Ärzte Zeitung, 20.05.2009

"Ärzte sollten sich für die Betreuung von Behinderten öffnen"

Mehr Interesse und Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse von Menschen mit mehrfacher oder geistiger Behinderung fordert Professor Michael Seidel - nicht nur von Ärzten, sondern auch von der Gesellschaft.

"Ärzte sollten sich für die Betreuung von Behinderten öffnen"

Michael Seidel
Geboren 1950 in Dresden. Seit 1991 leitender Arzt der Bodelschwinghschen Anstalten Bethel.

Ärzte Zeitung: Herr Professor Seidel, warum ist die Versorgung von Erwachsenen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung in Deutschland kaum ausgebaut?

Prof. Michael Seidel: Definitive Ursachen kann ich nicht benennen, wobei auch Traditionen und Ausgrenzung eine Rolle spielen. Für behinderte Kinder und Jugendliche haben wir ein einigermaßen zufriedenstellendes System zur medizinischen Versorgung. Neben der Regelversorgung gibt es Frühförderstellen und Sozialpädiatrische Zentren. Erwachsene finden keine vergleichbare Versorgungsstruktur vor. Es bleibt nur die Regelversorgung, die aber nicht auf die Bedürfnisse eingestellt ist. Nur wenige große Träger der Behindertenhilfe können einen medizinischen Dienst anbieten.

Ärzte Zeitung: Wie kann sich die medizinische Versorgung ändern?

Seidel: Die Ärzteschaft sollte sich mehr für die Versorgung von Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung öffnen. Wir brauchen eine bessere Aus-, Fort- und Weiterbildung für Ärzte zum Thema Behinderung. Als Ergänzung zum medizinischen Regelversorgungssystem benötigen wir ambulant tätige Medizinische Zentren für Erwachsene mit geistiger und mehrfacher Behinderung. Diese sollten auch Kompetenzzentren zur Beratung und Unterstützung für Niedergelassene werden. Der Mehraufwand in der ärztlichen Versorgung muss besser vergütet werden und sich in speziellen Ziffern im EBM widerspiegeln.

Ärzte Zeitung: Kann die Versorgung durch Geriater ein Weg sein, bis solch eine Struktur geschaffen ist?

Seidel: Das sehe ich sehr skeptisch. Es ist richtig, Ärzte, die sich mit der Altersmedizin beschäftigen, kommen oft gut mit kognitiven Einschränkungen ihrer Patienten zurecht. Aber per se kann ich Erwachsene mit geistiger Behinderung nicht den Geriatern zuschieben. Wichtig bei der Betreuung von Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung ist nicht nur die fachliche Kompetenz. Auch Kommunikation, Respekt und die Achtung des Selbstbestimmungsrechtes gehören zu einer bedarfsgerechten Versorgung.

Ärzte Zeitung: Hat die schlechte Versorgungssituation etwas mit der kaum vorhandenen Integration von Behinderten in die deutsche Gesellschaft zu tun?

Seidel: In einigen EU-Ländern wie zum Beispiel in Dänemark oder in den Niederlanden scheint die Inte-gration selbstverständlicher gelungen als bei uns. Die Diskussion kommt jetzt aber auch in Deutschland auf, es gibt eine wachsende Lobby. Im Gesundheitswesen müssen Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung ohne jede Benachteiligung versorgt werden.

Die Fragen stellte Rebecca Beerheide

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