Ärzte Zeitung, 01.09.2016

Modellprojekt in der Notfallaufnahme

Der Hausarzt als Lotse

Vertragsärzte als Lotsen in der Notfallaufnahme eines Krankenhauses - die Medizinische Hochschule Hannover und Allgemeinärzte praktizieren dieses Modell bereits. Wie gut funktioniert es in der Praxis?

Von Christian Beneker

Der Hausarzt als Lotse

In der Notaufnahme der MHH Hannover haben Allgemeinärzte eine wichtige Steuerungsfunktion.

© Christian Beneker

HANNOVER. Die KV Niedersachsen und die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) setzen ihr gemeinsames Modellprojekt von Hausärzten in der Notaufnahme über einen Kooperationsvertrag fort. "Ziel der Vereinbarung ist eine optimierte Versorgung von Patienten, die sich mit gesundheitlichen Problemen in der Zentralen Notaufnahme der MHH vorstellen, aber hausärztlich behandelt werden können", teilt die MHH mit.

"Teil der Vertrages ist auch eine eingehende Evaluation des Patientenverhaltens, nachdem sie den Hausarzt in der Notaufnahme wieder verlassen haben", sagt der Direktor des Institutes für Allgemeinmedizin an der MHH, Professor Nils Schneider.

Das Projekt läuft schon seit 2013. Seither arbeiten abwechselnd sechs niedergelassene Allgemeinärzte werktags von 10 bis 18 Uhr als angestellte Hausärzte in der MHH-Notaufnahme und unterstützen die Fachkollegen in der Zentralen Notaufnahme, führen je nach Beschwerdebild eine Erstdiagnostik und Erstversorgung durch und ziehen bei Bedarf Ärzte anderer Fachdisziplinen hinzu.

Schwierige Krankheitsbilder

2014 wurden 1646 Patienten versorgt. Eine erste Evaluation ergab, dass die Patienten vor allem wegen Rückenschmerzen kamen, wegen Magen-Darm-Beschwerden oder Bluthochdruck. 76 Prozent von ihnen sind auf Selbstzuweisung gekommen, 23 Prozent auf Überweisung.

81 Prozent konnten nach der Versorgung die Praxis wieder verlassen. 21,1 Prozent wurden in das Krankenhaus aufgenommen. Insgesamt kamen nur 58 Patienten ein zweites Mal zum "Hausarzt der Notaufnahme".

So hausärztlich die Arbeit in der Notaufnahme auch sein kann, in einigen Punkten unterscheide sie sich deutlich, hat Schneider in Interviews mit den Hausärzten festgestellt. So ähnele sich das Krankheitsspektrum, aber die Fälle sind insgesamt komplizierter, auch haben die Patienten eine höhere Erwartung an die Versorgung.

Bald soll Projekt evaluiert werden

Auch das "abwartende Offenhalten kann in der ZNA nicht realisiert werden", heißt es in Schneiders Studie. Obwohl die Arbeit im multiprofessionellen Team als bereichernd empfunden wurde, aber man "die Stellung der Allgemeinärzte innerhalb der Fachdisziplinen nicht immer als gleichberechtigt erlebt."

Nun soll eine genauere Evaluierung des Projekts folgen. Ermittelt werden soll, wie es den Patienten erging, nachdem sie als Hausarztpatienten in der MHH-Notaufnahme waren, sagt Schneider. "Wir wollen wissen, ob sie später zum niedergelassenen Hausarzt gehen oder etwa in eine andere Notaufnahme."

Ein Gewinn auch für Studenten

Hintergrund der Frage ist der Umstand, dass die MHH keine eigene Notdienstpraxis als Konkurrenz zur ambulanten vertragsärztlichen Versorgung installieren will, wie Schneider betont.

Dr. Peter Kalbe, Vorsitzender des Bezirksausschusses der Bezirksstelle Hannover der KV Niedersachsen, sieht den Gewinn im interdisziplinären Austausch und der Lernmöglichkeit für Medizinstudierende.

"Sie können an der Seite von erfahrenen Hausärzten in der Notaufnahme zusätzliche Erkenntnisse sammeln. Auch für die Weiterbildung künftiger Hausärzte ist die Kooperation sinnvoll", sagte Kalbe. Die KV Niedersachsen fördert das Modellprojekt jährlich mit 100.000 Euro. Die Projektkoordination liegt in den Händen der MHH.

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