Medica Aktuell, 20.11.2009

Kontinent werden, kontinent bleiben

Kontinent werden, kontinent bleiben

Inkontinenz: Wer die Scham überwindet, hat gute Aussicht auf wirksame Hilfe. Incontinence: people who get over their embarrassment have good chances of effective help.

Von Kerstin Nees

Für Patienten mit Stuhl- oder Harninkontinenz gibt es wirksame Therapien. Auf der Medica in Düsseldorf, der weltgrößten Medizinmesse mit angeschlossenem Kongress, werden Inkontinenz-Experten darüber berichten.

Harninkontinenz ist in der öffentlichen Wahrnehmung das etwas geringere Problem. Die Störung lässt sich mit dem Wort Blasenschwäche unverfänglich umschreiben. Hartnäckig hält sich hingegen das Tabu im Umgang mit Stuhlinkontinenz. Die Sprachlosigkeit überwinden zu helfen, ist ein Ziel der Veranstaltung auf der Medica.

"Über die Muskelschwäche des Beckenbodens sollte man genauso selbstverständlich reden können, wie etwa über die Herzmuskelschwäche", sagt Professor Günter Heinrich Willital aus Münster, der das Symposium leitet. Nur dann lasse sich für jeden Einzelnen eine passende Therapie finden. Ansprechpartner für eine interdisziplinäre Therapie sind Urologen, Internisten, Kinderärzte, Chirurgen sowie Hausärzte und Physiotherapeuten. Fünf bis sechs Millionen Deutsche leiden nach Schätzung des Kinderchirurgen aus Münster an unkontrolliertem Stuhl- oder Urinabgang.

Ursachen gibt es viele: häufig ist eine Schwäche der Beckenbodenmuskulatur, aber auch Verletzungen, angeborene Fehlbildungen oder neurologische Erkrankungen kommen infrage. Vor allem bei unwillkürlichen Urinverlust bei Belastung (Belastungsinkontinenz) ist Beckenbodentraining möglichst unter Anleitung von Physiotherapeuten ein Grundpfeiler der Therapie. "Wenn man die richtige Muskulatur anspannt, hilft das sehr gut", erklärt Professor Daniela Schultz-Lampel vom Kontinenzzentrum Südwest am Klinikum Schwenningen. Um das Gefühl für den Beckenboden zu schulen, gibt es technische Hilfsmittel. Damit wird die Muskulatur zum Beispiel durch Elektrostimulation oder Magnetverfahren zum An- und Entspannen gebracht. Hilfreich kann auch ein Training unter optischer Kontrolle der Muskelspannung sein (Biofeedback).

Bei der Therapie von Frauen mit überaktiver Blase setzt man neuerdings auch auf Botox. Das Medikament, mit dem Muskeln gezielt über Monate gelähmt werden können, wird in die Blase gespritzt. "Noch ist die Behandlung nicht zugelassen, aber die Ergebnisse sind fantastisch", sagt Professor Schultz-Lampel.

Von der Elektrostimulation zum Schließmuskeltraining profitieren auch Patienten mit Stuhlinkontinenz. Willital: "Das ist wie ein Fieberthermometer, das in den After eingeführt wird. Darüber gibt man einen Impuls. Das ist weder unangenehm, noch schmerzhaft." Ebenfalls wichtig ist ein Koordinationstraining. Ziel ist, die Wahrnehmung der Darmfüllung zu schulen.

"Wenn das Bewusstsein da ist, kann der Patient rechtzeitig eine Toilette aufsuchen, auch wenn der Muskel schwächer ist", so Willital. Bei Stuhlinkontinenz könnten auch spezielle Tampons zum Einführen in den Enddarm das Problem entschärfen. Diese saugen sich fest und verschließen den Darm für sechs bis sieben Stunden. Beim Gang auf die Toilette kann der Tampon mit einem Rückholfaden entfernt werden. "Das braucht etwas Gewöhnung", so Willital. "Aber es gibt Tausende von Menschen, die damit zurecht kommen und auch Sport treiben."

Veranstaltung 327

"Beckenboden-Muskelschwäche:
Prävention - Interdisziplinäre
Therapie - Pflege"

Freitag, 20. November,
14:30 bis 17:30 Uhr,
CCD Süd, Raum 7a

Leitung: Professor Günter Heinrich Willital, Münster

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