Ärzte Zeitung online, 22.11.2008

Wenn harmlose Keime lebensbedrohlich werden

Auf der Haut und der Schleimhaut des Menschen leben Heerscharen von Bakterien. Die Keime können bei geschwächter Abwehr Erkrankungen verursachen. Eine Impfung schützt vor einem großen Teil der Erreger.

Von Helga Brettschneider

Wenn harmlose Keime lebensbedrohlich werden

Eine Erkältung kann der Anfang einer schweren Infektion sein: Bakterien, die das Immunsystem sonst in Schach hält, können sich bei geschwächten Abwehrkräften unter Umständen stark vermehren.

Foto: medicalpicture/Novartis Behring

Der Mensch ist ein Biotop: Auf unserem Körper leben Heerscharen von Bakterien. Streptokokken zum Beispiel. Die kugelförmigen Winzlinge finden sich unter anderem im Nasen-Rachen-Raum und auf der Haut. Und eigentlich ist die Besiedlung mit vielen von ihnen normal und fällt oft nicht einmal auf. "Alle Menschen beherbergen immer wieder verschiedene Streptokokken, ohne dass daraus eine Krankheit entsteht", sagt Dr. Björn Jensen von der Universitätsklinik in Düsseldorf. Manchmal verursachen die Keime aber auch schwere Infektionen. Auf der Medica, der weltgrößten Medizinmesse mit angeschlossenem Kongress, wird Jensen bei einem Mittagssymposium über lebensbedrohliche Streptokokken-Infektionen berichten.

Die Einzeller werden zum Beispiel dann gefährlich, wenn die körpereigene Abwehr schwächelt: etwa bei chronischen Krankheiten, bei einem Immundefekt oder einfach wegen hohen Alters. Bakterien, die das Immunsystem sonst in Schach hält, können sich dann unter Umständen stark vermehren. Riskant ist auch, wenn schädliche Keime in die Blutbahn eindringen, etwa über eine Wunde. Denn die Erreger erhalten dadurch potenziell Zugang zu allen Organen. Als Eintrittspforte in den Körper genügen ihnen dabei selbst kleinste Verletzungen von Haut oder Schleimhaut. Unabhängig davon sind auch einige Streptokokken ganz besonders gefährlich.

Zu den lebensbedrohlichen Krankheiten, die Streptokokken auslösen können, zählen Lungenentzündung (Pneumonie), Hirnhautentzündung (Meningitis) und Herzinnenhautentzündung (bakterielle Endokarditis). Häufige Erreger der Endokarditis sind sogenannte Viridans-Streptokokken. Sie leben meist im Mund-Rachenraum und führen zu Karies. Wenn im Mund Wunden entstehen, etwa beim Zähneziehen, können die Erreger in den Blutkreislauf gelangen und am Herzen eine Endokarditis auslösen. Das kann die Herzklappen schädigen und lebensgefährlich werden. Besonders hoch ist dieses Risiko für Patienten mit fehlerhaften, bereits angeschlagenen oder auch künstlichen Herzklappen. Denn an verletzten oder veränderten Klappen können Bakterien sich leicht festsetzen.

Solche Patienten sollten deshalb vor Zahnbehandlungen vorbeugend mit Antibiotika behandelt werden, empfiehlt Jensen. Das gilt auch vor Magen-Darm-Spiegelungen, bei denen es ebenfalls zum Einstreuen von Bakterien in die Blutbahn kommen kann.

Besonders bekannt sind auch Pneumokokken (Streptococcus pneumoniae). Sie können Pneumonien und andere Atemwegsinfekte aber auch Hirnhautentzündungen verursachen. Bei jedem zweiten Mensch ist der Nasen-Rachen-Raum mit den Keimen besiedelt. Die Erreger werden durch Tröpfcheninfektion weitergegeben: Ein kräftiges Niesen des Gegenübers genügt. Meistens lösen jedoch die schon vorhandenen eigenen Pneumokokken eine Krankheit aus.

Nach Angaben des Deutschen Grünen Kreuzes (DGK) sterben jedes Jahr etwa 12 000 Menschen in Deutschland an Pneumokokken-Infektionen, davon jeder zweite innerhalb von nur 48 Stunden. Besonders Lungen- und Hirnhautentzündungen können tödlich enden. Pneumokokken-Meningitis ist dabei mit geschätzten 1100 Kranken im Jahr relativ selten. Weitaus häufiger sind Pneumokokken-Pneumonien mit 100 000 bis 300 000 Erkrankungen pro Jahr, wobei es vor allem Menschen über 50 Jahre trifft. Typisch ist der plötzliche Beginn. "Im einen Augenblick geht es Betroffenen noch gut und ein oder zwei Stunden später fühlen sie sich schwer krank", sagt Jensen. Symptome sind zum Beispiel (schmerzhafter) Husten, eitriger Auswurf, hohes Fieber und Schüttelfrost. Atemfrequenz und Herzschlag sind erhöht. Oft leiden Patienten unter Luftnot. Bei alten Menschen kann das Fieber aber auch fehlen.

Resistente Keime erschweren zunehmend die Therapie

Behandelt wird mit Antibiotika. Die Therapie sollte schnell beginnen, denn bei verzögertem Start sinkt die Überlebenschance. Seit einigen Jahren gibt es zudem ein weiteres Pro-blem: Die Keime werden zunehmend unempfindlich (resistent) gegen einzelne Antibiotika. Das erschwert die Therapie und macht die vorbeugende Impfung umso wichtiger. Der Impfstoff für Erwachsene wirkt gegen 23 besonders weit verbreitete Pneumokokken-Stämme (von über 80!). Die Impfung schützt zwar nicht immer vollständig vor den Infektionen, es wird aber schweren Verläufen vorgebeugt. In Deutschland wird die Impfung allen Menschen über 60 Jahren empfohlen, sowie chronisch Kranken jeden Alters. Dazu gehören etwa Diabetiker Menschen mit Herz-Kreislauf- oder Lungenleiden oder auch Immungeschwächte.

Außerdem wird Kleinkindern im ersten Lebensjahr die Impfung mit einem speziellen (konjugierten) Impfstoff empfohlen, der auch bei einem noch nicht ausgereiften Immunsystem wirksam ist. Der große Nutzen der Impfung ist zum Beispiel in einer Studie in den USA belegt worden. Dort wird der moderne Impfstoff bereits seit acht Jahren breit empfohlen. Lungenentzündungen haben in dem Land bei den unter Zweijährigen stark abgenommen. Die Rate der Klinikeinweisungen wegen Pneumonie wurde binnen fünf Jahren von 11,5 pro 1000 Kinder auf 5,5 im Jahr 2004 mehr als halbiert.

Mittagssymposium

"Lebensbedrohliche Streptokokken-Infektionen"
Samstag, 22. 11. 2008,
13.15 bis 14.00 Uhr,
CCD.Süd, Raum 2
Leitung: Dr. Björn Jensen, Düsseldorf

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