Medica Aktuell, 18.11.2011

Zielgerichtet gegen Darmkrebs

Multimodale Therapien mit zielgerichteten Wirkstoffen sind bei Darmkrebs in der Routine angekommen. Onkologen ziehen Bilanz über diese "targeted therapies".

Von Stefan Käshammer

Zielgerichtet gegen Darmkrebs

Bei Darmkrebs sind zielgerichtete Therapien keine exotischen Optionen mehr.

© Sebastian Schreiter, Springer Verlag

DÜSSELDORF. Pro Jahr wird in Deutschland bei über 63 000 Patienten ein kolorektales Karzinom (KRK) neu diagnostiziert.

Das traditionelle onkologisch-therapeutische Trio von Operation, Bestrahlung und Chemotherapie wird seit einigen Jahren durch neue Entwicklungen von spezifischen zielgerichteten ("targeted") Therapien zum Quartett erweitert, wie Professor Henning Schulze-Bergkamen aus Heidelberg berichtet.

Die neuen Wirkstoffe greifen auf molekularer Ebene in den Tumorstoffwechsel ein.

Konzept der multimodalen Therapieverfahren gewinnen an Bedeutung

Monoklonale Antikörper wie Bevacizumab, Cetuximab und Panitumumab sind bereits seit 2006 in Kombination mit Chemotherapie bei Patienten mit fortgeschrittenem oder metastasiertem KRK zugelassen.

Insgesamt gewinnt das Konzept der multimodalen Therapieverfahren, also der individuellen Kombination von Operation, Chemotherapie, Bestrahlung und zielgerichteten Wirkstoffen an Bedeutung, so Schulze-Bergkamen.

Der Mutationsstatus des KRAS-Gens habe sich zum Beispiel als prädiktiver Marker für eine Behandlung der Patienten mit Antikörpern gegen den epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptor (EGF-Rezeptor) fest etabliert.

Bei kolorektalem Karzinom (KRK) mit potentiell operablen Leber-Metastasen und unverändertem KRAS-Gen - als Wildtyp-Status bezeichnet - ist etwa die Therapie mit dem Anti-EGF-Rezeptor-Antikörper Cetuximab in Kombination mit einer Chemotherapie eine gute Option. Das sei bereits 2007 in der CRYSTAL*-Studie belegt worden.

In Phase-III-Studien verbessertes Überleben belegt

Bei fortgeschrittenem KRK im Stadium IV und der Palliativsituation konnte in Phase-III-Studien sowohl für die Kombination einer Chemotherapie mit dem Anti-VEGF-Antikörper Bevacizumab, als auch für eine Chemotherapie plus Cetuximab oder Panitumumab ein verbessertes Überleben belegt werden.

In der adjuvanten Therapie, also nach operativer Resektion des Tumors, sind zielgerichtete Substanzen bislang noch nicht etabliert, sagt Schulze-Bergkamen. Entsprechende Studien hätten keinen zusätzlichen Nutzen für die Patienten ergeben.

Weitere Konzepte mit zielgerichteten Therapie und Kinasen werden geprüft

Einige weitere Konzepte mit zielgerichteten Therapien werden derzeit klinisch geprüft. Dazu gehören Antikörpertherapien gegen den Hepatozyten-Wachstumsfaktor oder den "Insulin-like Growth Factor Receptor-1".

Zudem laufen in Deutschland klinische Studien mit Anti-EGF-Rezeptor-Antikörpern, bei denen die Antikörper-induzierte Immunantwort durch eine Glykosylierung noch verstärkt wurde.

Auch Hemmstoffe von Kinasen, zum Beispiel der Kinase MEK oder Multikinase-Hemmer, werden bereits geprüft. MEK steht für MAP-Kinase-ERK-Kinase und ERK für "extracellular regulated MAP-Kinase".

"Zielgerichtete Wirkstoffe werden die Therapie bei KRK in den nächsten Jahren noch erweitern", so Schulze-Bergkamen. Mit der zunehmenden Zahl neuer Marker, die das Ansprechen auf etablierte Therapieschemata vorhersagen, ist die individualisierte Therapie bei Patienten mit KRK in der Gegenwart angekommen.

*CRYSTAL: Cetuximab combined with iRinotecan in first line therapY for metaSTatic colorectAL cancer

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Hypertonie in jungen Jahren erhöht Risiko für den Nachwuchs

Das Alter, in dem sich ein Bluthochdruck manifestiert, beeinflusst nicht nur die persönliche Prognose eines Patienten, sondern wohl auch das Erkrankungsrisiko seiner Kinder. mehr »

Medienanamese künftig Bestandteil der U-Untersuchungen?

Schon bei Babys und Kleinkindern machen sich die Folgen übermäßigen Medienkonsums bemerkbar. Das geht aus der neuen BLIKK-Studie hervor. Pädiater reagieren besorgt. mehr »

Deutsche überschätzen Ebola-Gefahr und unterschätzen Masern

Im Mittelpunkt medialer Berichterstattung stehen meist große globale Bedrohungen wie Ebola und Zika. Doch Experten haben ganz andere übertragbare Erkrankungen im Visier. mehr »