Medica Aktuell, 18.11.2011

Notfallmedizin lernt von Soldaten

Durch den Einsatz in Afghanistan hat die Bundeswehr inzwischen viel Erfahrung mit der Versorgung von Schwerstverletzen gesammelt. Das kann auch der Notfallmedizin im Inland zugutekommen.

Von Rebecca Beerheide

Notfallmedizin lernt von Soldaten

Sauerstoffversorgung während Katastrophenschutzübung mit der Bundeswehr: Soldaten machen manches anders als zivile Notärzte.

© GASPA / imago

DÜSSELDORF. Die Medizinische Versorgung von Verwundeten im Auslandseinsatz der Bundeswehr erfordert eine andere Prioritätensetzung als der zivile Notfalleinsatz im Inland. Darauf hat Professor Lorenz Lampl vom Bundeswehrkrankenhaus Ulm auf der Medica hingewiesen.

"Von unserer speziellen Erfahrungen im Auslandseinsatz kann auch viel für die Versorgung von zivilen Opfern bei Terror- oder Naturkatastrophen gelernt werden", erklärte Lampl, der die Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin in Ulm leitet. Er plädierte für einen stärkeren Austausch zwischen Notfallmedizinern und Intensivmedizinern der Bundeswehr.

Das Rettungsprogramm umfasst drei Phasen

Im Auslandseinsatz werden verwundete Soldaten nach dem vom US-Militär entwickelten Programm "Tactical Combat Casualty Care" (TCCC) versorgt. Das Rettungsprogramm ist in drei Phasen unterteilt: In der Feld-Situation, direkt nach der Verwundung, müssen weitere Verletzungen vermieden werden.

Je nach Einsatz kann möglicherweise ein Arzt, der beispielsweise eine Patrouillefahrt begleitet hat, die Erstversorgung übernehmen, in anderen Fällen müssen speziell ausgebildete Soldaten den Patienten stabilisieren. In dieser Situation bringen vor allem äußere Blutungen Lebensgefahr.

Priorität auf Stoppen der Blutung

Hier liegen laut Lampl die vermeidbaren Todesfälle von Soldaten bei zehn bis 15 Prozent. Daher müsse zunächst die Priorität auf das Stoppen der Blutung mit Hilfe von Druckverbänden gelegt werden.

In der zweiten Phase werden Verletzte aus der Gefahrenzone herausgebracht - dann folgt so schnell wie möglich die Stabilisierung der Herz-Kreislauf-Funktionen. Falls das kein Arzt übernehmen kann, wird die Versorgung beispielsweise eines Spannungs-Pneumothorax oftmals auch von speziell ausgebildeten Soldaten übernommen.

"Heute stehen sogar spezielle Instrumente zur Verfügung, die es ermöglichen, selbst Laien in der vorübergehenden Sicherung der Atemfunktion zu trainieren", erklärt Dr. Björn Hossfeld vom Bundeswehrkrankenhaus Ulm. Bisher lag das Atemwegsmanagement vor allem in der Hand von Ärzten oder medizinischen Hilfskräften, die Soldaten im Feld begleiteten.

Das ABC der Versorgung im Notfall wird zum CBA

"Mit dem von den Amerikanern entwickelten TCCC drehen wir das gängige ABC der Notfallmedizin in ein CBA um", erklärt Professor Lampl.

Während in der zivilen Notfallmedizin die Priorität zunächst auf der Stabilisierung der Atmung (A), dann auf dem Stoppen der Blutung (B) und danach auf der Stabilisierung der Zirkulation (C) liegt, muss dies laut Lampl in Kriegseinsätzen umgedreht werden: Zunächst wird - in Phase eins - die Zirkulation (C) stabilisiert und die Blutung (B) gestoppt.

Sobald der Soldat in abgesichertem Gebiet ist - oftmals ist er in dem Moment noch nicht in einem Feldlager -, kann auch die Atmung (A) stabilisiert werden. Soldaten werden in der dritten Phase evakuiert, zunächst in kleinere Feldlazarette gebracht und je nach Verletzung so schnell wie möglich zurück nach Deutschland geflogen.

Transall-Flugzeuge für intensivmedizinische Behandlung auch auf Langstreckenflügen

Dafür hat die Bundeswehr vier entsprechend ausgestattete C-160 Transall-Flugzeuge, einen Airbus A-310 sowie A-319 und eine CL-601 Challenger-Maschine.

Diese Maschinen können, wenn nötig, mit bis zu sechs intensivmedizinischen Transporteinheiten ausgerüstet werden, mit denen auch auf einem Langstreckenflug "intensivmedizinische Behandlung auf hohem Standard" gewährleistet werden kann, erklärt Dr. Thomas Dietze vom Bundeswehrkrankenhaus in Koblenz.

Lorenz Lampl vom Bundeswehrkrankenhaus Ulm wirbt dafür, die Erkenntnisse aus der Kriegsmedizin stärker in die zivilen Notfallrettung sowie zivilen Rettungsdienst einfließen zu lassen.

"Auch bei der chirurgischen Erstversorgung kann beispielsweise für die Vorbereitung auf Terror- oder Katastrophenfälle von den Erfahrungen der Bundeswehr gelernt werden", erklärt Lampl. So gehe es in der Erst-Versorgung nicht um eine definitive Ausversorgung, erklärt Lampl, sondern viel mehr um die Sicherstellung der Transportfähigkeit.

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