Ärzte Zeitung online, 20.08.2008

Können rote Blutkörperchen aus dem Labor bald Blutspenden ersetzen?

LONDON (dpa). US-Forscher haben im Labor menschliche reife rote Blutkörperchen hergestellt. Sie seien aus embryonalen Stammzellen gewonnen worden und könnten vielleicht einmal einen Teil der Blutspenden ersetzen.

Die Wissenschaftler um Dr. Robert Lanza vom US-Unternehmen Advanced Cell Technology (ACT) in Worcester hatten menschliche embryonale Stammzellen zunächst mit speziellen Nährstoffen und Signalproteinen versorgt. So wurden sie zu Vorläufern von Blutzellen und später zu ausgewachsenen Blutzellen (New Scientist 2670, 2008, 10).

Das Bedeutendste dabei sei, dass diese Zellen danach ihren Zellkern ausgestoßen hätten, wie sie es auch im Körper bei der Reifung tun. "Experten sagten, das ist unmöglich, und wir waren selbst sehr überrascht, als es klappte", sagte Lanza dem Magazin. So hatten zwar einige Forscher laut "New Scientist" bereits rote Blutkörperchen hergestellt, diese aber nie zum Ausstoßen des Kerns gebracht. Der Schlüssel scheint zu sein, die Blutkörperchen auf bestimmten Bindegewebszellen aus dem Knochenmark wachsen zu lassen, wo sie auch gewöhnlich hergestellt werden.

Im Versuch konnten die neuen Blutkörperchen nach Forscherangaben sogar Sauerstoff transportieren. Dem Team gelang es nach eigenen Angaben, 100 Milliarden rote Blutkörperchen herzustellen. Die Forscher von ACT, der Universität Illinois in Chicago und der Mayo Klinik in Rochester haben ihre Arbeit im Fachjournal "Blood" online vorab veröffentlicht. Demnächst wollen sie die Zellen in Tierversuchen testen.

Dieser Erfolg gebe Hoffnungen darauf, einmal große Mengen roter Blutkörperchen der Blutgruppen 0 herzustellen, die von keinem Empfänger einer Blutspende abgestoßen werden, berichtet der "New Scientist" zudem. Dieses Blut könnte dann jedem Patienten gegeben werden, ohne vorher die Blutgruppe bestimmen zu müssen.

Die Blutgruppe 0 ist selten - unter den aus Europa stammenden Menschen sind es 8 Prozent, bei den Asiaten nur 0,3 Prozent. Das Forscherteam hatte in diesen Experimenten keine Zellen der Blutgruppe 0 hergestellt, weil Blutgruppen schon genetisch in den embryonalen Stammzellen vorherbestimmt sind und keine der Ausgangszellen Gene dieser Blutgruppe besaß.

Abstract der Studie "Biological properties and enucleation of red blood cells from human embryonic stem cells "

Topics
Schlagworte
Medizin (76374)
Organisationen
Advanced Cell Technology (13)
Wirkstoffe
Sauerstoff (480)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Werden europäische Männer immer unfruchtbarer?

Männern haben immer weniger Spermien. Direkte Rückschlüsse auf Fruchtbarkeit erlaubt das nicht – es könnte aber nur die Spitze eines Eisbergs gesundheitlicher Probleme sein. mehr »

Psychotherapie soll künftig Unifach werden

Ein einheitliches Berufsbild, Studium an der Uni. Die Psychotherapeutenausbildung steht vor umwälzenden Veränderungen. Kritiker vermissen beim Entwurf aber Konkretes zum Thema Weiterbildung. mehr »

Ist die menschliche Entwicklung am Ende?

Über Hunderttausende von Jahren ist der Mensch zu dem geworden, was er heute ist. Und nun? Ein Grimme-Preisträger fragt sich, ob Unsterblichkeit erstrebenswert ist und wohin uns die Evolution führen wird - oder kann der Mensch sie austricksen? mehr »