Ärzte Zeitung, 11.05.2015

Kommunikation

Brauchen Ärzte Nachhilfe-Unterricht?

Sie ist umfassend erforscht worden und doch gibt es im Versorgungsalltag oft immer noch gravierende Defizite: Die Arzt-Patienten-Kommunikation soll eines der Kernthemen des Ärztetags in Frankfurt werden.

Von Christoph Fuhr

Kommunikation auf dem Prüfstand

Auf dem Prüfstand: Kommunikation zwischen Arzt und Patient.

© Raths/fotolia.com

Frankfurt/Main. Es ist ein Tag, den der 35-Jährige, seit Kurzem verheiratete Mann sein ganzes Leben lang nie vergessen wird: Seine Frau ist bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt worden, jetzt steht er im Krankenhaus und wartet auf Informationen.

Ein Oberarzt der Chirurgie erscheint. "Guten Tag, mein Name ist Dr. X", sagt er, "ich habe Ihre Frau operiert. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass nichts zu machen war. Sie ist tot. Mein herzliches Beileid. Auf Wiedersehen."

Kurz, korrekt, ehrlich - ist das in dieser Situation eine legitime Form, als Arzt die schlimme Botschaft vom Unfalltod zu vermitteln? Verzweiflung und Schock sind doch beim Ehemann sowieso unvermeidbar, also besser die Katastrophe präzise und bündig kommunizieren und der Rest ist schlicht und ergreifend Schicksal?

Die Literatur zeigt, dass Patienten diese - im Beispiel zweifellos stark überspitzt dargestellte - Art der Diagnosemitteilung kategorisch ablehnen, sie wird als zynisch erlebt und nicht selten wie eine zusätzliche Traumatisierung verarbeitet.

Die Empfänger der Unglücksbotschaft - ganz gleich, ob das Patienten oder Angehörige sind - erwarten Empathie, die Fähigkeit des Arztes, sich in ihre spezielle Situation hineinzuversetzen.

Metaanalyse mit 106 Studien

Man wird nicht behaupten können, dass das Thema Arzt-Patienten-Kommunikation in der Forschung bisher zu kurz gekommen sei.

Es gibt reichlich wissenschaftliche Aufsätze und Bücher, die alle nur denkbaren Facetten dieser speziellen Interaktion sowohl theoretisch als auch in ihrer praktischen Konsequenz beleuchtet haben.

So hat etwa eine Metaanalyse auf der Basis von 106 Studien ergeben, dass eine gute Arzt-Patienten-Kommunikation zu höherer Adhärenz führt.

Patienten halten sich danach mehr als doppelt so häufig an die Therapieempfehlungen des Arztes, wenn dieser ein guter Kommunikator ist. Wenn die behandelnden Ärzte an einer Fortbildung zum Thema Kommunikation teilgenommen hatten, fiel die Adhärenz sogar noch besser aus .

Empathische Kommunikation

Eine andere Studie weist zum Beispiel nach, dass empathische Kommunikation Komplikationen verringern kann. Diabetiker entwickelten signifikant seltener metabolische Komplikationen, wenn der behandelnde Arzt hohe Empathiewerte zeigte (Acad Med 2012; 87: 1243).

Nachgewiesen wurde in einer weiteren Untersuchung, dass eine partnerschaftliche Kommunikation Patienten zufriedener macht. Die stärkere Einbindung der Patienten in Entscheidungen reduziert Konflikte. (BMC Health Serv Res. 2013; 13: 231).

Im Praxisalltag bleibt das Thema Kommunikation eine große Herausforderung. So hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung im vergangenen Jahr in einem Merkblatt wichtige Orientierungspunkte zu diesem Thema herausgearbeitet.

Voraussetzung für Kommunikation

"Eine patientenfreundliche Gesprächsführung ist im Wesentlichen ein aktives empathisches Zuhören. Es vermittelt dem Patienten das Gefühl, von seinem Arzt ernst genommen zu werden", heißt es darin.

Selbstreflexion, Offenheit und Geduld seien wesentliche Voraussetzungen für eine gute Arzt-Patienten-Kommunikation. "Weitere Hilfsmittel in der Gesprächsführung sind das Zuhören, Nachfragen, Wiederholen, Visualisieren, Feedback geben und den Blickkontakt halten."

Kommunikation soll ein zentrales Thema beim 118. Deutschen Ärztetag ab dem 12. Mai in Frankfurt am Main sein. Dabei werde es ausschließlich um das Verstehen und das Verstanden-Werden im Patienten-Arzt-Verhältnis gehen, sagte im Vorfeld der Präsident der Kammer Nordrhein Rudolf Henke.

Die Debatte um Rahmenbedingungen soll zumindest in Frankfurt außen vor bleiben, stellte Henke klar, der selbst einer der Referenten zu diesem Tagesordnungspunkt sein wird.

Gut strukturierte Gespräche

"Das Patientengespräch will vorbereitet, strukturiert und gerade auch in kritischen Entscheidungssituationen professionell geführt sein", erläutert Henke in einem Leitfaden, den die Kammer Nordrhein herausgegeben hat.

Dem könnten viele Kolleginnen und Kollegen "aufgrund einer natürlichen Gabe und ihrer ärztlichen Grundhaltung gerecht werden".

"Doch für die meisten von uns gilt es, die Regeln der guten Kommunikation schlicht und einfach zu erlernen", so Henke weiter.

Kommunikative Kompetenz müsse in der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Ärzten in Zukunft eine größere Rolle spielen, sagt er, "und das muss systematisch in Ausbildung, Weiterbildung und Fortbildung geschehen."

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