Kongress, 06.05.2010

Das niederländische System - ein Vorbild?

Das niederländische System - ein Vorbild?

Immer mal wieder werden die Niederlande als Vorbild genannt, wenn es um die Zukunft der Gesundheitsversorgung in Deutschland geht. Aber was taugt das von Experten oft über den grünen Klee gelobte Versorgungssystem unserer Nachbarn wirklich?

Von Anno Fricke

Das niederländische System - ein Vorbild?

Stolze Fahne, leicht ausgefranst: Die Niederlande gehen bei der Versorgung einen Weg, der in Deutschland auf großes Interesse stößt. © Imagebroker / Imago

Vor einschneidenden Reformen ihrer Gesundheitssysteme stehen die meisten modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften. In Deutschland haben sich die Koalitionspartner - vereinfacht ausgedrückt - darauf geeinigt, die Krankenversicherungskosten von den Lohnkosten zu entkoppeln und den sozialen Ausgleich ins Steuersystem zu verlegen. In den Niederlanden ist dies zum Teil bereits 2006 geschehen. Taugt unser Nachbarland daher besonders gut als Vorbild für die geplante Gesundheitsreform?

Die Niederländer haben ihren Krankenversicherungsmarkt privatisiert und eine einkommensunabhängige Gesundheitsprämie eingeführt. Die liegt derzeit bei rund 1200 Euro und Kopf im Jahr, nachdem sie 2006 mit rund 1050 Euro gestartet war. Wen die Prämie zu stark belastet, der erhält vom Staat einen monatlichen Zuschuss. Das sind inzwischen rund 70 Prozent der Versicherten. Seit 2006 sind die Kosten des steuerfinanzierten Ausgleichs von 2,5 auf 3,7 Milliarden Euro gestiegen.

Einen zusätzlichen Ausgleich stellt das System her, indem die Arbeitgeber weiterhin an seiner Finanzierung beteiligt sind. Etwa sieben Prozent der Einkommen fließen in einen zentralen Topf. Daraus speist sich der Risikostrukturausgleich für die Versicherer. Dieser Betrag muss die Hälfte der Einnahmen der Basisversicherung ausmachen.

Senken können die Niederländer ihre Beiträge durch Selbstbehalte von 100 bis 500 Euro. Wer im System pro Jahr nicht mehr als 255 Euro Kosten verursacht, bekommt 255 Euro an Prämie erstattet. Damit sich die Niederländer dafür nicht krank sparen, sind Besuche beim Haus- und Kinderarzt von dieser Anreizregelung ausgenommen.

Jeder Niederländer über 18 Jahren muss sich selbst versichern. Kinder sind kostenlos mitversichert. Zur Auswahl steht ein bei allen Versicherern einheitliches Basis-Leistungs-Paket. Das besteht aus einer Pflichtversicherung für Langzeitpflege und -betreuung und einer Versicherung für Heilbehandlungen.

Das Leistungspaket enthält die hausärztliche Versorgung einschließlich der Versorgung mit Medikamenten, die Überweisung an Fachärzte und kleinere Operationen. Ambulante und stationäre Versorgung im Krankenhaus sind inbegriffen. Dazu gibt es einige Sondervereinbarungen, etwa zur Dialyse

Den Paketinhalt hält das niederländische Gesundheitsministerium für einen "angemessenen Gesundheitsschutz". Regelungen zu neuen Heilbehandlungen und Innovationen aus der pharmazeutischen Industrie fehlen indes weitgehend. Über ihre Einführung und Erstattungsfähigkeit stimmen die Ärzte in ihrem Praxisalltag ab. Ein systematisches Verfahren fehlt, um die Erstattungsfähigkeit von Innovationen zu ermitteln. Alles, was an Versorgung über ihr Paket hinausgeht, gilt der Regierung demnach als Luxus und muss privat abgesichert werden. Dafür bieten die Versicherer private Zusatzversicherungen an. Anders als beim Basispaket besteht für sie dafür kein Kontrahierungszwang.

Versicherte können zwischen einem Sachleistungs- und einem Kostenerstattungsmodell wählen. Auch Kombinationen der beiden Verfahren sind möglich. Das reine Sachleistungsmodell schränkt die Wahlmöglichkeiten des Versicherten ein.

Dort besteht der Wettbewerb vor allen Dingen darin, dass die Versicherer Selektivverträge mit Leistungserbringern abschließen. Darüber steuern sie die Patientenströme und ihre Kosten gleichermaßen. Wer die Kostenerstattung gewählt hat, kann zum Arzt seines Vertrauens gehen, auch wenn der nicht auf der Liste seines Versicherers steht. Der erstattet dann nur den in den Niederlanden normalen Marktpreis für die in Anspruch genommene Leistung.

Ob das niederländische Modell für Deutschland taugt, ist umstritten. Die Holländer hätten es nur auf sich zugeschnitten, heißt es aus Kreisen der GKV. "Zu teuer und zu wettbewerbsfeindlich", lautet der Kommentar der deutschen Privatversicherer. Nur noch vier Konzerne teilten mehr als 90 Prozent des Marktes unter sich auf, beklagt die PKV.

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