Kongress, 29.05.2009

Staat, Gesellschaft und Medizin "ein wenig geriatrisieren"

Die Zahl der Senioren wächst. Visionen für die älter werdende Gesellschaft aber fehlen, kritisieren Experten.

Von Thomas Hommel

Staat, Gesellschaft und Medizin "ein wenig geriatrisieren"

Die Fakten sind bekannt: 2030 werden etwa 28 Prozent der Bundesbürger über 65 Jahre alt sein. Die Zahl der über 80-Jährigen wird sich verdoppelt haben. Nach Einschätzung von Lea Rosh, bekanntes Gesicht aus TV-Talks, haben sich Gesellschaft und Staat trotzdem nicht auf die ältere Gesellschaft eingestellt. Beleg dafür sei die Situation auf dem Wohnungsmarkt. Nur ein Prozent aller Mietwohnungen sei "altersgerecht angepasst".

Altersgerecht heiße in diesem Fall: Die Wohnhäuser haben Aufzüge, die Türen sind breit genug, damit man auch mit dem Rollstuhl durchkommt. Im Badezimmer sind Duschen eingebaut, weil baden nicht mehr geht. Außerdem verfügten die Wohnungen über eine Notrufzentrale, Dienstleister belieferten die Senioren mit "Essen auf Rädern". Noch sei dies eine Vision, sagt Rosh. "Wenn wir da alle mehr Druck aufbauen, würde sich etwas bewegen."

Bewegen muss sich auch die Medizin. Haus-, Fach- und auch Notärzte müssten "ein wenig geriatrisiert" werden, fordert Professor Elisabeth Steinhagen-Thiessen, Leiterin der Forschungsgruppe Geriatrie an der Charité. Die Kliniken müssten stärker als bisher "Akutmedizin und Rehabilitation miteinander verbinden".

Die Ärztin wünscht sich zudem ein Aufbrechen bestimmter Tabus, die mit dem Alter zusammenhängen. "Wir müssen etwa die Demenz in unsere Lebensmitte holen. Dann gibt es mehr Aufmerksamkeit für das Thema." Und mehr Geld, um die Forschung über die "Krankheit des Vergessens", an der schon heute 1,1 Millionen Bundesbürger erkrankt sind.

"Ältere Menschen brauchen Räume, in denen ihnen Teilhabe ermöglicht wird", so die Einschätzung von Annemarie Gerzer-Sass, Leiterin der Serviceagentur des Aktionsprogramms "Mehrgenerationenhäuser". Mit veränderten Familienstrukturen schwänden selbstverständliche Begegnungen der Generationen. Die Weitergabe von "Erziehungswissen und Alltagskompetenzen" gehe verloren, aber auch Erfahrung und Hilfe der älteren Generation für die jüngere Generation blieben oft ungenutzt. "Das müssen wir ändern."

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