Medica Aktuell, 20.11.2009

Auch alte Menschen können neue Herzklappen bekommen

Auch alte Menschen können neue Herzklappen bekommen

Die Lebenserwartung von Männern und Frauen in Deutschland ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Somit gibt es auch immer mehr Patienten mit typischen Alterskrankheiten. Dazu gehören Erkrankungen der Herzklappen wie Aortenklappenstenose. Diese lassen sich jetzt auch minimal-invasisv implantieren.

Von Peter Overbeck

Die häufigste Herzklappenerkrankung in den westlichen Industrieländern ist die so genannte Aortenklappenstenose. Damit bezeichnen Experten eine kritische Verengung an der Aortenklappe, die zwischen der linken Herzkammer und der Hauptschlagader, der Aorta, lokalisiert ist. Die Aortenklappe ist aus drei halbmondförmigen Taschen geformt. Ursache der Verengung ist eine mit dem Alter zunehmende Verkalkung im Klappenbereich. Besonders häufig tritt sie bei Menschen in der 8. oder 9. Lebensdekade auf.

Auch alte Menschen können neue Herzklappen bekommen

Mit einem neuen Verfahren wird eine biologische Herzklappe aus Rinder- oder Schweinegewebe, die auf der Spitze eines Drahts (Herzkatheters) montiert ist, mit Hilfe dieses Katheters bis zur erkrankten Aortenklappe vorgebracht und dort bei schlagendem Herzen fixiert und entfaltet.

Foto: Herz- und Gefäßzentrum Bad Bevensen

In der Regel schreiten die Veränderungen an der Aortenklappe über einen längeren Zeitraum voran, ohne dass die Betroffenen etwas davon merken. Ernst wird es, wenn das Herz nicht mehr genug Kraft hat, das Blut aus der linken Herzkammer durch die verengte Öffnung an der Aortenklappe in die Hauptschlagader zu pumpen. Durch den Rückstau des Blutes wird Körperflüssigkeit in die Lungen gedrückt; es kommt zur Lungenstauung, zum Lungenödem. Es treten typische Beschwerden auf: Engegefühl in der Brust (Angina pectoris), Atemnot unter Belastung oder sogar in Ruhe und Anfälle von Bewusstlosigkeit. Experten sprechen dann von einer Herzschwäche (Herzinsuffizienz).

Herkömmliche Operation birgt Risiken bei alten Menschen

Durch einen chirurgischen Eingriff, bei dem die defekte durch eine neue künstliche Aortenklappe ersetzt wird, lassen sich die Beschwerden und auch die Lebenserwartung aber deutlich verbessern. Allerdings ist diese Operation, bei der der Brustkorb und auch das Herz selbst geöffnet werden müssen und eine Herz-Lungen-Maschine vorübergehend die Arbeit des Herzens übernimmt, nicht ohne Risiken. Gerade bei vielen älteren Patienten, bei denen schwere Begleiterkrankungen der Nieren oder der Lunge relativ häufig sind, halten Herzchirurgen eine Operation wegen zu großer Risiken für nicht mehr vertretbar.

Für diese Patienten gibt es jetzt eine vielversprechende Alternative zur Standardoperation: die minimal-invasive Implantation neuer Aortenklappen mit Hilfe eines Herzkatheters. Minimal-invasiv bedeutet, dass dabei durch einen nur kleinen operativen Zugang und den Verzicht auf die Herz-Lungen-Maschine die Belastung durch den Eingriff für die Patienten erheblich verringert werden kann.

Via Leistenarterie wird der Katheter ins Herz geschoben

Bei dem neuen Verfahren wird eine biologische Herzklappe aus Rinder- oder Schweinegewebe, die auf der Spitze eines Drahts (Herzkatheters) montiert ist, mit Hilfe dieses Katheters bis zur erkrankten Aortenklappe vorgebracht und dort bei schlagendem Herzen fixiert und entfaltet. Der Katheter kann dabei über die Leistenarterie in das Herz vorgeschoben werden, oder der Zugang erfolgt durch einen kleinen Schnitt im Brustbereich über die Herzspitze.

Die neue Methode wird in Deutschland mittlerweile von mehreren herzchirurgischen Kliniken angeboten. Pionierarbeit auf dem Forschungsgebiet der minimal-invasiven Klappenchirurgie leistete unter anderen die Arbeitsgruppe um Professor Friedrich-Wilhelm Mohr am Herzzentrum der Universität Leipzig, der bei der Medica, der weltgrößten Medizinmesse mit angeschlossenem Kongress, als Vorsitzender des Symposiums "Künftige Trends in der Herzchirurgie" zum Thema referieren wird.

Die technische Machbarkeit der kathetergestützten Aortenklappen-Implantation ist inzwischen weltweit an vielen Zentren demonstriert worden. Die dabei erzielten Behandlungsergebnisse sind vielversprechend. Allerdings sind die Beobachtungszeiträume noch relativ kurz.

Sollten die bisherigen guten Ergebnisse aber auf breiterer Basis und besonders im Langzeitverlauf bestätigt werden, könnte die neue Methode des Aortenklappenersatzes in naher Zukunft nach Ansicht von Experten zu einer echten Alternative zur konventionellen Operation bei einer größeren Zahl von Patienten werden.

Veranstaltung 301.1

Medica International:
Future Trends in Cardiac Surgery
In Englisch

Friday, 20 November,
10 to 11.30 a.m.,
CCD-Süd, Ground Floor, Room 01

Chair: Professor F. W. Mohr,
Leipzig

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