Ärzte Zeitung online, 20.04.2009

"Evolution der Medizin birgt Konfliktpotenzial"

Die Evolution der Medizin bringt auch Herausforderungen für Gesundheits- und Sozialsysteme, sagt Kongresspräsident Rainer Kolloch. Wir dokumentieren Auszüge des Manuskripts seiner Eröffnungsrede.

Von Rainer Kolloch

"Evolution der Medizin birgt Konfliktpotenzial"

"Erhalt der Mobilität im weitesten Sinne ist eine wichtige Aufgabe der Medizin und lässt sich auch im hohen Alter erfolgreich umsetzen." Kongresspräsident Professor Rainer Kolloch Evangelisches Krankenhaus Bielefeld

(...) Die Lebenserwartung ist kontinuierlich gestiegen. Heutzutage sind die meisten Menschen im Alter über 65 Jahre gesünder, aktiver und auch in Bezug auf mentale und kognitive Leistungsfähigkeit besser gestellt als frühere Generationen (...) Als eine wesentliche Ursache für diese Entwicklung wird der Rückgang von Herz-Kreislauf-Erkrankungen - insbesondere der koronaren Herzkrankheit seit Beginn der 70er Jahre - angesehen: In der Zeit von 1978 bis 2004 hat die Inzidenz der koronaren Herzkrankheit um 62 Prozent abgenommen. (...)

Wie wird es weitergehen? Gibt es neue wissenschaftliche Ansätze, die als Vision eine Fortsetzung dieser Entwicklung möglich erscheinen lassen? Neuere und vielversprechende Ergebnisse aus der Grundlagenforschung lassen es möglich erscheinen, organübergreifende und grundlegende Mechanismen auf zellulärer Ebene zu nutzen. Die Entstehung und Progression von Organschädigung und Krankheit könnten im Sinne einer frühzeitigen Prävention dadurch verhindert werden.

Beispiele für derartige Ansätze sind: Die zurzeit sehr aktiv betriebene Forschung zur Bedeutung endo-thelialer Progenitorzellen. (...) Ein weiteres Beispiel ist die Beeinflussung des programmierten Zelltods, der Apoptose. (...)

(...) Die Evolution der Medizin beinhaltet aber neben möglichen Vorteilen auch erhebliche Herausforderungen und Konfliktpotenzial nicht nur für die Medizin, sondern für die Gesundheits- und Sozialsysteme und die Gesellschaft insgesamt. Der amerikanische Arzt, Pulitzer-Preisträger und Exponent der geriatrischen Medizin, Dr. Robert N. Butler, spricht in diesem Zusammenhang von der Longevity Revolution, "der Langlebigkeitsrevolution". Er beschreibt in differenzierter Weise den Nutzen und die Herausforderung eines langen Lebens. Zwangsläufig ergeben sich aus dieser Fokussierung zahlreiche ungeklärte Fragen:

1. Wie kann Langlebigkeit finanziert werden?

2. Wie könnten nachfolgende Generationen mit zunehmender Langlebigkeit zurechtkommen?

3. Wie kann die medizinische und soziale Maschinerie besser organisiert werden, um hinzugekommene Lebensjahre mit Lebensqualität auszufüllen?

4. Wie können Ressourcen dieser Welt angemessen eingesetzt oder ausgenutzt werden, angesichts eines relativen Rückgangs der Geburtenzahlen mit starker Zunahme des Anteils der alten Bevölkerung?

Es wird hochgerechnet, dass der Anteil der über 65-Jährigen in der Bevölkerung in den nächsten Jahren stark zunehmen und sich in einigen Ländern sogar verdoppeln wird. Aber macht eine Regelung Sinn, die verdienstvolle und leistungsfähige Menschen mit 65 Jahren in den Ruhestand verabschiedet? Eine Lebensphase, in der der jugendliche Leitsinn - fast - verschwunden ist und es mit der Altersweisheit noch ein wenig Zeit hat…

Was heißt eigentlich Alter?

Goethe vollendete mit 82 Jahren den Faust.

Adenauer begann seinen Bestseller, nämlich seine Memoiren, mit 87 Jahren - bis dahin war er Kanzler.

Michelangelo entwarf mit 90 Jahren die Kuppel des Petersdoms.

Und Tizian malte mit beinahe 100 Jahren noch die herrlichsten Bilder.

So gesehen könnte man meinen, dass mit oder ab 65 das Schönste im Leben noch bevorsteht. Voraussetzung dafür sind aber einige wesentliche Dinge, die man mit dem Motto zusammenfassen kann: "Gesund alt werden".

Die Integration und das Funktionieren in der Gesellschaft mit Erhalt der Autonomie sind dabei wesentliche Ziele. Die Erhaltung kognitiver und mentaler Funktionen und der physischen Mobilität sind dabei wichtige Ansatzpunkte für eine altersorientierte Medizin.

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat in diesem Zusammenhang einmal geäußert: "Wenn Sie einen Menschen restlos depressiv machen wollen, dann entziehen Sie ihm den Führerschein! Das ist eine Art von kinetischer Kastration mit der zu leben die Bürger unserer Zeit schlechterdings nicht fähig sind."

Erhalt der Mobilität im weitesten Sinne ist somit eine wichtige Aufgabe der Medizin und lässt sich auch bei Menschen im hohen Alter durch geeignete Maßnahmen erfolgreich umsetzen.

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