"Ohne typische klinische Symptome keine Labordiagnostik", lautet deswegen Herzers Credo. Der Experte geht sogar noch weiter: "Ich spreche in diesem Zusammenhang oft von einer iatrogenen Borrelien-Angst störung." Soll heißen: Weil zu viele Ärzte sich zu oft durch unnötigerweise bestimmte und dann unglücklicherweise positive Borrelien-Antikörpertiter verunsichern lassen und in der Folge auf Verdacht antibiotisch behandeln, ist die an sich seltene Borreliose mittlerweile zu einer Erkrankung geworden, die in aller Munde ist. Die Folge: Wie andere generalisierte Infektionskrankheiten in der Vergangenheit wird die Borreliose derzeit mit allen möglichen unspezifischen Symptomen in Verbindung gebracht, für die sie gar nicht verantwortlich zeichnet. "Nicht übersehen, aber auch nicht ohne typische klinische Symptome diagnostizieren!", das ist die Botschaft von Herzer zu Borreliose.

Mittagssymposium

"Die Lyme-Borreliose, ein interdisziplinärer Imitator"

Freitag, 21.11.08
13.15 bis 14 Uhr
CCD-Süd Raum 2
Leitung: Professor Peter Herzer, München

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