Ärzte Zeitung, 12.04.2007

HINTERGRUND

Beim Umgang mit behinderten Patienten fühlen sich viele Ärzte ins kalte Wasser geworfen

Von Christiane Inholte

Die Lebenserwartung von Menschen mit Behinderungen ist seit Mitte des letzten Jahrhunderts kontinuierlich gestiegen. Lebten etwa Patienten mit Down-Syndrom 1949 im Mittel gerade mal neun Jahre, so wurden sie 1963 schon volljährig. Heute haben sie nicht selten eine Lebenserwartung von 60 Jahren - und werden damit zu Patienten in Hausarzt-Praxen.

Eine geistig behinderte Frau spielt Tischtennis. Bei Menschen mit Behinderungen ist es oft schwierig, Krankheiten rechtzeitig zu erkennen. Foto: dpa

Niedergelassene Kollegen werden dabei häufig ins kalte Wasser geworfen, weil ihnen die Erfahrung im Umgang mit diesen Menschen fehlt. Für die Patienten verschlechtert sich dadurch oft die medizinische Versorgung, sobald sie nicht mehr von ihren Kinderärzten betreut werden, sagt Dr. Peter Martin, Leiter der Séguin-Klinik für Menschen mit schwerer geistiger Behinderung am Epilepsiezentrum Kork.

Da Menschen mit geistiger Behinderung sich anders als Erwachsene ausdrücken, werden Erkrankungen oft gar nicht erkannt. "Gerade bei Patienten mit schwerer geistiger oder Mehrfachbehinderung sind spezielles Wissen und spezifische Kenntnisse dringend erforderlich", sagte Martin bei einer Veranstaltung in Mainz.

Seh- und Hörstörungen werden oft übersehen

Schon bei der Kommunikation mit diesen Patienten gebe es häufig Probleme. "Seh- und Hörstörungen werden bei den Betroffenen oft übersehen", gibt Martin zu bedenken. Bei Menschen mit Entwicklungsstörungen seien einfache Untersuchungen, etwa Seh- oder Hörtests oft nicht möglich. Als Beispiel nannte Martin etwa die Gesichtsfeldbestimmung.

Sein Tipp: Einen großen roten Ball vor die Patienten legen. So wird meist ihre Aufmerksamkeit gefesselt und sie fixieren das Objekt. Nun kann ein Stab von einer Seite ins Gesichtsfeld geführt werden. Dann gilt es nur noch zu beobachten, wann die Patienten darauf aufmerksam werden. Für die Prüfung des Gehörs empfiehlt Martin Tests aus der Neonatologie, etwa das Ableiten von Hirnstammpotenzialen und otoakustischen Emissionen. Damit könne die Hörleistung gut bestimmt werden.

Nicht nur Untersuchungen sind häufig schwierig, auch sind Krankheitssymptome sind meist untypisch. So habe sich bei einem Hausbesuch ein Patient im Schrank eingesperrt. Er hatte offenbar große Schmerzen. Der Weg zur Diagnose führte über seine Risikofaktoren, intensive Diagnostik und auch die Befragung der Betreuer: Die Schmerzursache lag in seinem Inneren - der Mann hatte einen Herzinfarkt.

Viele Behinderungen gehen auch mit Komorbiditäten einher. So müssen Kollegen etwa bei Trisomie 21 an Fehlbildungen der HWS denken und die möglichen Folgen wie atlantookzipitale Instabilität oder Subluxationen. 40 bis 60 Prozent dieser Patienten haben zudem Herzfehler, etwa des Atrioventrikularkanals. Je älter sie werden desto häufiger treten Leukämien auf. Wenn Kollegen den Verdacht einer organischen Fehlfunktion haben, sollten sie die Patienten zum Facharzt überweisen.

Jede Behinderung hat zudem eine eigene Dynamik. Bei Menschen ohne Behinderungen sind die Verläufe von Krankheiten oder dem Älterwerden vertraut. So werden Kollegen bei einem adipösen, jungen Patienten mit zunehmendem Alter automatisch etwa Blutdruck und Blutzucker kontrollieren. Nicht so vertraut sind häufig die Verläufe bei Menschen mit Behinderungen.

Nach Angaben von Martin verschlechtern sich bei 40 Prozent der Patienten mit Zerebralparesen im Jugend- und Erwachsenenalter die Grundsymptome: Patienten, die gehen konnten, verlieren diese Fähigkeit; andere Patienten können nicht mehr frei sitzen. Diagnose und Therapie sollten daher speziell auf diese Patientengruppe zugeschnitten sein. So stellen Zerebralparesen nicht nur ein gravierendes Problem im Kindesalter dar, sondern fordern auch im Erwachsenenalter viel ärztlichen Sachverstand. Typische Symptome sind etwa spastische Lähmungen, Ataxien und Intelligenzminderung.

Spezielle Schulung könnte Ärzten den Umgang erleichtern

Um Ärzte gezielter auf den Umgang mit Behinderten vorzubereiten, schlägt Martin mehrere Wege vor: So kann er sich vorstellen, dass Allgemeinmediziner während ihrer Ausbildung zusätzlich für den Umgang mit Menschen mit Entwicklungsstörungen geschult werden. Eine andere Idee ist, Fachärzte für Medizin bei Menschen mit geistiger Behinderung auszubilden. Auch eine Zusatzqualifikation für Haus- oder Fachärzte wäre denkbar, wie sie etwa auch für Allergologie erworben werden kann.

So fühlen sich behinderte Menschen in der Praxis wohler

Zum Beispiel die Schmerzwahrnehmung bei Menschen mit Behinderungen unterscheide sich oft von der Gesunder, sagte Ilka Wienhöfer, Heimerzieherin im Behindertenheim "Haus im Winkel" in Essen zur "Ärzte Zeitung". Für den Praxisalltag hat Wienhöfer einige Tipps:

  • Es kann effektiver sein, kürzere und dafür mehrere Praxis- oder Hausbesuche für Untersuchungen einzuplanen, da "viele Menschen mit Behinderungen es nicht lange aushalten".
  • Hausbesuche sind nach Ansicht der Heimerzieherin sinnvoll. Viele Behinderte haben große Angst vor Ärzten. Eine vertraute Umgebung kann den Umgang erleichtern.
  • Patienten sollten mit Handschlag begrüßt und es sollte mit ihnen gesprochen werden. Häufig sind Menschen mit Behinderungen gekränkt oder enttäuscht, wenn nur über den Betreuer mit ihnen kommuniziert wird. Das kann die Kooperation deutlich stören.
  • Häufig simulieren Menschen mit Behinderungen, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Trotzdem kann immer etwas Ernstes dahinter stecken. "Je besser man den Patienten kennt, desto leichter fällt die Entscheidung, wann geholfen werden muss", so Wienhöfer.

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